Bedrückendes Drama

Neslihan Atagül als Zehra und Baris Hacihan als Olgun sind das umwerfend berührende Paar im Film «Araf» der türkischen Regisseurin Yesim Ustaolu.

Brigitte Schmid-Gugler
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Olgun und Zehra in «Araf». (Bild: pd)

Olgun und Zehra in «Araf». (Bild: pd)

«Fegefeuer» laute die deutsche Übersetzung für «Araf», heisst es in einer Vorschau auf den 2012 produzierten Film der türkischen Regisseurin Yesim Ustaolu. Der Titel könnte passender nicht sein, es ist, wenn nicht die Hölle, dann mindestens das, was die Katholiken unter diesem sonderbaren Ort der Läuterung verstehen. Ein Ort, an dem man sich nicht freiwillig hin begibt, unwirtlich, abweisend, kalt.

Am Ende des Films, nach gut zwei Stunden Laufzeit, muss man lange darüber nachdenken, ob überhaupt einmal jemand gelacht hat. Ja, da war ein Lachen: ein lautes, fast hysterisches.

Weggehen aus der Einöde

Es gehörte Zehras etliche Jahre älterer Freundin, die nicht mehr an sich halten konnte, als jene ihr erzählte, dass sie aus der miefigen Kleinstadt weggehen würde. Mit ihm, dem geheimnisvollen Mann, in den sich Zehra verliebt hat. Diese Vorstellung ist für die Ältere so absurd, dass sie, anstatt zu weinen, nur noch lachen kann. Sie selber hat den Traum, aus der trostlosen, perspektivelosen Einöde wegzukommen, schon längst begraben.

Kurze Liebe

Die beiden Frauen arbeiten (schuften) als Küchenhilfen und Bedienerinnen in einer Raststätte an der Fernstrasse zwischen Istanbul und Ankara. Hier hält auch der Lastwagenfahrer Mahur manchmal an; später begegnen sich Mahur und die junge Zehra an einem Hochzeitsfest. Mahur wirkt sehr ernst, er spricht nicht, er lächelt nicht, doch er entfacht die Liebe in Zehra.

Wir sehen sie und Mahur in einer scheuen Annäherung, in hinreissend langsam gefilmten Szenen, ahnen nur, was sich zwischen der sehr kurzen Liaison und dem sich bereits abzeichnenden herzzerreissenden Ende abspielt.

Phantastische Aufnahmen

Der Filmerin Yesin Ustaolu und ihrem Kameramann Michael Hammon gelingt mit «Araf», der mit sehr wenig Text auskommt, ein Meisterwerk. Die winterliche Tristesse, die langen und unbarmherzigen Einstellungen auf die Gesichter sprechen für sich. Die frostige Landschaft, in der sich nichts zu bewegen scheint, schleicht sich auch in die Köpfe der Menschen. Das Leben stagniert, jede Hoffnung auf eine Entwicklung zerrinnt wie die Regentropfen auf der Windschutzscheibe von Mahurs Lastwagen.

Vorstellungen: Heute, 20 Uhr, Cinema Luna, Frauenfeld; Morgen, 18.45 Uhr, sowie Mi, 23.10., 15 Uhr, Kinok St. Gallen

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