Schweiz - Polen
Berater ist sich sicher: Die Lewandowski-Show beginnt heute gegen die Schweiz

Bisher ist Robert Lewandowski an der EM unauffällig geblieben. Der Starstürmer der Polen will das heute gegen die Schweiz ändern.

Markus Brütsch
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Lässt sich durch seine Torflaute nicht nervös machen: Robert Lewandowski hofft, dass er gegen die Schweiz nach sechs Partien ohne Treffer im 80.Länderspiel sein 35.Tor erzielen kann.

Lässt sich durch seine Torflaute nicht nervös machen: Robert Lewandowski hofft, dass er gegen die Schweiz nach sechs Partien ohne Treffer im 80.Länderspiel sein 35.Tor erzielen kann.

imago/HJS

Wer viel übt, kann eines Tages mithalten. «Lewandowski, Eurostar 2016» heisst das Spiel, bei dem man auf dem Display seines Smartphones gegen den Superstar jonglieren kann. Interessanter aber wäre es, man könnte ihn zum Torschuss herausfordern. In jener Domäne, wo er Weltklasse ist. Normalerweise.

Bei dieser EM ist im Falle von Robert Lewandowski aber noch nichts normal. Dass er nach drei Spielen noch kein Tor geschossen hat, ist nicht zu erwarten gewesen. «Es ist doch logisch, dass nach 60 Spielen die Frische etwas fehlt und ich nicht in jeder Partie ein Tor schiessen kann», sagte Lewandowski nach dem Sieg gegen die Ukraine. 62 Pflichtspiele sind es genau genommen, die «Lewa» in dieser Saison absolviert hat. 51 mit 42 Toren für die Bayern, 11 mit 8 Treffern für Polen. Er wartet aber seit dem 13. November 2015 auf einen Treffer in der Nationalmannschaft.

Cezary Kucharski ist wegen der Torflaute Lewandowskis nicht im Geringsten beunruhigt. Der Berater des Ausnahmestürmers ist sich sogar ziemlich sicher, dass dieser heute Nachmittag gegen die Schweiz den 1:0-Siegtreffer erzielt. Auch er verweist auf die lange Saison, die Lewandowski hinter sich habe. «Und schauen Sie einmal, wie hart Robert nach hinten arbeiten muss. Deshalb, und weil Polen nicht mehr so offensiv spielt wie in der Qualifikation, kommt er auch nicht mehr zu vielen Chancen.» Kucharski will dies nicht als Kritik an Coach Adam Nawalka verstanden haben. «Er hat eine gute Mannschaft geformt und ihr taktisch viel beigebracht», sagt Kucharski, um dann doch etwas zu relativieren: «Er hat aber auch das Glück, mit Lewandowski, Krychowiak, Milik und anderen über herausragende Spieler zu verfügen.»

Die Sache mit dem Essen

In Polen gehen die Meinungen zwar auseinander, ob der introvertierte Lewandowski der richtige Captain und Jakub Błaszczykowskis Abwahl der richtige Schritt gewesen sei. Nicht die geringsten Zweifel gibt es allerdings an der makellosen Professionalität von Polens Sportler des Jahres 2015. Diese geht so weit, dass er auf Empfehlung seiner Frau Anna, einer Fitnesstrainerin, das Essen in umgekehrter Reihenfolge zu sich nimmt, um die Fettverbrennung zu optimieren. «Für meine Mitspieler ist es schon seltsam, dass ich zuerst den Kuchen esse, dann Nudeln und Fleisch und am Ende Salat oder Suppe», sage Lewandowski in einem Interview mit der «Welt».

Im Gegensatz zu anderen grossen Stürmern wie Ronaldo oder Ibrahimovic ist er keiner, der polarisiert oder für Skandale sorgt. Er, dessen Fünfjahresvertrag bei Bayern 60 Millionen Euro wert sein soll, lebt zwar in Bogenhausen in einer Luxusvilla mit Fitnessraum, prahlt damit aber nicht. Lewandowski ist ein ruhiger Zeitgenosse. Als er im Trainingslager in Katar ausnahmsweise einmal aus der Haut fuhr, war es wegen der Kritik an ihm, weil er bei der Wahl zum Fussballer des Jahres als Captain Polens nicht für den Münchner Teamkollegen Manuel Neuer gestimmt hatte, sondern für Ronaldo. Verständlich, Stürmer Lewandowski bewundert nun mal mehr die Torschützen als die Torverhinderer.

Zu seiner Vita gehört auch dies: Als er nach drei Jahren bei Dortmund vor Vertragsablauf zu den Bayern wechseln wollte, der BVB ihn aber nicht ziehen liess, absolvierte er klaglos die folgende Saison und schoss 20 Ligatore.

Das Locken von Real Madrid

Mehr Betrieb macht da bisweilen schon Agent Kucharski. Dieser weiss natürlich genau, dass er sich angesichts von Lewandowskis Stellenwert auf der internationalen Ebene einiges leisten kann. Dass er auch mal laut über Real Madrid nachdenkt, bedeutet wohl mehr als nur das Klappern, das zum Handwerk gehört. Tatsächlich scheinen die Madrilenen um den Knipser zu buhlen, von 20 Millionen Euro Gehalt ist die Rede. Real mit dem Sturm Bale, Lewandowski, Ronaldo gegen Barças Angriff mit Messi, Suarez, Neymar – eine reizvolle Vorstellung.

Zu den ganz grossen Stärken des Polen neben der Technik, Beidfüssigkeit, Schnelligkeit, Kopfballstärke und des sagenhaften Torriechers gehört, dass er sich in verschiedenen Systemen und Philosophien zurechtfindet. Bei Jürgen Klopps schnellem Konterfussball in Dortmund machte er als Sturmspitze eine ebenso gute Figur wie in München in Pep Guardiolas Kombinationsfussball.

Deutschland und Polen: Mit einem Sieg hätten sich beide den Gruppensieg sichern können.
12 Bilder
Deutschland - Polen wird in Saint Denis ausgetragen.
Die deutsche Startelf.
Freude in der Fanzone in Lille: Diese Deutschland-Anhänger feierten den Sieg ihrer Mannschaft friedlich - vor dem Spiel kam es allerdings zu Auseinandersetzungen. (Symbolbild)
Die Präsidenten von Polen und Deutschland, Andrzej Duda (l) und Joachim Gauck
Mario Götze beginnt im Sturm für Deutschland.
Die Deutschen kommen in der ersten Hälfte zu wenigen Chancen, die Polen zu keiner nennenswerten.
Ein Tor fällt nicht in Hälfte eins.
Deutsche Fans versprühen gute Laune.
Polnische Fans im Stadion sorgen für Stimmung.
EM 2016: Deutschland - Polen 0:0
Deutschland und Polen: Mit einem Sieg hätten sich beide den Gruppensieg sichern können.

Deutschland und Polen: Mit einem Sieg hätten sich beide den Gruppensieg sichern können.

Keystone

Das macht Lewandowski zu einem der komplettesten Stürmer überhaupt. Der gegen Wolfsburg fünf Tore in neun Minuten und gegen Georgien einen Hattrick in vier Minuten hinbekommt. Der mit 13 Treffern in der EM-Qualifikation den Rekord des Nordiren David Healy einstellte und mit 30 Bundesligatoren in der letzten Saison so oft traf, wie seit 1977 keiner mehr und noch kein Ausländer.

Das Erstaunliche: Lewandowski hat mit Ausnahme einer Handvoll von U21-Länderspielen nie für Polens Nachwuchs gespielt. Er hat seine Ausbildung nicht nach heutigem Standard in einem Ausbildungszentrum eines Spitzenklubs absolviert, sondern bei kleinen Vereinen. «Ich frage mich manchmal, was wohl möglich wäre, wenn ich eine optimale Ausbildung gehabt hätte», sagt Lewandowski.

Viel mehr hätte er kaum erreichen können. Aber das ist jetzt ja auch nicht die brennende Frage. Eher: Beendet Lewandowski gegen die Schweiz endlich seine Durststrecke im Nationalteam? Kucharski warnt die Schweizer schon mal: «Er ist immer dann am besten, wenn er unter Druck steht.»