Beat Toniolo nutzt die Buchmesse

NEUHAUSEN AM RHEINFALL. Mitte März strömt alles nach Leipzig. Der Schaffhauser Künstler Beat Toniolo ergänzt die Buchmesse mit einem unabhängigen Programm voller bekannter Namen – und stellt «101 + 1 Frage» an das Gastland Schweiz.

Dieter Langhart
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Beat Toniolo stellt sein Projekt für die Buchmesse Leipzig vor – auf einem Boot beim Rheinfall, wo er fünf Festivals organisiert hat. (Bild: Dieter Langhart)

Beat Toniolo stellt sein Projekt für die Buchmesse Leipzig vor – auf einem Boot beim Rheinfall, wo er fünf Festivals organisiert hat. (Bild: Dieter Langhart)

Beat Toniolo mag besondere Orte und besondere Kombinationen. Er hat am SeelisbergRütli-Festival Heidi mit Wagner-Klängen verbunden, er hat fünf Festivals am Rheinfall durchgezogen und auf dem Munot Roman Signer und Noldi Alder erstmals gemeinsam auftreten lassen.

Die Schweiz ist Gastland an der Buchmesse Leipzig, Toniolo lebt seit drei Jahren in Leipzig: ein Steilpass für den Schaffhauser Künstler und Veranstalter. Für die vier Tage hat sich der Freigeist ein Kunst- und Literaturprojekt ausgedacht – unabhängig, nicht Teil des offiziellen Programms. Es soll «keine Konkurrenz zum offiziellen Auftritt der Schweiz sein», sagt Beat Toniolo, «sondern eine spannend-experimentelle Ergänzung zu einigen Themen in der Schweiz.»

Drei Tonnen Papiergeld

Dafür hat Beat Toniolo einige grosse Namen verpflichtet. Der St. Galler Roman Signer ist darunter, ebenso Yves Netzhammer, der seine Heimatstadt Diessenhofen kürzlich im Visier hatte. Videos der beiden Künstler bilden, neben Fotografien etwa von Andri Pol, ein Schweizer Panorama namens «Alles Schweiz – oder was?», das auch dem ganzen Projekt den Namen leiht.

Launisches Detail: die Webseite hat Toniolo als EU-Domain eingetragen, da er einige der zwölf Veranstaltungen auch politisch versteht: eine Diskussion um das «Bedingungslose Grundeinkommen» etwa oder sein grosses Schweizerkreuz. Er hat es aus drei Tonnen Banknoten gebaut, die er von der Deutschen Bank erhalten hat. In Euro natürlich und bereits geshreddert.

Elvis bis Canetti

Eingefädelt hat Toniolo fast keine reinen Lesungen wie jene von Journalist Matthias Ackeret («Persönlich», «TeleBlocher») mit seinem Buch «Elvis – der Roman». So gibt eine musikalische Leseperformance Dürrenmatts Klassiker «Der Besuch der alten Dame» die Ehre. Bei Hanser erscheint Mitte März «Das Buch gegen den Tod», das Peter von Matt mit einem umfangreichen Essay ergänzt hat. Der Germanist, der vor einem Jahr in Frauenfeld «Das Kalb vor der Gotthardpost» vorstellte, diskutiert mit Lektor Kristian Wachinger über Canetti und seine Todfeindschaft.

Peter Rüedi im Gespräch

Zurück zu Dürrenmatt – und zu Frisch. Ihre Biographen Julian Schütt und Peter Rüedi unterhalten sich über die Aushängeschilder der Schweizer Literatur, und wie es sich für den Thurgauer Kolumnisten Rüedi gehört, begleiten zwei Jazzmusiker das Gespräch. Musik ergänzt auch einen Frisch-Abend mit Adolf Muschg, Thomas Strässle von der Uni Zürich und Julian Schütt.

Weiter mit grossen Namen: Stefan Haupts Film über Elisabeth Kübler-Ross leitet über zu einer Diskussion über Sterbehilfe; Pedro Lenz liest aus seinem Roman «Dr Goalie bin ig» und unterhält sich mit Kommentator Marcel Reif und Torhüter Fabio Coltorti, der für RB Leipzig spielt.

Beat Toniolo gibt sich gern verspielt. Er hat gemeinsam mit Leipziger Schülern ein Kartenspiel kreiert, das Wissen über unser Land vermitteln soll. 1520 Fragen aus zehn Gymnasien sind eingetroffen, 100 für «101 + 1 Frage an die Schweiz» ausgewählt worden; die restlichen 1420 wertet ein Soziologe der Uni Leipzig in einer Studie aus.

Rote Bänke, gelbe Busse

Beat Toniolo setzt zudem einen farblichen Kontrapunkt zu den offiziellen roten Lesebänken des Gastlandes Schweiz: Zwei Postautos, Jahrgang 1964 und 1975, die zwischen Messe und Hauptpost pendeln, bieten Poetry Slam live an und Gedichte und Geschichten ab Band.

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