Kolumne

Bierduschen müssen nicht sein

Es ist eine Freude, die mehrheitlich jungen Anhänger in den Fankurven zu erleben. Mindestens jene Mehrheit, die sich so verhält, wie man sich dies ­vorstellt. Die Fans singen, tanzen, schwenken Fahnen, und während der Woche arbeiten sie stundenlang an ihren Choreos. Diese Fans sind ein Gewinn für jeden Verein.

René Bühler
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Unser Kolumnist René Bühler.

Unser Kolumnist René Bühler.

Benjamin Manser

Doch müssen die Spieler vor den Fans in die Knie gehen, müssen sie sich von ihnen gar verhöhnen lassen, wenn die Resultate nicht stimmen? Nein, auf keinen Fall! Dieser Untugend sollte im Spitzenfussball endlich ein Riegel geschoben werden.

Fünf Niederlagen in Folge oder Abstiegskampf – dies alles kommt in den Schweizer Stadien wieder auf uns zu, spätestens in der Rückrunde der laufenden Saison. In der Ostschweiz freuen wir uns, dass der FC St.Gallen in dieser Meisterschaft nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird. Aber für die Spieler der Teams mit Abstiegssorgen wird nach dem Schlusspfiff die Verabschiedung von den Fans wieder zum Gang nach Canossa.

Sich beschimpfen zu lassen, ist des Schlechten zu viel

Es folgen meistens Beschimpfungen und Bierduschen anstatt aufbauende Worte. Man erinnert sich mit Schrecken an die Vorkommnisse bei den Grasshoppers im Frühling, aber auch die Bilder aus der Bundesliga haben Spuren hinterlassen und müssen zum Handeln anregen. Es ist schon schwierig genug für die Spieler, in solch entscheidende Partien zu gehen, sich dann aber auch noch beschimpfen zu lassen, ist des Schlechten zu viel.

Man darf es auch nicht damit rechtfertigen, dass dies bei einem so gut bezahlten Job einfach dazugehöre. Erfolglose Wirtschaftsbosse werden vor ihren Mitarbeitern auch nicht blossgestellt. Im Gegenteil, viele kassieren ihre Prämien auch dann noch, wenn die Erfolge nicht da sind, und oft wartet noch ein «goldener Fallschirm».

Kein überschwängliches Feiern bei Siegen, aber auch keine Panik und Beschimpfungen bei Niederlagen: So könnte es gehen, so wird es auch von den meisten Teams in England und Spanien gelebt. Zurück zur Konzentration auf den Fussball, wo Sieg und Niederlage ganz einfach zum Spiel gehören. Es ist eine Zumutung, wenn ein Verein seine Spieler solchen Anfeindungen aussetzt. Neben der Kritik in allen Medien und den ­Beschimpfungen in den berüchtigten Chats muss es dann auch einmal genug sein.

Die Spieler sollten geschützt werden

Gerade nach einem Spiel, in dem die Emotionen hochgingen, sollten die Spieler vor dieser Minderheit von sogenannten Fans geschützt werden und nicht als Stossdämpfer für Frustrationen herhalten müssen. Die Vereine sollten eine Charta als Grundlage für ein verändertes Verhalten im Umgang mit den Fans unterschreiben. Weniger ist mehr – weniger feiern nach Siegen, aber dafür auch keine Vorführung der Spieler vor der Fankurve, wenn diese «brennt». Man kann sich bei einer Niederlage auch aus der Distanz für die Unterstützung bedanken. Kein Vorgesetzter würde seine Mitarbeiter nach einem Fehler vor den Kunden so vorführen. Für solche Diskussionen und Entscheide sollte auch Platz sein im Komitee der Swiss Football League. St.Gallens Präsident Matthias Hüppi ist nun Mitglied dieses Gremiums. Man könnte sich gut vorstellen, dass alle Vereine froh wären, wenn man zu diesem unrühmlichen Kapitel ein einheitliches Vorgehen unter den Clubs anstreben würde.

Unser Kolumnist

René Bühler wirft in unregelmässigen Abständen einen Blick auf das Sportgeschehen. Bühler ist Ehrenpräsident des FC Fortuna St.Gallen, Gründer des Hallenturniers Regiomasters und Herausgeber des Buches «Fussballjahre». (red)