FC Basel
Basels erster Champions-League-Auftritt: Ein Abbild des Trainers

Spatz in der Hand? Taube auf dem Dach? Wie das 1:1 des FC Basel gegen Ludogorets Urs Fischer erklärt.

Sebastian Wendel und Sébastian Lavoyer
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Wie knacken wir den bulgarischen Beton? FCB-Cheftrainer Urs Fischer berät sich mit Captain Matías Delgado.

Wie knacken wir den bulgarischen Beton? FCB-Cheftrainer Urs Fischer berät sich mit Captain Matías Delgado.

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Es ist schon fast Mitternacht. Nach einem langen Tag sitzt Urs Fischer an der Pressekonferenz und sagt einen Satz, der aufhorchen lässt: «Wer sagt denn, dass wir gegen Arsenal nicht einen Punkt holen oder sogar gewinnen können?»

Bei früheren FCB-Trainern hätte man diesem Satz kaum Beachtung geschenkt. Aus Fischers Mund aber kommt er überraschend. Man erinnert sich an das eben zu Ende gegangene Auftaktspiel gegen Ludogorets Rasgrad und sinniert: Warum nicht schon vorher so? Warum zeigte Fischer nicht schon gegen die Bulgaren den Mut, der in diesem Satz steckt?

Der Satz passt so gar nicht zu dem, was Fischer und seine Mannschaft zuvor zeigten. Abgesehen von den 20 Minuten zu Beginn, in denen Basel offensiv powerte und zu Chancen kam, war der Auftritt ernüchternd, ja, bieder. Zu keinem Zeitpunkt sprang der Funke so wirklich zum Publikum über. Der FCB arbeitete Fussball, die Kür kam zu kurz.

Fischers Logik

Es beginnt mit Fischers Personalwahl. Überraschungen? Fehlanzeige. Stattdessen eine Aufstellung aus der Schublade. Eine, die in den vergangenen Wochen zweifellos funktioniert hat. Aber eine, bei der man sich auch fragt: Warum hat der FCB sich ein solch grosses und qualitativ ausgeglichenes Kader angeschafft, wenn dann doch immer die Gleichen spielen?

Tomas Vaclik: 4,5 Beim präzis geschossenen 0:1 der Bulgaren kann er nicht mehr reagieren. Sonst fast beschäftigungslos.
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Michael Lang: 4,5 Gibt den Assist zum 1:1 durch Steffen. Zeigt auch sonst eine solide Partie, war aber schon aktiver.
Marek Suchy: 3 Das 0:1 geht auf ihn. Er wird unglaublich einfach ausgetanzt und sieht ganz, ganz alt aus.
Éder Balanta: 4 Das eine oder andere unnötige Foul, aber ohne grobe Fehler. Die ganz grosse Sicherheit strahlt er aber noch nicht aus.
Adama Traoré: 4 Beim Gegentreffer sieht auch er nicht allzu gut aus. Ansonsten solid, mit Akzenten in der Vorwärtsbewegungen.
Taulant Xhaka: 4,5 Gegen ihn will man nicht spielen müssen. Bissig, zweikampflustig und immer präsent im Zentrum.
Luca Zuffi: 4,5 Die Pause merkt man ihm nicht an - positiv gemeint. Die grossen Impulse gegen vorne bleiben aber aus.
Birkir Bjarnason: 4 Verliert vor dem Konter zum 0:1 den Ball, und baut in der zweiten Halbzeit markant ab. Vom Isländer muss spielerisch wieder mehr kommen.
Matias Delgado: 4,5 Ganz starke Pässe in die Tiefe in der ersten Halbzeit. Wir nach der Pause schwächer und muss in der 82. Minute raus.
Renato Steffen: 4,5 Torschütze Cafu hätte er decken müssen. Macht das aber bei seinem Debüt in der Königsklasse mit dem Tor zum 1:1 gut.
Marc Janko: 4 Hat fünf Halbchancen mit dem Kopf - und muss dann in der 40. Minute runter, weil der Oberschenkel zwickt.
Seydou Doumbia: 4 Sucht den Ball nach seiner Einwechslung in der 40. Minute sofort. Gefahr geht von ihm aber zu wenig aus.
Alexander Fransson: - Kommt in der 70. Minute für Luca Zuffi ins Spiel. Zu kurz im Einsatz für eine Bewertung.
Davide Calla: - Ersetzte Captain Matias Delgado in der 82. Minute. Zu kurz im Einsatz für eine Benotung.

Tomas Vaclik: 4,5 Beim präzis geschossenen 0:1 der Bulgaren kann er nicht mehr reagieren. Sonst fast beschäftigungslos.

Zur Verfügung gestellt

Beide Scheibenwischer vor der Abwehr, Zuffi und Xhaka, gingen angeschlagen in die Partie. Und riefen prompt nicht ihr gewohntes Niveau ab. Auf der Bank sassen der hochveranlagte Fransson und Serey Die: Den Ivorer hat man eigentlich geholt für die Champions League. Für Spiele, in denen Aggressivleader wie er gefragt sind.

Oder: Warum lief Bjarnason auf, der seit Wochen ausser Form und sichtlich überspielt ist? Auch am Dienstag lief es dem Isländer mehr schlecht als recht, sein Ballverlust stand am Ursprung des Konters, der zum Gegentor führte. Eine Alternative wäre Elyounoussi gewesen, der junge Norweger, der in der Super League so vielversprechende Auftritte hatte. Doch Elyounoussi erhielt nicht einmal ein Aufgebot.

Von einem solchen nur träumen kann Kevin Bua, ein anderer Spieler, den der FCB holte, um in der Offensive unberechenbarer zu werden. Doch der ehemalige FCZler, der in Basel internationale Erfahrungen sammeln wollte, wurde von Fischer nicht auf die Meldeliste für die Champions League gesetzt.

Fischer entscheidet sich auf jeder Position für die konservative Variante, für jede Personalie hat er eine nachvollziehbare Erklärung. Dass er auf Bewährtes setzt, ist logisch. Die Folge: Die Spielweise der Mannschaft widerspiegelt Fischers Werte perfekt: Solidität, Stabilität, Seriosität, Berechenbarkeit. Für was er hingegen nicht steht: Experimente, Fantasie, Risiko, Glamourfaktor sind ihm fremd. Er setzt auf Fleiss und auf ehrliche Arbeit, auf Vertrauen in die Wegbegleiter, die ihm in der letzten Saison zum Meistertitel verholfen haben. Gegen Ludogorets stand mit Innenverteidiger Eder Balanta nur gerade einer von acht Neuzugängen in der Startelf.

Fischers Credo

Drehen wir die Medaille um: Dann sehen wir einen FCB, der seit Fischers Amtsantritt im Sommer 2015 stets stabil auftritt. Gegen Ludogorets fiel die Mannschaft nach dem blöden Gegentreffer kurz vor der Pause nicht auseinander, sie stürmte in der Folge auch nicht kopflos nach vorne – nein, sie machte einfach weiter wie bisher. Trotz den vielen Provokationen der Ludogorets-Profis. Auch hier sind die Spieler ein Abbild des Trainers: Ruhe bewahren. Ein Credo Fischers. Wie die Maxime, in jeder Sekunde seriös aufzutreten. Vor drei Wochen in Thun ärgerte sich Fischer grün und blau über seine Mannschaft, weil diese beim Spielstand von 3:0 die Kontrolle verlor.

Oder: Statt die Einwechslung des defensiven Mittelfeldspielers Fransson für den defensiven Mittelfeldspieler Zuffi beim Stande von 0:1 als mutlos zu bezeichnen, kann man auch sagen: eine unaufgeregte Entscheidung zugunsten des funktionierenden Gesamtgefüges. Hätte Fischer dieses auseinandergerissen, wäre der FCB vielleicht in einen weiteren, tödlichen Konter der Bulgaren gelaufen. So aber arbeitete er sich geduldig zum späten und verdienten Ausgleichstor durch Steffen.

Als die FCB-Verantwortlichen Urs Fischer als Nachfolger von Paulo Sousa verpflichteten, war das auch ein Mentalitätswechsel: weg vom exzentrischen und herrrischen Selbstdarsteller Sousa. Hin zum bodenständigen, ehrlichen und berechenbaren Teamplayer Fischer. Bei Fischer weiss man, was man hat. Und was man nicht hat.

Genauso fühlt sich das 1:1 gegen Ludogorets Rasgrad an. Ein gewonnener oder zwei verlorene Punkte? Irgendwie wäre mehr möglich gewesen. Andererseits: lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach – oder?