Beachvolleyball
Heidrich und Vergé-Dépré spielen um die Medaillen – Brasilianerin im Rollstuhl vom Platz gebracht, Totenstille in der Festhütte

Mit Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré steht zum ersten Mal ein Schweizer Frauen-Duo im Beachvolleyball in den Halbfinals bei den Olympischen Spielen. Trotz Hitze, gähnender Leere und Totenstille dort, wo eine Festhütte stehen sollte. Ein Augenschein vor Ort.

Simon Häring, Tokio
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Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré stehen bei den Olympischen Spielen in den Halbfinals und spielen um die Medaillen.

Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré stehen bei den Olympischen Spielen in den Halbfinals und spielen um die Medaillen.

Tatyana Zenkovich / EPA

Es ist andächtig still an diesem Dienstagmittag, die Japaner suchen in ihren Wohnungen und Büros Schutz vor der Luftfeuchtigkeit und der Hitze. Auch auf Odaiba, einer künstlichen Insel, die über die Regenbogen-Brücke mit dem Zentrum Tokios verbunden ist. Hier liegt auch der Shiokaze Park, eine idyllische Oase in der Hektik der Grossstadt. Am Wochenende ist er ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt, wo entspannt, gelesen, gespielt und grilliert wird. Doch dieser Tage herrscht Totenstille, zu hören ist nur das Surren mobiler Kühleinheiten, ab und zu fährt ein Bus vor, lädt Helfer und Journalisten aus. Ab und zu ertönt der Schrille Ton einer Trillerpfeife.

Es sind die Pfiffe der Polin Myszkowska Polagnieszka, die an diesem Tag eine Viertelfinal-Partie leitet. Denn im Shiokaze Park spielen derzeit die Beachvolleyballerinnen um die Medaillen bei den Olympischen Spielen. In und um Tokio sind bei den Wettkämpfen keine Zuschauer zugelassen, nur in einigen entfernten Präfekturen ist Publikum erlaubt, zum Beispiel bei den Mountainbike-Wettbewerben. Im Fussball spielten einige TV-Sender Zuschauerreaktionen wie Jubel und Applaus ein und sie nutzten moderne Technologien, um ein virtuelles Publikum einzublenden. Nicht in Tokio.

Der 12'000-Zuschauerkessel im Shiokaze Park bleibt praktisch leer.

Der 12'000-Zuschauerkessel im Shiokaze Park bleibt praktisch leer.

Felipe Dana / AP

Heidrich: «Beachvolleyball ist wie eine Party»

An das Bild leerer Stadien hat man sich längst gewöhnt, und bei vielen der Wettkämpfen bei Sommerspielen spielt Publikum ohnehin nur eine sehr untergeordnete Rolle: im Triathlon, im Segeln, beim Rad oder im Rudern zum Beispiel tragen die Athletinnen den Grossteil ihrer Wettkämpfe mit sich selbst aus, nur an wenigen Streckenabschnitten und im Zielbereich gibt es Publikum. Natürlich fehlt dieses auch in der Leichtathletik, beim Schwimmen, im Handball und Basketball, auch beim Judo oder Fechten, und ganz generell bei allen Entscheidungen, die in einer Halle stattfinden.

Doch nirgendwo ist der Kontrast zur Normalität so himmelschreiend gross wie beim Beachvolleyball, dem Sport, bei dem gefühlt immer gutes Wetter und immer gute Stimmung herrscht. Und diesmal? Keine Zuschauer, keine Festhütte, nur die gegenseitigen Anfeuerungsrufe der Spielerinnen, die Pfiffe der Schiedsrichterin, der Klang des Balls, wenn er gespielt wird, das Klatschen der Betreuer. Joana Heidrich sagt: «Beachvolleyball lebt extrem von den Zuschauern, darüber müssen wir gar nicht diskutieren. Es geht ab wie bei einer Party», sagt die Zürcherin, die 2016 in Rio de Janeiro erlebte, wie sehr das beflügeln kann, als sie mit Nadine Zumkehr Fünfte wurde.

Als erstes Schweizer Frauen-Duo stehen Vergé-Dépré und Heidrich bei Olympischen Spielen in den Halbfinals.

Als erstes Schweizer Frauen-Duo stehen Vergé-Dépré und Heidrich bei Olympischen Spielen in den Halbfinals.

Tatyana Zenkovich / EPA

Erstes Schweizer Frauen-Duo im Halbfinal

Seit 2017 spielt Heidrich mit Anouk Vergé-Dépré zusammen, im letzten Sommer wurden sie Europameisterinnen, in den Achtelfinals setzten sie sich im Schweizer Duell gegen das nominell stärkere Duo Nina Betschart und Tanja Hüberli durch und nun stehen sie - nach einem 21:19, 18:21, 15:12-Erfolg gegen die Ana Patricica/Rebeca aus Brasilien - bereits in den Halbfinals vom Donnerstag, wo sie erstmals auf die Amerikanerinnen April Ross und Alix Klineman treffen. Sie spielen damit als erstes Frauen-Duo und als erstes Schweizer Gespann seit Athen 2004 um Olympia-Medaillen. Damals holten Patrick Heuscher und Stefan Kobel Bronze.

So sehr Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré das Fehlen der Zuschauer in der temporären Arena, die 12'000 Plätze bietet, bedauern, so wenig klagen sie. Heidrich sagt: «Wir haben nun unsere eigene Party auf dem Court, das hat den Unterschied gemacht. Wir blenden das aus und sagen uns: Das ist die Situation.» Und Vergé-Dépré sagt: «Als Athleten ist das etwas, das man vermisst, aber so ist es. Wir passen uns an. Wie an das Wetter.» Weil von den Rängen keine Unterstützung kommt, geben sie sich diese selber, sagt Heidrich. «Wir müssen die Energie, die ohne Publikum fehlt, selber auf den Platz bringen. Wir müssen uns die Atmosphäre selber schaffen», sagt Heidrich. «Und wenn es heiss ist, sind wir noch lauter.»

Den Brasilianerinnen setzt die Hitze in Tokio mehr zu als den Schweizerinnen, die sich speziell vorbereitet hatten.

Den Brasilianerinnen setzt die Hitze in Tokio mehr zu als den Schweizerinnen, die sich speziell vorbereitet hatten.

Tatyana Zenkovich / EPA

DJ und Speaker machen Stimmung – für wen?

Im Stadion selber blenden die Organisatoren den Fakt aus, dass die Spiele ohne Zuschauer stattfinden. Ein Discjockey spielt Musik ein, um für etwas Stimmung zu sorgen (bei wem?), die Stimme des Speakers überschlägt sich bei Ansagen. Als wolle man die Tristesse in der Festhütte ignorieren.

Als Vergé-Depré nach dem Halbfinal-Vorstoss Auskunft gibt, wird eine ihrer Gegenspielerinnen, die 1,94 Meter grosse Ana Patricia Ramos, in einem Rollstuhl aus dem Stadion gefahren und zur weiteren Abklärung an einen Arzt überwiesen, so sehr haben ihr Hitze und Anstrengung zugesetzt. Das Schweizer Duo hatte sich in mit Trainings in einer Hitzekammer auf die extremen Bedingungen vorbereitet. «Der Körper will eigentlich nicht Beachvolleyball spielen, man muss ihn dazu zwingen. Uns hat diese Erfahrung geholfen, um zu sehen, dass der Körper dann doch noch kann.»

So sah es am Montag aus, als Belinda Bencic, Nina Christen, Viktorija Golubic, Noè Ponti, Jérémy Desplanches und Nikita Ducarroz acht Olympia-Medaillen in die Schweiz brachten.

So sah es am Montag aus, als Belinda Bencic, Nina Christen, Viktorija Golubic, Noè Ponti, Jérémy Desplanches und Nikita Ducarroz acht Olympia-Medaillen in die Schweiz brachten.

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Als sich Heidrich und Vergé-Dépré in die Garderoben zurückziehen, werden sie vom Klatschen der Helfer, sie tragen Masken und Visiere, vereinzelt sogar Handschuhe, begleitet. Man ist hier wirklich darum bemüht, wenigstens ein bisschen Stimmung zu erzeugen.

Richtig laut und bunt könnte es am Freitag oder Samstag werden. Dann nämlich, wenn Joana Heidrich und Anouk Vergé-Dépré als Gewinner einer Olympia-Medaille aus Tokio in die Schweiz zurückkehren sollten.

Diese Atheltinnen und Athleten haben bisher für die Schweiz eine Medaille an den Olympischen Sommerspielen in Tokio geholt:

Die Olympischen Spiele beginnen für die Schweiz sehr gut. Gleich bei der ersten Medaillenentscheidung wird gejubelt. Nina Christen freut sich...
26 Bilder
... über die Bronzemedaille mit dem Luftgewehr über die 10-Meter-Distanz. Und das ist eigentlich ihre «schwächere» Disziplin.
Mathias Flückiger geht als Mitfavorit ins Cross-Country-Rennen. Er holt am Ende...
... die silberne Auszeichnung, worüber er zunächst noch enttäuscht ist, weil er unbedingt Olympiagold wollte.
Am Tag danach, am Dienstag, 27. Juli, schreiben drei Schweizerinnen – ebenfalls im Mountainbike-Bewerb – Olympiageschichte. Jolanda Neff zieht früh davon und fährt in einer eigenen Liga.
Sie holt sich überlegen die Goldmedaille im Cross Country und setzt ihrer ohnehin schon erfolgreichen Karriere noch die Krone auf.
Dahinter fährt die erst 23-jährige Zürcherin Sina Frei ins Ziel ein und ...
... präsentiert später voller Stolz ihre Silbermedaille.
Den totalen Schweizer Triumph komplettiert an diesem magischen Dienstag die Urnerin Linda Indergand, ...
... die zu Bronze fährt und zwei Tage später euphorisch in Silenen UR empfangen wird. Das Lachen wird wohl auch ihr noch einige Tage auf dem Gesicht bleiben.
Swiss Cycling fährt wiederum nur einen Tag später die nächste, bereits die sechste Medaille ein. Im Zeitfahren holt sich Marlen Reusser trotz einiger Probleme mit Helm, Brille und Rennbekleidung ...
... die silberne Auszeichnung. Die 29-jährige Ärztin will diese aber nicht etwa behalten, sondern schenkt sie ihrem Trainer.
Nach einem Tag ohne Medaille, trumpft am Freitag Jérémy Desplanches gross auf. Über 200 Meter Lagen holt sich der Romand dank einer fantastischen letzten Länge ...
... der Sprung auf den dritten Rang. Es ist eine historische Medaille, denn es ist die erste für die Schweiz im Schwimmen seit den Spielen in Los Angeles 1984.
Beflügelt vom Erfolg des Kollegen scheint Noè Ponti. Der junge Tessiner schwimmt nur einen Tag später über 100 Meter Delfin und ...
... krallt sich Bronze. Auch der 20-Jährige dreht nach der Wende auf und schlägt als Dritter an. Seine Medaille ist eine grosse Überraschung.
«Hehe, schaut her, ich hab's schon wieder getan», scheint hier Nina Christen zu sagen. Grosser Druck habe die Bronzemedaille ausgelöst, die Erwartungen stiegen für ihre «stärkere» Disziplin, dem Dreistellungsmatch über 50 Meter. Doch die Nidwaldnerin hielt dem Druck stand, steigerte sich im Verlauf des Wettkampfs und ...
... darf sich nun sogar Olympiasiegerin nennen. Die 27-Jährige kommt aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus.
Das tut auch Belinda Bencic nicht. Bei ihr fliessen nach dem Final im Einzel die Freudetränen, denn ...
... auch die 24-Jährige Ostschweizerin hat die Goldmedaille eingeheimst. Den Final gewinnt sie gegen die Tschechin Marketa Vondrousova nach einem harten Abnützungskampf.
Spektakel bot Nikita Ducarroz im BMX-Freestyle-Wettbewerb. Die in den USA lebende Genferin zeigt einen starken ersten Durchgang, muss aber wegen eines Sturzes im zweiten lange zittern und ...
... darf schliesslich die Bronzemedaille in Empfang nehmen. Damit holt sich die Schweiz bei der Olympia-Premiere in dieser Disziplin auch gleich ein erstes Mal Edelmetall.
An der Seite von Viktorija Golubic (links) kämpft sich Belinda Bencic überraschend ins Finale der Doppel-Konkurrenz. Dort fordern sie das tschechische Topduo Krejcikova / Siniakova heraus.
Am Ende verlieren die beiden in zwei Sätzen und freuen sich dennoch über ihre silberne Medaille. Belinda Bencic ist damit die zweite Frau neben Nina Christen, die an diesen Sommerspielen zwei Medaillen einheimsen kann.
Anouk Verge-Depre (rechts) und Joana Heidrich schwitzen im Sand von Tokio, werfen im Achtelfinale das andere Schweizer Duo (Hüberli/Betschart) aus dem Turnier, siegen im Viertelfinale knapp gegen Brasilien, verlieren das Halbfinale klar, ...
... und bejubeln am Ende die Bronzemedaille. Einmal mehr gilt: Es ist eine historische Medaille, denn nie zuvor hat es ein Schweizer-Frauenduo bei Olympischen Spielen im Beachvolleyball aufs Treppchen geschafft.

Die Olympischen Spiele beginnen für die Schweiz sehr gut. Gleich bei der ersten Medaillenentscheidung wird gejubelt. Nina Christen freut sich...

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