Nach zweitem Platz in Flumserberg: Bernal übernimmt an der Tour de Suisse das Kommando

In der ersten Bergetappe macht der Kolumbianer Egan Bernal ernst. Der Favorit wird in Flumserberg Zweiter und übernimmt vor der langen Fahrt auf den Gotthard den ersten Platz im Gesamtklassement.

Daniel Good, Flumserberg
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Egon Bernal kämpft sich ins Ziel und darf heute im gelben Trikot des Leaders starten. (Bild: Andy Müller/Freshfocus (Flumserberg, 20. Juni 2019))

Egon Bernal kämpft sich ins Ziel und darf heute im gelben Trikot des Leaders starten. (Bild: Andy Müller/Freshfocus (Flumserberg, 20. Juni 2019))

Er wartete lange mit dem Vorstoss, bis kurz vor dem Ziel. Dank seiner Klasse hätte Egan Bernal im Aufstieg nach Flumserberg auch früher angreifen, den Niederländer Antwan Tolhoek einholen und auch die Etappe gewinnen können. Bernal sagte:

«Unser Ziel war das Leadertrikot. Ich blieb lieber in der Obhut meiner Mannschaftskollegen. Sie waren ja mit einem ordentlichen Tempo unterwegs.»

Der 22-Jährige hatte seit Ende März kein Rennen mehr bestritten, weil er das Schlüsselbein gebrochen hatte.

Deshalb ist er mit Zweifeln zur Etappe vom Donnerstag gestartet. «Ich habe zwar viel und gut trainiert, aber ein Rennen ist doch etwas ganz anderes.» Bernal liegt im Gesamtklassement zwölf Sekunden vor dem australischen Weltmeister Rohan Dennis, der das Zeitfahren zum Auftakt der Tour de Suisse gewonnen hatte. Bernal hat das Potenzial, die Tour de France zu gewinnen. Mit Marco Pantani setzte sich sogar schon einmal ein Sieger des wichtigsten Velorennens in Flumserberg durch. Der Italiener triumphierte 1995 im St. Galler Skiort.

Am Ende der nur gut 120 Kilometer langen Etappe lag Bernal 17 Sekunden hinter Tol­hoek, der sich als Letzter einer Fluchtgruppe über die Runden rettete. Der 25-jährige Niederländer, der aussieht wie ein Jugendlicher, feierte seinen ersten Sieg als Profi. An die Schweiz hat er freilich gute Erinnerungen: Vor drei Jahren wurde Tolhoek Bergkönig der Tour de Suisse.

Die Durchfahrt des Trosses in Alt St.Johann. (Bild: Keystone)
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Für alle Fälle gerüstet: Die Teamautos mit Ersatzrädern. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Eine Spitzengruppe kommt zuerst vom Ricken in Wattwil an. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Nach der Spitzengruppe folgt das Feld. In der Bildmitte: Der Hemberger Patrick Schelling mit dem Kreuz auf der Brust. (Bild: Beat Lanzendorfer)
In Wattwil biegen die Radfahrer auf die Bahnhofstrasse ein. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, weder für Rad-... (Bild: Urs M. Hemm)
...noch für Autofahrer. (Bild: Urs M. Hemm)
Die Tour de Suisse schlängelt sich durch Wattwil. (Bild: Urs M. Hemm)
Wer diesen Wagen vor sich sieht, kann das Rennen beenden. Der Besenwegen «kehrt» in Wattwil. (Bild: Urs M. Hemm)
Für gute Bilder: Ein Kamerahelikopter wird betankt. (Bild: Timon Kobelt)

Die Durchfahrt des Trosses in Alt St.Johann. (Bild: Keystone)

Mathias Franks geplatzte Option

Als die Mannschaft Bernals anderthalb Kilometer vor dem Ziel einen Zacken zulegte, geriet der Schweizer Hoffnungsträger Mathias Frank in Bedrängnis. Der 32-jährige Luzerner büsste fast dreieinhalb Minuten ein und fiel im Gesamtklassement auf den 34. Platz zurück. «Ich merkte, dass ich den Rhythmus nicht mehr halten konnte. Bis ins Ziel forcierte ich nicht mehr», sagte er, «die Option Gesamtklassement hat sich nun erledigt». Das könnte durchaus im Sinn und Geist von Frank sein, denn der Gesamtzweite von 2014 will endlich zum ersten Mal eine Etappe der Landesrundfahrt gewinnen.

Wesentlich besser als Frank schnitt in der ersten Bergankunft Patrick Schelling ab. Der 29-jährige Bergspezialist entwich der Gruppe um Bernal gut fünf Kilometer vor dem Ziel und erreichte den neunten Platz. «Ich realisierte, dass ich schneller fahren konnte und nutzte die Chance», sagte der St.Galler. Normalerweise fährt der Hemberger für eine drittklassige Equipe.

Zum 40. Mal auf dem Gotthardpass

Am Freitag steht die längste Etappe auf dem Programm. Zwischen Unterterzen und dem Gotthardpass hat das Peloton 216 Kilometer zu durchmessen. Der 2091 Meter hohe Gotthard wird schon zum 40. Mal befahren. Er ist damit der am häufigsten überquerte Pass an der Tour de Suisse. Als der Parcours 1934 zum ersten Mal über den Gotthard führte, überquerte Francesco Camusso die Passhöhe als Erster. Der italienische Berufsfahrer hatte 1931 den Giro d’Italia für sich entschieden.

Zielort wie heute war der bekannteste Alpenübergang aber erst einmal. 2001 siegte der Russe Dimitri Konischew. Bester Schweizer war der Urner Beat Zberg auf Platz sechs. Der heute 48-Jährige ist zugleich der letzte Schweizer, der im Rahmen der Tour de Suisse als Erster auf dem Gotthard war. Die Passhöhe steht auf Tessiner Boden.

Der Aufstieg zum Gotthard von Biasca aus via Tramola misst gut 40 Kilometer. «Das scheint endlos zu sein», sagt Michael Albasini. Der Thurgauer wird wie 80 Prozent der Teilnehmer nichts mit dem Ausgang an der Spitze des Rennens zu tun haben. «Nicht einmal sieben Minuten Vorsprung in Biasca würden mir reichen», so der in Gais wohnende Routinier. Aufgrund der Streckenänderung wegen Lawinengefahr führt der Parcours am Sonntag im Rahmen der Königsetappe noch einmal über den Gotthard. Vor dem Bergsattel passiert das Feld den 1915 Meter hohen Lukmanier, der zum 35. Mal befahren wird. In Flims steht ein Bergpreis der zweiten Kategorie auf dem Programm. Insgesamt sind während der siebten Etappe 4080 Meter Höhendifferenz zu bewältigen.

Zum Nachlesen: Was im Toggenburg abging, als die Tour de Suisse vorbeirauschte