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Bilderreise in die Vergangenheit

SIRNACH. «Heimat – eine Erfindung», das sind Aussen-Interventionen und ein Bilderzyklus in der Privatklinik Clienia in Littenheid, die der bis vor kurzem in New York lebende Maler Dieter Hall als Erinnerungsarbeit vorlegt.
Barbara Fatzer
Kofferlager Littenheid, Littenheider Begegnungen Bild: Vater von Künstler Dieter Hall (Bild: Stefan Beusch)

Kofferlager Littenheid, Littenheider Begegnungen Bild: Vater von Künstler Dieter Hall (Bild: Stefan Beusch)

Das ehemalige Kofferlager der psychiatrischen Klinik in Littenheid hat sich in einen mehrräumigen Ausstellungsort verwandelt. Er ist alles andere als eine helle, präzis ausgeleuchtete Galerie, sondern er hat Wände und Böden aus rohem Holz. Das passt gut zu den neuesten Bildern von Dieter Hall. Er ist zurückgekehrt an den Ort seiner ihn prägenden Jugendjahre, wo er seit dem sechsten Lebensjahr mit seinen Eltern gelebt hatte. Auf verschiedenen Stockwerken tun sich – wie durch Fenster in eine andere Zeit – Landschaften auf, Menschen, wenige Interieurs.

Eindringliche Porträts

Die meisten zum Teil grossformatigen Werke sind von einer schweren, verdichteten Farbigkeit, die helleren, buntfarbigen Erinnerungsbilder des Künstlers dagegen sind im angrenzenden Klinik-Café aufgereiht. Wohl am packendsten sind die verschiedenen Porträts, die nun aus dem Dämmer auftauchen. Gegen 180 Zentimeter hoch sind Persönlichkeiten der Klinik wiedergegeben, auch von der Besitzerfamilie Schwyn, die in vierter Generation die jetzige Privatklinik leitet. Aber das sind nach Halls Erinnerung oder Wiederbegegnung keine Ärzte oder Verwalter, sondern Männer in einfachem Hemd und Hose, es könnten auch Handwerker in Überkleidern sein. Frontal sitzen oder stehen sie lockerer da, mit langen Armen und grossen Händen, sympathisch in ihrer Selbstverständlichkeit und mit ihrem interessierten Blick.

Besonders berührend ist das Brustbild von Dieter Halls Vater, der Chefarzt in Littenheid war. Er starb früh 1977 – eine schmerzhafte Erinnerung für Hall. Gemalt hat es der Künstler aber dieses Jahr nach einer Schwarzweissfotografie, die Grautöne sind vorherrschend. In der rechten oberen Ecke ist ikonenartig ein Heiliger in Gold-Rot-Blautönen eingefügt. Es könnte der heilige Lukas sein, der als Patron der Künstler gilt. Zusätzlich ist es aber auch ein Hinweis auf eine der Herkunftslinien von Dieter Hall, die in Äthiopien beginnt.

Aufschlussreich für die ganze jetzige Ausstellung ist ein kleines Bild von 1981 auf dem Dachboden des Kofferlagers. Dort ist bereits der früh verlorene Vater als Miniatur gepinselt, ebenso in Grautönen, daneben in warmem Licht eine Frau – die Mutter? Rechts davon ist ein abgedunkeltes Interieur angedeutet, Buntstifte auf einer Tischfläche. Wohl ein Schlüsselbild für Dieter Hall, der nach abgeschlossenem Kunststudium sich ganz dem Malen zugewandt hat und später nach New York auszog.

Littenheider Bilderzyklus

Nun hat er zurückgefunden an den Ort, der für seine Jugendzeit prägend war – den Ort mit seiner ausgreifenden Landschaft, in der das Klinikdorf wie eine Oase wirkt, mit all den Menschen, die hier gezwungenermassen eine Gemeinschaft bilden müssen. «Littenheid ist eine erfundene Heimat … Aber nur dort habe ich je so etwas wie ein Heimatgefühl gehabt; ein Gefühl, das über die Jahre immer stärker geworden ist.» Das war Dieter Halls Anregung, diesen Bilderzyklus zu schaffen, der grösstenteils in den letzten zwei Jahren entstanden ist. Es ist eine ehrliche, intime Wiederfindung von Heimat, die sich in dieser Bildwelt auftut. Sie reicht bis in den Aussenbereich: überall laufen Hühner, Büsis, Enten im Park herum, auch «Goyas Telefon» wartet am Weg auf Anrufe. Und sehr tröstlich der «Wunschbaum» auf dem klinikeigenen Friedhof, spielerisch wie ein Kind und doch so ernsthaft geht Dieter Hall um mit seinen Erinnerungen an Littenheid.

Sprachliche Genüsse

Die Vernissage am Sonntag war nicht nur ein Kunstereignis erster Güte, auch sprachlich-literarische Genüsse wurden prominent dargeboten. Christian Uetz trat mit seinem druckfrischen Buch «Sunderwarumbe» auf; Halls Freund, der Schauspieler Robert Hunger-Bühler, trug ausgewählte Texte vor. Und nicht zuletzt gab Alex Bänninger Einblicke in die Laufbahn des Künstlers. Er hat die Ausstellung auch kuratiert und den Katalog redaktionell betreut. Von Kunsthistoriker Christoph Vögele stammt ein weiterer Textbeitrag.

Clienia Privatklinik, Littenheid. Do–So 13–17 Uhr; bis 14.10.; an den Wochenenden ist Dieter Hall anwesend.

Dieter Hall auf dem Friedhof der Klinik Littenheid an der Vernissage seiner Ausstellung «Heimat – eine Erfindung», die auch das Ölbild «Mein Vater» (2012, 140 × 95 cm) zeigt. (Bilder: Stefan Beusch)

Dieter Hall auf dem Friedhof der Klinik Littenheid an der Vernissage seiner Ausstellung «Heimat – eine Erfindung», die auch das Ölbild «Mein Vater» (2012, 140 × 95 cm) zeigt. (Bilder: Stefan Beusch)

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