Beliebter als die Meisterhelden von 2000: Weshalb der FC St.Gallen diesmal auch ausserhalb der Ostschweiz begeistert

St.Gallens Höhenflug freut die ganze Fussballschweiz. Im Meisterjahr 2000 hingegen war ennet der Regionsgrenzen viel mehr Missgunst zu spüren. Was war damals anders?  

Ralf Streule
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St. Galler Jubel, heute mit Yannis Letard und anno 2000 mit Sascha Müller.

St. Galler Jubel, heute mit Yannis Letard und anno 2000 mit Sascha Müller.

Bilder: Michel Canonica;Sigi Tischler/KEY

Der FC St.Gallen begeistert derzeit nicht nur zwischen Bodensee und Säntis, sondern weit über die Region hinaus. Kaum eine Schweizer Zeitung, die das junge Team Peter Zeidlers nicht in den höchsten Tönen lobt. Kaum ein Beobachter, der vom Tempofussball nicht angetan ist. Wann gab es zuletzt national solche Sympathiebekundungen für einen Schweizer Club? Vielleicht vor 20 Jahren, als ebenfalls die St.Galler den Schweizer Fussball aufmischten?

Mitnichten. Wer damalige Artikel nationaler Zeitungen zum St.Galler Höhenflug 1999/2000 liest, muss zum Schluss kommen: Marcel Kollers Meisterteam war alles andere als beliebt. «St.Gallens Qualitäten entsprechen nicht unbedingt dem Gusto des Feinschmeckers», hiess es da in der «NZZ». Oder:

«Die Physis drängte die wenigen Momente spielerischer Kunst gänzlich in den Hintergrund.»

Schon in der «Tagblatt»-Meisterbeilage im Jahr 2000 wurde in einer Presseschau Ähnliches konstatiert: «Die nationale Presse tat sich manchmal schwer.» Nach einem 4:1-Sieg gegen Aarau im Olma-Spiel 1999 hiess es, ebenfalls in der «NZZ»:

«Ob die Fans zurecht optimistische Prognosen verlauten lassen, wird sich weisen. Schliesslich ist auch in St.Gallen nicht das ganze Jahr Olma.»

«Es war rustikal, zum Schauen wenig attraktiv.»

Dies sind einige Beispiele von vielen, aus dem «Tagesanzeiger» und dem «Blick» gibt es weitere. Immer wieder wird der Faktor Glück als Grund für den St.Galler Erfolg genannt. Alternierend wird die NLA als schwach abgestempelt, wie nach dem Spitzenspiel St.Gallen – Basel im April 2000: «Zweikämpfe, viele Fouls und wenige Torszenen – dies waren die Merkmale eines Schweizer Spitzenspiels dieser Tage.»

Ohne Zweifel: Ausserhalb der Ostschweiz brach man nicht in Jubelstürme aus, als der kleine FC St.Gallen die grossen Grasshoppers mit Roy Hodgson in Schach hielt. Dario Venutti, damals NZZ-Fussballberichterstatter und heute Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich, bestätigt den Eindruck. Er sagt:

«Es ist nicht so, dass man es den St.Gallern nicht gegönnt hätte.»

Aber die Freude habe sich in Grenzen gehalten, weil die St.Galler «eher Krampffussball» gezeigt hätten. «Rustikal. Zum Schauen wenig attraktiv. Unspektakulär, bis auf Amoah.» Ein euphorisches «Danke, liebe Ostschweizer», wie die «NZZ» Ende vergangener Hinrunde titelte, wäre damals undenkbar gewesen.

War die Spielweise so unerträglich? Fredi Kurth, langjähriger Beobachter des FC St.Gallen, lange Zeit als «Tagblatt»-Sportjournalist, sieht dies nicht so. Er erinnert sich an direktes Spiel nach vorne, an viele Tore, an zwar pragmatischen, aber «in meiner Erinnerung ebenfalls sehr attraktiven Fussball». 

Marco Zwyssig, Innenverteidiger in der Meistermannschaft 2000. (Bild: Benjamin Manser)

Marco Zwyssig, Innenverteidiger in der Meistermannschaft 2000. (Bild: Benjamin Manser)

Auch Marco Zwyssig, damals Innenverteidiger des Meisterteams, relativiert den Eindruck, der vielleicht über damalige Zeitungsartikel entstehe. Er spürte in fremden Stadien keine Missgunst seinem Team gegenüber, sagt er. «Vielleicht, weil ich jene Berichte nicht gelesen habe.» Was für ihn jedoch der entscheidende Unterschied zur heutigen Situation ist: In jenen Jahren gab es an der NLA-Spitze keine Langeweile. GC war zwar favorisiert, dominierte aber die Liga nicht so wie dies zuletzt Basel und die Young Boys taten. «Heute freut man sich über St.Gallen, weil es in die Phalanx einbricht.» Kurz: Man hatte damals nicht auf den FC St.Gallen gewartet – diesmal schon. Es ist ein Punkt, den alle Befragten erwähnen.

Kultivierte St.Gallen damals den Minderwertigkeitskomplex?

Eine weitere Erklärung für die damalige Grundstimmung liefert Markus Scherrer, im «Tagblatt» während vieler Jahre FC-St.Gallen-Berichterstatter. Er nahm damals einen stärkeren Stadt-Land-Graben wahr. «Die Haltung in Zürich war: ‹Es kann nicht sein, dass ein ländliches Team mit kleinem Budget dem Millionenverein GC vor der Sonne steht.›» Andererseits habe sich in St.Gallen, gerade bei den Fans, das Gefühl entwickelt: «Wir Kleinen zeigen es jetzt allen.» Was national nicht nur als sympathisch empfunden wurde.

Venutti formuliert dies ähnlich. Seiner Meinung nach war die Sympathie für St.Gallen kleiner, weil man damals in der restlichen Schweiz «den Ostschweizer Minderwertigkeitskomplex» klar zu spüren bekommen habe. St.Gallen habe die Aussenseiterrolle etwas verkrampft eingenommen. Vielleicht sei das der Hauptunterschied:

Der Minderwertigkeitskomplex, der in Bereichen wie der Politik noch immer besteht, wird von Matthias Hüppi und seinem Team nicht kultiviert – im Gegensatz zu damals.»

Gewisse Sympathiepunkte gewinne das aktuelle Team auch mit der Jugend, sagt derweil Scherrer. In der Meistermannschaft 2000 gab es viele «gestrandete Ältere», die zwar gute Arbeit lieferten, aber nicht die Euphorie der jungen Wilden von heute mitbrachten – und so zwar die Ostschweiz, aber nicht die ganze Schweiz entzückten.

Thomas Müller, FC-St.Gallen-Präsident von 1997 bis 2004. (Bild: KEY)

Thomas Müller, FC-St.Gallen-Präsident von 1997 bis 2004. (Bild: KEY)

War der FC St.Gallen vor 20 Jahren also ein ätzender, ländlicher Aussenseiter, der von einem Minderwertigkeitskomplex geprägt war? Thomas Müller, Meisterpräsident von 2000, gewinnt dieser These nur ein Lächeln ab. Man sei sehr selbstbewusst gewesen, von einem Komplex könne nicht die Rede sein. Er erinnert sich an eine wohlwollende Fussballschweiz, abgesehen von «gewissen Zürcher Medien», die ihm schon bei seinem Amtsantritt als Präsident 1997 wenig Kredit gegeben hätten. Präsidenten anderer Teams, wie Gilbert Facchinetti von Xamax oder Peter Widmer bei GC, seien vom FC St.Gallen angetan gewesen, sagt Müller. «Auch wenn man sich darüber ärgerte, dass wir an der Spitze davonzogen.»

«Der FC St.Gallen macht derzeit schlicht alles richtig.»

Auch Thomas Schifferle vom «Tagesanzeiger», seit den 1980er-Jahren Fussballjournalist und «schon zu Zeiten von Trainer Helmuth Johannsen auf dem Espenmoos zugegen», kann sich nicht an Missgunst gegenüber den St.Gallern erinnern. Dass aber die Begeisterung aktuell grösser ist, sei nur logisch. «Der FC St.Gallen macht derzeit schlicht alles richtig. Jeder meiner Journalistenkollegen, die den Club besuchen, kommt euphorisiert ins Büro zurück», sagt er mit einem Lachen. Seine Kurzerklärung: «St.Gallen kommt gradlinig und gut rüber, hat eine gut wahrnehmbare, fähige Führungscrew.» Zudem spiele die junge Mannschaft einen «positiven Fussball.» Damit habe das Team alles, was zum Beispiel den Zürcher Teams oft fehle. Und, ganz entscheidend sei:

Die Ruhe im Club kam nicht mit dem Erfolg. Der Erfolg kam mit der Ruhe.»

Er freue sich, «mal etwas anderes als Basel oder YB» vorne zu sehen. «Umso besser, wenn sich der Kleine so sympathisch präsentiert.»

Eine letzte These: War St.Gallen damals unbeliebter, weil es von Saisonbeginn weg allen die Show stahl, während das aktuelle Team erst langsam die Spitze erklomm? Vielleicht wird das Neidgefühl in der Restschweiz erst jetzt grösser, wenn Zeidlers Team ein ernst zu nehmender Meisterkandidat wird. Fabian Frei, Ostschweizer in Basler Diensten, platziert im «Blick»-Interview zumindest erste Spitzen: Wie stabil St.Gallen sei, zeige sich erst, «wenn sie mal ein Spiel verlieren oder zwei. Dann geht nicht mehr alles so einfach.»

War vielleicht aus Sicht der damaligen Zürcher Berichterstatter etwas Neid dabei? Die Frage geht an Venutti, den damaligen «NZZ»-Journalisten und erklärten FCZ-Sympathisanten. Keineswegs, sagt er. Wie zum Beweis fügt er an:

«Ich gehöre zu jenen, die auf einen St.Galler Meistertitel hoffen.»

Ein Titel, der mittlerweile realistisch sei. Findet auch Scherrer: «Es spricht nichts für einen Einbruch des Teams.» Müller sagt: «Zum 20-Jahr-Jubiläum ein Meistertitel – das wäre grossartig.»

FC St.Gallen rekurriert gegen die Spielsperren von Victor Ruiz. Und plant Testspiele.

Drei Spielsperren hat St.Gallens Mittelfeldakteur Victor Ruiz für seine grobe Unsportlichkeit und die rote Karte am vergangenen Sonntag von der Swiss Football League erhalten. Nun hat die Clubführung des Super-League-Leaders Einsprache erhoben gegen das zumindest nicht moderate Strafmass nach der Dummheit des Spaniers, der im Liegen dem Servettien Anthony Sauthier nachgeschlagen hatte.
Christian Brägger