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Belinda Bencic kann auch mit «hässlichem» Tennis siegen

Die Schweizer Tennisspielerin Belinda Bencic siegt zum Start des Australian Opens auch ohne zu glänzen – das will sie in Zukunft des Öfteren. Denn sie hat die Botschaft des Buchs «Winning Ugly» verinnerlicht.
Simon Häring, Melbourne
Belinda Bencic während ihrer Erstrundenpartie gegen Katerina Siniakova. (Bild: Aaron Favila/AP Photo (Melbourne, 14. Januar 2019))

Belinda Bencic während ihrer Erstrundenpartie gegen Katerina Siniakova. (Bild: Aaron Favila/AP Photo (Melbourne, 14. Januar 2019))

Brad Gilbert verfügte nicht über das Talent eines John McEnroe, eines Boris Becker oder eines Jimmy Connors. Mit seinen 1,75 Metern war er relativ klein und dazu auch nicht besonders schnell. Kaum einer traute ihm zu, dass er sich auf der Profitour durchsetzen würde. Doch der Amerikaner schaffte es in der Weltrangliste bis auf Rang 4 und gewann 20 Turniere. Gilbert hatte eine Gabe, das Spiel seiner Gegner zu lesen wie kein anderer. Er entwickelte sich zu einem Meister der psychologischen Kriegsführung. Noch beeindruckender waren seine Erfolge als Trainer. Acht Jahre lang betreute er Andre Agassi, der in dieser Zeit sechs seiner acht Grand-Slam-Titel gewann. «Keiner versteht die mentalen Aspekte des Tennis so gut wie er», sagt Agassi. Danach führte Gilbert Andy Roddick zu einem Grand-Slam-Titel und zur Nummer 1.

1993 gab Gilbert ein Buch mit dem Titel «Winning Ugly» heraus. Darin beschreibt Gilbert mit viel Wortwitz und anekdotenreich, wie man auch Matches gewinnt, in denen man nicht seine Bestleistung abrufen kann. Es ist ein Buch, das im Regal von fast jedem ambitionierten Spieler steht. Auch Belinda Bencic hat das Werk gelesen, «allerdings bereits im Alter von zirka zwölf Jahren. Darum kann ich mich auch nicht mehr an sehr viel erinnern», erzählt die 21-Jährige nach ihrem 6:4, 2:6, 6:3 in der ersten Runde der Australian Open gegen die Tschechin Katerina Siniakova (WTA 34).

Bencic zieht immer zuerst den linken Schuh an

Gilberts Botschaft hat sie trotzdem verinnerlicht. Es war windig und heiss auf einem der Aussenplätze, die sie scherzhaft als «Dschungelplätze» bezeichnete. Besonders gut habe sie nicht gespielt. «Es könnte besser sein. Mir fehlte das Timing und die Sicherheit beim Aufschlag.» Aber: «Ich bin zufrieden damit, wie ich meinen Weg gefunden und gekämpft habe. Ich habe mich irgendwie durchgewurstelt.» Nirgendwo sonst sei es so wichtig wie im Tennis, ein Niveau zu erreichen, bei dem man auch an einem durchschnittlichen Tag gut genug für einen Sieg sei. «Winning Ugly», sagt sie. «Man muss akzeptieren, dass einem nur an zwei, drei Tagen im Jahr ein perfektes Spiel gelingt.» Ihr hätten auch die Erfahrungen geholfen, die sie in der Vorwoche in Hobart gemacht habe, wo sie die Halbfinals erreichte. Dort war es so windig, dass sie sich habe anpassen müssen.

Weniger flexibel zeigt sich Bencic bei der Vorbereitung auf eine Partie. Alles folgt einem genauen Plan. So zieht sie vor einem Match stets den linken Schuh vor dem rechten an. Läuft es gut, frisiert sie sich immer gleich. Und sie wählt immer die gleiche Bank links oder rechts vom Schiedsrichter, sofern sie vor ihrer Gegnerin den Platz betritt. Hat sie im Spiel einen Punkt gemacht, möchte sie von den Ballkindern den gleichen Ball gereicht bekommen. Ihr Aberglaube geht so weit, dass sie immer die gleiche Dusche und die gleiche Toilette benutzt, wenn das möglich ist. Das mache ihr Team wahnsinnig. Gefragt, ob das nicht anstrengend sei, sagt sie: «Doch. Das ist mega gaga.» Aber das seien fast alle irgendwie.

Belinda Bencic wirkt derzeit gelöst und mit sich im Reinen. Das war in den letzten Jahren nicht immer so. Allzu oft war sie verletzt, und musste Wechsel im Umfeld erklären. Seit Herbst ist wieder Vater Ivan ihr Trainer. Fast noch wichtiger ist Fitnesstrainer Martin Hromkovic, mit dem sie seit einem Jahr zusammenarbeitet und der inzwischen ihr Freund ist. «Seit Paris im vergangenen Mai habe ich keinerlei Probleme mehr gehabt», sagt sie. Das ist nicht selbstverständlich. Vor knapp drei Jahren war Bencic einmal die Nummer 7 der Welt. Dann begann ihr Körper zu rebellieren und warf die 21-Jährige immer wieder weit zurück.

Bei den Australian Open erreichte sie vor drei Jahren die Achtelfinals, im letzten Jahr besiegte sie in der ersten Runde Venus Williams. Nach dem «Boom», wie sie sagt, kam in der zweiten Runde der Einbruch. Gegen Julia Putinzewa (24, WTA 39) soll es umgekehrt sein. «Die grosse Anspannung ist weg», sagt Bencic. Die nur 1,63 Meter grosse Kasachin sei eine gute Läuferin, die sie sicher nicht vom Platz schiessen werde. Sie erwarte lange Ballwechsel. Einen Schönheitspreis gibt es in solchen Spielen selten zu gewinnen. Doch dass sie auch weiss, wie man «hässlich» gewinnt, hat Bencic schon mehrfach bewiesen.

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