BOBFAHREN: Zwischen Olympiasieg und Lehrlingsausbildung

Der Appenzeller Beat Hefti ist etwas vom Radar verschwunden. Der Olympia-Zweite von Sotschi, der vielleicht schon bald Gold erbt, hat sich aber mit vollem Elan dem Ziel verschrieben, mit 38 Jahren nochmals ein völlig neues Bob-Team aufzubauen.

Marcel Hauck
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Will es nochmals wissen: Der Ausserrhoder Beat Hefti. (Bild: Keystone)

Will es nochmals wissen: Der Ausserrhoder Beat Hefti. (Bild: Keystone)

Ungeduldig wartet Beat Hefti vor der geschlossenen Tür des Resultatdienstes am Start des legendären Olympia-Bobruns in St.Moritz. Er hat soeben die letzte Trainingsfahrt vor der Schweizer Meisterschaft absolviert - und will unbedingt die Abschnittszeiten analysieren. Das ersehnte Blatt endlich in der Hand, staunt der Appenzeller. «Die neue Linie war viel schneller», stellt er zufrieden fest. Das Feuer brennt auch mit bald 39 Jahren noch im besten Schweizer Bobfahrer des letzten Jahrzehnts - auch wenn er in diesem Winter kleinere Brötchen backen muss.

Ohne seinen langjährigen Weltklasse-Anschieber Alex Baumann resultierten bisher die Plätze 10, 7 und 8 im Europacup. «Ich bin nicht frustriert», versichert der als äusserst ehrgeizig bekannte Hefti. «Nach dem Abgang von Alex wusste ich, was mich erwartet und konnte mich darauf vorbereiten.» Der Ostschweizer steckt im für Spitzensportler fortgeschrittenen Alter mitten im langwierigen Aufbau einer neuen, konkurrenzfähigen Mannschaft.

Spezielle Anforderungen im Eiskanal
«Normalerweise braucht so etwas vier Jahre», erklärt der gelernte Zimmermann. Nach eineinhalb Jahren sieht er Fortschritte. «Wir haben viel trainiert, vor allem auch in Andermatt.» Dort steht eine Anschiebebahn. Die grosse Herausforderung ist die Umsetzung der athletischen Fähigkeiten in den Eiskanal. «Bergab rennen ist sehr speziell.» Der eine habe enorm viel Schub am Anfang, der andere könne den Speed besser bis zum Ende halten. «Immer besser lernen wir die spezifischen Schwächen der einzelnen Anschieber kennen und können daran arbeiten.»

An den Schweizer Meisterschaften an den letzten beiden Tagen des Jahres tritt Hefti im Zweier mit dem Luzerner Sandro Ferrari, im Vierer mit Ferrari und den beiden Neuenburgern Yann Moulinier und Robin Santoli an. «Ich hatte es anders geplant, aber es ist eine super Truppe», ist Hefti voll des Lobes über seine «Anschieber-Lehrlinge».

Dank seiner langjährigen Sponsoren musste sich Hefti keine grossen Gedanken über die Finanzierung machen. «Es ist jetzt anders, weil das Geld vorher auf weniger Köpfe verteilt war.» Nach Neujahr steigt er in Altenberg auch wieder in den Weltcup ein. Das Ziel ist die WM Mitte Februar in Königssee, auch wenn der erfolgsverwöhnte Pilot weiss, dass er nicht in den Kampf um die Medaillen wird eingreifen können. Es sei denn, er würde für die Titelkämpfe in Oberbayern Hilfe vom Team Rico Peter - zum Beispiel durch seinen langjährigen Anschieber Alex Baumann - erhalten. «Das ist eine Verbandssache», gibt sich Hefti diplomatisch. Für Swiss Sliding könnte es darum gehen, sich möglichst gute Startplätze für Olympia zu sichern. Anderseits wäre ein solcher temporärer Teamwechsel auch nicht frei von Tücken, wie Hefti zu bedenken gibt. Für seine jungen Anschieber wäre ein Einsatz an der WM natürlich eine grosse Motivation und unschätzbare Erfahrung.

Geerbter Olympiasieg?
Es tönt kurios, aber 2017 könnte für Beat Hefti trotzdem zum erfolgreichsten Jahr seiner Karriere werden. Angesichts des Dopingskandals um die russischen Wintersportler und die wahrscheinlichen Manipulationen der Kontrollen in Sotschi 2014 spricht viel dafür, dass Hefti in absehbarer Zeit zum neunten Schweizer Bob-Olympiasieger wird - dem ersten seit Gustav Weder 1994 in Lillehammer. Hefti belegte vor knapp drei Jahren mit Alex Baumann den 2. Platz hinter Alexander Subkow und würde Gold erben, wenn der Russe nachträglich disqualifiziert würde.

«Olympiasieger zu sein wäre natürlich schön», sagt Hefti. Er ist das Thema allerdings ziemlich leid. «Es wäre schön, wenn endlich mal Klarheit geschaffen würde. Das Schlimmste ist dieses Hin und Her.» Man wisse mittlerweile so viel über die Dopingvorgänge in Russland, es sei nun Zeit, «vorwärts zu machen». Ähnlich sieht er die Sache mit der Verlegung der WM von Sotschi nach Königssee. «Der Entscheid ist sicher korrekt, aber der Zeitpunkt war für die Fahrer falsch.» Es bleibe aber sowieso nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden.

Auf seine Karriere hätte es keinen Einfluss gehabt, wenn er bereits in Sotschi Olympiasieger geworden wäre. «Ich hätte auch dann wahrscheinlich nicht aufgehört», glaubt der Appenzeller. Zu gross ist seine Freude am Bobfahren. «Ich gibt so viele, die mit 30 aufhören und es dann bereuen», stellt er fest. «Das Fahren macht mit der Erfahrung, die ich nun habe, immer mehr Spass.» Und so fuhr er in diesem Frühling sein eigenes Trainingsregime nach zwei «eher lockeren Jahren» nochmals hoch. «Mit bald 39 macht man keine grossen Sprünge mehr», meint er lachend. «Aber ich bin fitter als letztes Jahr.» Das Ziel ist klar: Er möchte mit seinem neuen Team 2018 in Pyeongchang noch einmal an die Olympischen Spiele. Auch wenn er seine Goldmedaille vielleicht schon vorher erhält.