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Interview

Behindertensportler Marcel Hug vor dem Tokio-Marathon: «Ich habe meinen Zenit noch nicht erreicht»

Marcel Hug hat fast alles gewonnen. Ans Aufhören denkt der 33-jährige Thurgauer trotzdem noch lange nicht. Ein Gespräch über den Rücktritt, Grenzerfahrungen – und über seine neue Rolle, der Jäger und nicht mehr der Gejagte zu sein.
Tim Frei
Marcel Hug beim Training auf dem Rennrollstuhl-Laufband im Schweizer Paraplegiker-Zentrum. (Bild: Donato Caspari/Nottwil, 15. Januar 2016)

Marcel Hug beim Training auf dem Rennrollstuhl-Laufband im Schweizer Paraplegiker-Zentrum. (Bild: Donato Caspari/Nottwil, 15. Januar 2016)

Das Rennen in Tokio ist der einzige Marathon der Major-Serie, den Sie noch nie gewonnen haben. Fühlen Sie sich stärker unter Druck als sonst?

Marcel Hug: Keine Frage, ich will das Rennen in Tokio gewinnen. Deshalb mache ich mir selbst schon einen gewissen Druck. Aber er gehört zum Sport und fühlt sich positiv an. Von aussen spüre ich keinen Druck.

Sie warten in dieser Marathon-Major-Serie noch auf Ihren ersten Sieg. Wie ist es, plötzlich der Jäger und nicht mehr der Gejagte zu sein?

Das ist eine spannende Ausgangslage und wird eine grosse Herausforderung. Im ersten Moment war es nicht toll, oft Zweiter zu werden. Für mein Wintertraining war das aber ein grosser Motivationsschub, um künftig wieder zuoberst auf dem Podest zu stehen.

Im Januar hat Marcel Hug den Marathon in Dubai gewonnen, der jedoch nicht zur Major-Serie gehört.

Sie haben in Ihrer Rollstuhldisziplin fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Was treibt Sie noch an?

Es ist nicht nur meine Motivation, besser als die anderen Athleten zu sein, sondern auch meine Bestleistungen zu unterbieten. Denn ich bin überzeugt, dass ich meinen Zenit noch nicht erreicht habe. Der Sport macht mir noch viel Spass und ich habe auch noch Ziele, wie etwa den Marathon-Weltrekord zu schlagen oder weitere Marathons zu gewinnen sowie Titel an Weltmeisterschaften und an den Paralympics zu holen. Und nicht zu vergessen: Ich verdiene mit dem Rollstuhlsport meinen Lebensunterhalt.

Trotzdem häufen sich die Fragen nach Ihrem Rücktritt. Haben Sie Angst, ohne den Sport in ein Loch zu fallen?

Angst nicht, aber grossen Respekt vor dieser Veränderung. Man muss sich bewusst sein, dass es irgendwann vorbei ist. Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig Gedanken zu machen, wie es nach der Karriere weitergehen soll – und wann der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt ist.

Haben Sie den Zeitpunkt schon gefunden?

Nein, ich bin noch in diesem Prozess drin. An den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio bin ich sicher noch dabei. Ob oder wie ich nachher weitermache, ist noch offen.

Klassiert sich Marcel Hug Ende April an der Para-Marathon-WM in London auf den ersten vier Plätzen, hat er der Schweiz für die Paralympics einen Quotenplatz gesichert.

Nebst dem Talent spielt auch das Training eine grosse Rolle für den Erfolg im Sport. Wie viel trainieren Sie pro Woche?

Sechs Tage. Pro Tag habe ich zwei bis drei Trainingseinheiten à 90 Minuten. Total komme ich auf etwa 25 bis 30 Stunden. Ich trainiere viel im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Sei das drinnen mit dem Rennrollstuhl auf einem Laufband oder draussen auf der Leichtathletikanlage und der Strasse. Bin ich in der Ostschweiz, trainiere ich auf der Allmend in Frauenfeld. Zum Ausgleich mache ich auch andere Sportarten wie Handbike, Schwimmen oder Langlauf.

Ein nicht unerheblicher Trainingsaufwand. Wie schalten Sie ab?

Da ich mein Management mehrheitlich selber mache, habe ich zwischen den Trainings administrative Aufgaben zu erledigen. Das nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, ist aber ein guter Ausgleich. In der freien Zeit versuche ich, bewusst abzuschalten und nutze Massnahmen wie Massage und Kältekammer zur Regeneration.

Und Fernsehen?

Da ich kein TV-Gerät habe, schaue ich Fernsehen auf dem Laptop – meistens SRF-Sendungen oder Übertragungen anderer Sportarten.

Kamen Sie als Sportler schon einmal an Ihre Grenzen?

Ja, zum Beispiel am Boston-Marathon 2018, den ich gewann. Es war sehr nass und kalt. Viele Athleten gaben auf. Das war eine Grenzerfahrung. Ich war fast wie in einem Delirium.

Weshalb gaben Sie nicht auch auf?

Mir gelang es, im Tunnel zu bleiben. Das Anfeuern der Zuschauer habe ich damals als sehr störend empfunden. Es hat mir wehgetan in den Ohren. So etwas habe ich noch nie erlebt. An die Siegerehrung mag ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich schlotterte nur noch.

Sie möchten nicht als Rollstuhlfahrer bewundert werden, sondern als Sportler respektiert werden. Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Nein, überhaupt nicht. Ich spüre einfach, dass viele Menschen zwischen Mitleid und Bewunderung schwanken. Mir ist es aber wichtig, dass ich als Mensch und Sportler wahrgenommen werde.

Von Ihnen ist keine Homestory bekannt. Ist das der Wunsch Ihrer Partnerin?

Nein, das ist mein Wunsch. Ich suche und brauche das nicht.

Der Titelsammler aus Pfyn

Aufgewachsen ist Marcel Hug mit drei Brüdern auf einem Bauernhof im thurgauischen Pfyn. Mit dem Rollstuhlsport begann Hug, der mit einem offenen Rücken geboren wurde, als Zehnjähriger. Seit 2010 ist der heute 33-jährige Profi. Sein internationaler Palmarès ist bemerkenswert: Zweifacher Paralympics-Sieger, neunfacher Weltmeister, vielfacher Europameister, x-facher Marathonsieger, zweifacher Marathon-Gesamtsieger der Major-Serie sowie Weltrekordhalter über 10 000 m und im Halbmarathon. Hug wurde mehrmals ausgezeichnet – etwa zum Weltbehindertensportler des Jahres 2017, zum Thurgauer des Jahres 2016, und sechsmal zum Schweizer Behindertensportler. (tm)

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