Boden unter den Füssen

Bodmanhaus trifft Arenenberg. Schriftsteller Werner Wüthrich sprach über Bauern und Bäuerinnen, ohne das Landleben zu verklären. Und über Brecht, den er kennt.

Ruth Bossert
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Predigt keine Nostalgie: Werner Wüthrich über Bauernstand und Brecht auf dem Arenenberg. (Bild: Stefan Beusch)

Predigt keine Nostalgie: Werner Wüthrich über Bauernstand und Brecht auf dem Arenenberg. (Bild: Stefan Beusch)

SALENSTEIN. Wenn er am Fenster sitze und das Schauspiel der sich verändernden Getreidefelder beobachte, überkomme ihn regelmässig die Sehnsucht nach dem Emmental, sagt der Schriftsteller Werner Wüthrich am Donnerstagabend im Festsaal des BBZ Arenenberg. Ein behäbiges Bauernhaus, ein Schopf, ein Stöckli und vielleicht noch ein paar andere Nebengebäude – fast ein eigenes, kleines Dorf oder zumindest ein unabhängiger Ort, an dem jeder selber noch die Geschichte bestimmt.

«Das war das Emmental, das ich erlebt habe.» Und damit hat er bereits seine zwiespältige Haltung aufgezeigt, wenn er die fliessenden Übergänge anspricht, die heute eine landwirtschaftliche Tradition schwierig machen. Die grossen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte, die heutige Unsicherheit und die zukünftigen Perspektiven lassen auch Wüthrich um eine Antwort ringen.

«Es hat einfach geschrieben»

Nein, Nostalgie wolle er nicht predigen, auf keinen Fall in das alte Klischee verfallen, früher sei alles besser gewesen. Doch aufzeigen, den Menschen auf den Höfen eine Stimme geben. «Bei der Landwirtschaft, dem Bauerntum geht es um die Basis der meisten Menschen überhaupt.»

Der Berner Autor, der nahe der Stadtgrenze als Sohn eines Pachtbauern aufwuchs und heute freiberuflich als Theaterautor, Schriftsteller und bekannter Brecht-Forscher arbeitet, hat sich in den vergangenen Jahren als literarischer Chronist der landwirtschaftlichen Arbeit und Kultur einen Namen gemacht. Werner Wüthrich hat die Entwicklung und Veränderung eines um die Existenz ringenden Berufsstandes dokumentiert: mit Geschichten und Porträts, aber auch mit vielen eigenen Gedanken und Erfahrungen. Er beschreibt eindrücklich die Konfrontation zwischen zwei Welten und schreibt gleichzeitig gegen das Verstummen. Und zwischen den Zeilen spürt man auch immer das Autobiographische, das er nicht verleugnen will.

Mit sympathischen Worten schildert Wüthrich, wie er sich in der Gymnasialzeit mit den Werken Bertolt Brechts auseinandergesetzt und wie ihn dieser Schriftsteller seither nie mehr losgelassen habe.

Damals schien sein Leben für ihn «gutmeinend» verplant. «Die Gutmenschen um mich herum wurden mir unerträglich», schilderte Wüthrich den ungefähr zwei Dutzend Interessierten seine Jugend. «Die Sprache wurde meine Rebellion», Schreiben sei damals ein Akt der Verzweiflung gewesen. «Es schrieb einfach», beschreibt er heute seine damalige Identitätssuche. «Das Aussenseitertum war meine Waffe.»

Vorwärtsgehen statt Rückschau

Im Gespräch mit Stefan Keller, Stiftungsrat der Kulturstiftung Thurgau, Historiker und Autor, erklärte Wüthrich, wie wichtig es ihm sei, Schnittstellen festzuhalten. «Ich will Kontraste zeigen, damit man die Unterschiede sehen kann.» Als Schriftsteller gehe es ihm heute um die Gegenwart, er glaube nicht, dass «wir heute in der besten aller Welten leben». Die Auseinandersetzung zwischen Stadt und Land, die Sehnsucht nach einer andern Welt, das Rückwärts oder die Zukunft der Menschen, ihre Widersprüche und ihre Emotionen beschäftigen ihn.

Und dabei komme er sehr nahe an Brecht, den städtischen Dichter, Dramatiker und Lyriker, der sich in den Dreissigerjahren und später während des Krieges in der Schweiz aufhielt und von dem Wüthrich zwischen 2002 und 2006 zufälligerweise Schachteln mit Originaldokumenten gefunden hat. Diese Dokumente dienten ihm dazu, Brechts Buch über den österreichischen Arbeiterführer Koloman Wallisch (1889 bis 1934) mit neuen Erkenntnissen herauszugeben.

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