Bitte mehr Lyrik!

Wer nur den herzlichen Applaus und das helle Lachen gehört und nur die gebannten und dann heiter entspannten Gesichter des Publikums gesehen hätte, wäre sicher gewesen, dass auf der Bühne spektakuläres Theater oder fulminante Musik geboten wurde.

Alex Bänninger
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Wer nur den herzlichen Applaus und das helle Lachen gehört und nur die gebannten und dann heiter entspannten Gesichter des Publikums gesehen hätte, wäre sicher gewesen, dass auf der Bühne spektakuläres Theater oder fulminante Musik geboten wurde. Tatsächlich handelte es sich ums Vortragen anspruchsvoller lyrischer Texte.

Den zwölften Frauenfelder Lyriktagen gelang es, einer literarischen Form, die so schnell, wie es bloss das Vorurteil schafft, als einschläfernd still oder verwirrend elitär bezeichnet wird, zu Glanz und Resonanz zu verhelfen.

Die von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau umsichtig organisierte und von der Lyrikerin Nora Gomringer mit souveräner Kompetenz kuratierte Veranstaltung verwandelte die Theaterwerkstatt Gleis 5 in eine Arena der packenden Sprachkunst. Vincent Barras, Michael Lentz, Michael Stauffer, Christian Uetz und Raphael Urweider provozierten, besänftigten und verblüfften das Publikum im mitreissenden Wechsel.

Die nächsten Lyriktage finden erst in zwei Jahren statt. Bis dahin bleibt im Thurgau die moderne, die Sprache experimentierfreudig vorantreibende Lyrik dem Schicksal der verächtlichen Nichtbeachtung überlassen. Eine Chance wird unglaublich verpasst.

Tage der lyrischen Texte sind in der Schweiz selten. Der Thurgau könnte sich ausstrahlend und anziehend profilieren und einer der schönsten literarischen Gattungen fördernd Anerkennung zollen. Das Frauenfelder Juwel müsste jedes Jahr weithin sichtbar werden.

Die Erfahrung ist vorhanden, der Erfolg bewiesen, jeder Geldgeber der Sorge enthoben, ob es mit rechten Dingen zugeht. Es geht. Mit angemessenem Budget noch besser.

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