Bin ich einer, bin ich zwei, bin ich viele?

KONSTANZ. «Märchen – Mythen – Europa» als Motto am Theater Konstanz geht in die zweite Spielzeit und zeigt erstmals eine eigene Tanztheaterproduktion: «Spiegel im Spiegel» nach dem und um das gleichnamige Stück des estnischen Komponisten Arvo Pärt.

Dorothee Kaufmann
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Sucht tanzend nach der menschlichen Identität: Angelika Thiele. (Bild: Theater Konstanz/Bjørn Jansen)

Sucht tanzend nach der menschlichen Identität: Angelika Thiele. (Bild: Theater Konstanz/Bjørn Jansen)

Geheimnisvoll, verletzlich und vergänglich wirkt die Textcollage, die eine zarte Frauenstimme im Wechsel zwischen estnischen und deutschen Passagen spricht. Anklänge an das estnische Epos um den Helden Kalevipoeg meint man ebenso zu hören wie Bruchstücke aus der Bibel; eine Stimme, die das Böse nicht bezwingt, es aber zähmt, so geht das Epos.

Ein Himmel über Tallinn breitet sich textsphärisch aus, während Franziska Jacobsens Bühnenbild den Blick in das dunkle Innere, in die Vergangenheit zwingt: Mauerreste mit alten Tapeten, Wäscheleinen mit Tüchern aus vergangenen Tagen und fast blinde Spiegel.

Veränderliche Identität

Mit den ersten musikalischen Klängen erwacht die Hauptdarstellerin Angelika Thiele, die sich tanzend ihre Spiegelwelt zurechtrückt: Selbstreflexion als Konstruktion, als veränderliche Spiegelidentität wird uns hier mit geschmeidig zupackender Zielstrebigkeit vorgeführt – bis der männliche Hauptdarsteller Hansel Nezza hinter einer der Spiegelwände hervorkommt.

Der scheinbare Monolog wird zum tänzerischen Dialog, das Ego findet ein Alter Ego, und das Klangmaterial, das Almut Lustig rund um Pärts Komposition im Werkprozess hat entstehen lassen, wird dichter, rhythmisch, ja bedrohlich.

Von Kämpfen bis Kosen

Die beiden Tänzer, die ihr Bewegungsvokabular aus Improvisationen heraus gemeinsam mit der Regisseurin und Choreographin Ana Mondini seit Januar für diese Produktion entwickelt haben, führen uns ausdrucksstark die Spielarten der Begegnung von Kämpfen bis Kosen vor: von harmonischem Miteinander bis hinterlistige Bissigkeit, von Schattentanz über Verschmelzung bis Marionettentanz, von Lust und Leidenschaft bis Abwehr und Grenzüberschreitung, die Leiden schafft. Beide Tänzer zeigen überzeugende Ausdrucksstärke, Körperbeherrschung und Technik.

Die erarbeiteten Bewegungsarchetypen jedoch sind nicht leicht greifbar. Ebenso wie sich die vierteilige Gesamtdramaturgie des Stückes nicht einfach erschliesst: Die meditative Originalkomposition Arvo Pärts «Spiegel im Spiegel» liegt wie eine Spiegelachse in der Mitte des Stückes und wird durch erinnerndes Innehalten inszeniert, indem sich Angelika Thiel – zum Spiegel gewandt – alte Kleider vom Leib streift und sich trockenes Herbstlaub aufs Haupt streut.

Zu rasches, offenes Ende

Die Fortsetzung und vor allem der abrupte Schluss sind jedoch nicht klar zu fassen. Bewegungsechos aus dem ersten Teil scheinen auf, diesmal in festlicher Kleidung, die die Tänzerin und den Tänzer noch mehr als Paar erscheinen lässt.

Prolog, Labyrinth I, Traum, Labyrinth II – so ist das 60 Minuten dauernde Stück angelegt, das zur Uraufführung mit 80 Plätzen in der Theaterwerkstatt ausverkauft war. Den Epilog zu erfinden, ist dem Publikum überlassen – ein offenes Ende, das allzu unerwartet gekommen ist.

Weitere Spieltermine: 25.2.–29.3., 20 Uhr, Werkstatt www.theaterkonstanz.de

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