BEHINDERTENSPORT: Weltklasse auch im Quervergleich

Der Thurgauer Sportler Marcel Hug gewinnt an der Para-Leichtathletik-WM in London über 800, 1500 und 5000 Meter die Goldmedaille. Er setzt damit im Behindertensport neue Massstäbe.

Urs Huwyler, London
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Marcel Hug hat sein Ziel fest im Blick - in den Rennen ist er es, der die Regie führt. (Bild: Valentin Flauraud/KEY)

Marcel Hug hat sein Ziel fest im Blick - in den Rennen ist er es, der die Regie führt. (Bild: Valentin Flauraud/KEY)

Urs Huwyler, London

sport@thurgauerzeitung.ch

Eindrücklicher hätte der zweifache Paralympics-Sieger von Rio im Londoner Olympiastadion seinen achten bis zehnten Titel nicht holen können. «Ich konnte auch das abschliessende 5000-Meter-Rennen so gestalten, wie ich es mir vorgenommen hatte», fasste Marcel Hug die als Mini-Paralympics in die Geschichte eingehenden, teilweise von über 40000 Zuschauer verfolgten Titelkämpfe zusammen.

Der letzte Auftritt dokumentierte erneut die Ausnahmestellung des gebürtigen Thurgauers. Er forcierte das Tempo, liess es wieder zusammenfallen, griff wiederum an und sprach mit dem zweitklassierten Titelverteidiger Rawat Tana: «So wie ich es verstanden habe, wollte er mir sagen, ich solle nochmals angreifen, er ziehe mit und dann wären wir weg. Doch ich fuhr mein Rennen», erklärte Marcel Hug. Sein langjähriger Trainer Paul Odermatt fasste die Auftritte des vom Talent zum Weltklasse-Athleten gereiften «Silver Bullet» so zusammen: «Marcel ist noch stärker als in Rio. Er kann im Rennen Regie führen. Besser geht es kaum.»

Erfahrung bringt Ruhe und Selbstvertrauen

Durch den Doppelerfolg über 800 Meter gehört der weltbeste Allrounder mit WM-Gold über sechs Strecken zu den «Para-Helden». Ein scheinbar gewonnenes, durch die Jury wegen eines Massensturzes annulliertes Rennen beim Re-Run noch klarer dominieren zu können, sagt einiges über die physische und psychische Stärke aus. «Die während Jahren gesammelte Erfahrung zahlt sich nun aus. In kritischen Situationen beging ich früher vielleicht taktische Fehler, jetzt kann ich mit der nötigen Ruhe und dem Selbstvertrauen anders reagieren», sagt der Athlet.

In der Sportszene taucht bei Marcel Hugs Erfolgen öfters die Frage auf, wie die Leistungen im Quervergleich zu nicht handicapierten Schweizer Ausnahmeathleten zu werten seien. Für Paul Odermatt liegt die Antwort in der Alltagsarbeit: «Marcel ist in jeder Beziehung ein Profi und Topathlet. Er betreibt den gleichen Aufwand wie andere Topathleten.» Auf ein Jahr gerechnet trainieren beispielsweise Weltklasse-Langläufer auf den Tag umgerechnet – Reisen, Trainingspausen, Ferien und Wettkampftage mit einbezogen – rund drei bis vier Stunden. «Auf ein ganzes Jahr habe ich die Belastung zwar noch nie ausgerechnet, aber die Werte dürften auch bei mir etwa hinkommen», rechnet Marcel Hug die Zeiten durch. Was Paul Odermatt bestätigt: «Pro Woche sind es durchschnittlich 30 Stunden. Und dies nahezu 50 Wochen im Jahr.» Der einzige Unterschied zu anderen Athleten: Das Sportgerät ist der Rennrollstuhl.

Quervergleiche drängen sich auch sonst auf. Sogenannte Nichtpublikumssportarten sind auf Medaillengewinne ihrer eigenen «Stars» an Titelkämpfen angewiesen. Oder sie versuchen sich durch Aktionen neben dem Sportplatz in Szene zu setzen. Marcel Hug taucht in den Medien hingegen ausschliesslich aufgrund seiner hervorragenden Leistungen auf.

Nach Rio meinte der Athlet, das Privatleben bleibe weiterhin privat. «Die drei WM-Titel ändern nichts daran», sagt er auch jetzt. Dass er mit der Partnerin in Nottwil zusammenlebt, ist inzwischen bekannt. «Sie gehört mit der Familie und Paul Odermatt zu meinem engsten Umfeld. Dieses bildet die Basis für meine Erfolge.»