BEWEGTES LEBEN: Djourous Welt

Johan Djourou ist der Deutschschweiz trotz elfjähriger Präsenz im Nationalteam verborgen geblieben. Dabei könnte seine Geschichte spannender nicht sein. Sie ist geprägt vom Herkunftsland, von seiner Adoption, Arsenal und den Jahren mit Hamburg.

Christian Brägger, Lausanne
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Der blondierte Johan Djourou sagt: "In Hamburg hast du Druck, Druck, Druck und das jeden Tag." (Bild: CYRIL ZINGARO (KEYSTONE))

Der blondierte Johan Djourou sagt: "In Hamburg hast du Druck, Druck, Druck und das jeden Tag." (Bild: CYRIL ZINGARO (KEYSTONE))

Johan Djourou trägt jetzt sein Haar wieder dunkel, davor ist es blond gewesen. Oder weiss, wie er es nennt. Weil er eine Wette verloren hat, die er nie und nimmer zu verlieren glaubte. Er tippte auf Hillary Clinton als neue Präsidentin der USA. Seine Ehefrau hielt dagegen und setzte auf Donald Trump.

Es muss lustig zu- und hergehen in im Hause Djourou, in der Welt des Fussballprofis, der mit 17 Jahren beim Traditionsclub Arsenal debütierte, aber jetzt in der Bundesliga mit Hamburg nicht mehr zum Zug kommt. Johan Djourou, das sind seine Ehefrau und die drei Kinder. Das ist aber auch die Schweizer Nationalmannschaft, für die er in elf Jahren 66-mal auflief und zwei Tore erzielte. Djourous Welt ist vor allem geprägt von seiner Kindheit, er wurde adoptiert und wuchs nur 17 Monate bei der leiblichen Mutter auf. Djourou wirkt irgendwie auch wie ein grossgewachsener Teddybär, den ein Kind umarmen möchte – seine Rehaugen strahlen Wärme aus, sein grosser Mund hat irgendwie etwas Beschützendes. Und: Djourous Welt erschliesst sich insbesondere dem Deutschweizer erst nach einem langen Gespräch, der Romand ist ihm bislang irgendwie fremd geblieben.

Ein von der Adoption geprägtes Ich
Djourous Vater lebte in Genf mit seiner weissen Ehefrau, einer Schweizerin, als er öfters ferienhalber in der Heimat weilte, der Elfenbeinküste. Er pendelte zwischen diesen Welten, es kam in der Gegend um Abidjan zu einer Affäre, daraus entstand der kleine «Joe». Irgendwann beichtete der Vater die Existenz des Sohnes seiner Ehefrau, mit der er kinderlos geblieben war. Sie zeigte Grösse und verzieh. «Ich glaube, sie hatte es herausgefunden», sagt Djourou. Weil die Zeiten für die leibliche Mutter in dem politisch instabilen Land schwierig waren, entstand der Plan, «Joe» nach Genf zu holen, 17 Monate alt war er damals. Der Plan wurde Tatsache, die neue Mutter war nun weiss, sie adoptierte ihn. «Das war doch eine unglaubliche Geste von ihr. Ich bin zu hundert Prozent Schweizer, und zu hundert Prozent Afrikaner.» Johan Djourou sagt: «Haben Sie Kinder? Stellen Sie sich das vor: Ihre Mutter gibt Sie als Baby weg.»

Es hat 15 Jahre gedauert, bis Djourou sich erstmals einer Begegnung mit der leiblichen Mutter stellte. Er sei ihr niemals böse gewesen, aber er wollte sie verstehen. «Ich hatte Angst, ich wusste ja nicht, was ich mit ihr reden sollte. Wir hatten nichts Gemeinsames, es war wie ein Schock. Ich habe kein Wort herausgebracht.» Es hat lange und viele Gespräche gebraucht, um alles zu verarbeiten. Heute weiss Djourou: Das Weggeben war ihr nicht leicht gefallen, doch es ging darum, dem kleinen «Joe» eine bessere Chance im Leben zu ermöglichen, da sie in ärmlichen Verhältnissen lebte.

Gründung eines Kinderhilfswerks in Senegal
Djourou sagt: «Meine Geschichte ist nicht normal. Dennoch ist meine richtige Mutter heute meine beste Freundin.» Vielleicht hat jene Fügung des Schicksals ihm die Karriere als Fussballer ja ermöglicht, vor allem aber hat sie aus ihm den Familienmenschen gemacht. Der 30-Jährige hat vier Halbgeschwister, und weil er früh schon erfolgreich war, ist er der Chef der Grossfamilie, der für den Rest schaut. Den Mittelpunkt seines Lebens bilden die drei kleinen Töchter, hier wird der Teddybär real. Als Vater postet er dann auf Instagram Videos, wie die Mädchen singen und tanzen: «Ja, sie wollen Sängerinnen werden», lacht Djourou. Überdies hat er mit einem Berater in Senegal das Kinderhilfswerk «Kemi Malaika» gegründet, auch seiner Lebensgeschichte wegen. Und dann, nach fortgeschrittener Zeit, sagt er zur Wahl Trumps: «In einem so grossen Land wie Amerika müsste es doch bessere Politiker geben. Mit Trump läuft es nicht optimal. Ich hoffe, es wird nicht schlimmer. Stellen Sie sich vor: Plötzlich kommt eine Mauer und es heisst, sie können nicht mehr ins Land.» Dabei dürfe man nicht vergessen, welche Leute die Drecksarbeit machen würden.

Schwierige Zeiten in der Bundesliga mit Hamburg
Seit dreieinhalb Jahren und noch für zwei Monate ist Djourous Fussballwelt Hamburg, dann endet für den 30-Jährigen ein fast ununterbrochener Existenzkampf um den Verbleib in der Bundesliga. Eine Zeit, die geprägt ist von «Druck, Druck, Druck, und das jeden Tag», sagt er. «Acht Trainer habe ich hier gehabt, dazu drei Sportchefs, das sagt schon alles, es war für keinen einfach hier. Und ich bin noch einer, der stark im Kopf ist.» Zweimal mussten die Hamburger in die Relegation, beide Mal konnten sie sich retten, ehe die vergangene Saison mit dem zehnten Schlussrang Zuversicht auslöste. Sie war fehl am Platz. Denn schon in dieser Saison geht es wieder turbulent zu und her. Der Trainer wurde entlassen, es folgte Markus Gisdol, doch Hamburg steht wieder auf dem Relegationsplatz und Djourou ist in Ungnade gefallen. Die Rückrunde war schwierig für ihn, zuerst war er leicht angeschlagen, und dann, gegen die Bayern, warf Gisdol ihn ins kalte Wasser. Hamburg verlor 0:8 – und Djourou war der Sündenbock. «Wir hatten als Team eine schwierige Zeit.»

Doch die Signale waren im Herbst schon nicht gut gewesen in Hamburg, der Coach nahm dem Innenverteidiger damals die Captainbinde weg, ihm, dem von der Mannschaft Gewählten. Die Hanseaten hatten soeben erstmals mit der Dreierkette gespielt, 2:5 waren sie in Dortmund untergegangen, und Djourou sagte den Journalisten: «Wir haben die Dreierkette zwei Tage lang trainiert, natürlich fehlen die Automatismen. Aber wir sind Profi genug, trotzdem in einer Dreierkette zu spielen, wenn der Trainer dies verlangt.» Danach hiess es, Djourou desavouiere Gisdol, es kam zum Bruch. Der Verteidiger sagt, die Absetzung sei für ihn kein Problem gewesen, weil nur die Mannschaft zähle. Zumal es in der offiziellen Version hiess, Gisdol wolle mit einem neuen Captain eine neue Kultur ins Team bringen. Aber der Genfer vermutet auch, man habe nach aussen hin den Brandherd wohl auf ihn verlegen wollen, weil es damals gerade eine Niederlagenserie gab und der Trainer unter Druck geriet. Djourou sagt: «Ich habe kein Problem damit, wenn man andere Spieler besser findet als mich und mir diese Meinung kundtut. Aber wenn du spürst, dass es aus einem anderen Grund mit dir im Club abwärts geht, dann ist das nicht gut.» Als er dann nicht mehr spielte, war das Thema in den Medien sofort gross, «viel zu gross». Auch in der Schweiz. «Obwohl ich jetzt nicht sagen möchte, dass ich in Hamburg meine schlechteste Phase hatte.» Deswegen wäre Djourou in der Winterpause gerne gewechselt, Crystal Palace wollte ihn zurück auf die Insel locken, doch es klappte nicht. Auch aus Hamburg hiess es damals, man brauche ihn.

Der Höhepunkt zu Beginn der Karriere – was bringt die Zukunft?
Doch was könnte die Zukunft noch bringen für einen, der als 16-Jähriger den Heimclub Etoile Carouge verliess, um ausgerechnet bei Arsenal Profi zu werden und 140 Pflichtspiele mit den Londonern absolviert hat? Für einen, der mit Jens Lehmann, Thierry Henry oder Robin van Persie gespielt hat? Für einen, der fast 600 Tage in der Karriere verletzt oder krank gemeldet war? Djourou sagt: «Es kann noch sehr viel kommen.» Er sagt das nicht so einfach daher, man glaubt ihm. Denn der Romand ist einer, der reflektiert, sinniert, und sich nervt, dass Fussballer in Klischees gedrückt werden: «Es heisst dann, der Fussballer habe viele Autos, schöne Frauen und verdiene zu viel. Doch die Leute kennen seine Geschichte nicht, und das ist doch das Problem. Sie wissen nicht, was dahintersteckt, was er alles dafür getan hat.» Es fehle manchmal der Respekt. Und gar zu schnell gehe vergessen, was man einmal geleistet habe. Daran müsste man sich doch erinnern können, sagt Djourou. Vladimir Petkovic sei hier das Gegenteil, der Schweizer Nationaltrainer vergesse nicht, was einmal gut war. Nicht wie jene Schweizer Anhänger, die Djourou oft auf einen Fehler reduzieren. «Leider bin ich Verteidiger, da hast du nicht so viele Aktionen, die man bemerkt. Und dann bleibt halt das Negative haften. Auch die Schweizer Medien verhalten sich manchmal ein wenig komisch mir gegenüber.» Auch weiss Djourou, dass er manchmal ungelenk wirkt, doch er sagt, er sei ein guter Fussballer, weil er durch die Arsenal-Schule gegangen sei.

Seit elf Jahren spielt Johan Djourou für die Schweiz, drei Trainer hat er erlebt, an der Seite Fabian Schärs hat er in den vergangenen Jahren zwei starke Endrunden gezeigt. Was war für ihn das Prägendste in all der Zeit? Djourou überlegt lange, dann sagt er: «Diese unnötige Diskussion um die Identifikation. Die Schweiz war immer multikulturell, ich dachte, wir seien hier weiter. Wir haben nun einmal Spieler mit mehreren Nationalitäten.» Er habe die Frage der Leute nie verstanden: «Wo sind die richtigen Schweizer?» Djourou, der Genfer, mit afrikanischen Wurzeln, ist einer.