Bilder einer vergangenen Welt

Als Entdeckung wird die Ausstellung «Bert Jäger – Fotografie» im Kunstmuseum Singen von den Ausstellungsmachern gefeiert. Zugleich wird die Präsentation dieser Entdeckung als Wagnis bezeichnet. Das macht neugierig!

Dorothea Cremer-Schacht
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Le moment décisive: Anzio, 1954, Schwarzweissfotografie – eines von Bert Jägers Bildern im Kunstmuseum Singen. (Bild: Bert Jäger)

Le moment décisive: Anzio, 1954, Schwarzweissfotografie – eines von Bert Jägers Bildern im Kunstmuseum Singen. (Bild: Bert Jäger)

SINGEN. Bert Jäger verstand sich als Maler und nicht als Fotograf. Er gilt als ausdrucksstarker «Informeller», der in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens verankert ist. 1919 in Karlsruhe geboren, studierte er an der dortigen Akademie, später auch in Wien. Krieg und Gefangenschaft in Russland unterbrechen seine künstlerische Laufbahn, die er erst 1949 in Freiburg wieder aufnehmen kann.

Seine Fotografien entstehen auf Reisen in den 50er- und 60er- Jahren ins benachbarte Frankreich sowie Italien. Viele der Italienbilder sind Teil seines «Brotberufs» für die Caritas – für die er auch das bekannte Flammenkreuz-Signet entwirft. Vor allem im Auftrag ihres Pressereferenten, Pfarrer Ernst Schnydrig, bebildert er verschiedene Projekte vor Ort.

2004, sechs Jahre nach Jägers Tod, stösst der Verleger Dieter Weber im Nachlass auf ein unbekanntes Konvolut von 3000 Negativen, das dieses Schaffen wieder lebendig macht. Er erschliesst den Bestand und stellt ihn in einer Auswahl von 135 Neuabzügen erstmals vor. In kleinen, quadratischen Bildern, die auf den Gebrauch der zweiäugigen Rolleiflex-Kamera hinweisen, sehen wir Männer und Frauen im Alltag agierend. Viele zeigen Kinder, deren Trauer oder Lebenslust Jäger phantastisch attestiert und die uns nach 50 Jahren in eine versunkene Welt entführen.

Aussteller urteilen anders

Worin liegt nun das Wagnis dieser Ausstellung? Jäger hat die Fotografien nicht seinem künstlerischen Schaffen zugeordnet. Die Ausstellungsmacher fällen hier ein anderes Urteil als der Künstler selbst. Posthume Wertschätzungen hat es immer wieder gegeben. Ein prominenter Fall ist Vivian Maier, die ihre dezidierten fotografischen Beschreibungen über das Leben in Chicago zeitlebens in Kästen verwahrte, bis sie nach ihrem Tod 2009 in andere Hände geraten und öffentlich werden. Wenn Werke ohne den Segen des Künstlers im Museum verortet werden, muss es gute Gründe geben.

Leiter Christoph Bauer muss hier ein Vertrauensvorschuss gegeben werden. Seit der grossen Überblicksausstellung 2002 über das Fotoschaffen am See widmet er sich regelmässig herausragenden Kamerameistern. Hilfestellung für die Darbietung der angewandten Seite des Mediums im Kunstkontext bietet nicht zuletzt die seit den 70er-Jahren zu beobachtende Neubewertung der Fotogeschichte.

Der entscheidende Augenblick

Den Ausschlag gibt jedoch die Qualität der Aufnahmen; Bauer ist von Komposition, Bildausschnitt und Motivwahl überzeugt. Es sind keine flüchtigen, touristischen, sensationellen Bilder, nein – es sind präzise, einfühlsame Wirklichkeitsschilderungen. Der Museumsmann vergleicht Jäger mit Cartier-Bresson, dem Dokumentaristen schlechthin, der den Begriff le moment décisif prägte, was sich kurz mit Übereinstimmung von Komposition und Inhalt deuten lässt. Und in der Tat findet man das in Jägers Bildern, wie in «Anzio», wo er eine junge Verkäuferin im Vordergrund herausschält und sie gleichzeitig mit dem geschäftigen Handeln der vielen anderen Marktbesucher eins werden lässt.

Bewertung nicht endgültig

Die Aussteller stellen Jäger nicht nur in den Kontext mit Bildberichten von Werner Bischof, Ernst Haas oder kreativen Stilen wie «subjektive fotografie», sondern sie vermuten, dass er sich intensiv mit ihrem Werk beschäftigt hat. Der Reiz dieser Schau liegt vor allem darin, dass die Bewertung Jägers als Fotograf nicht abschlossen ist. Dem Besucher obliegt es zu prüfen, ob er dem mutigen Urteil der Ausstellungsmacher folgt. Dabei stellt sich die spannende Frage, was künstlerische Fotografie auszeichnet – und allein diese Reflexion rechtfertigt den Besuch in Singen.

Bert Jäger (1919–98) – Fotografie. Städtisches Kunstmuseum Singen, Ekkehardstrasse 10. Di–Fr 14–18, Sa/So 11–17 Uhr; bis 16.9. Katalog. kunstmuseum-singen.de

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