BARRAGE: Woche der Entscheidung

Die Schweiz steht gegen Nordirland vor richtungsweisenden Spielen, das erste ist bereits in zwei Tagen. Trainer Vladimir Petkovic glaubt fest an die WM-Teilnahme 2018. Sie entspräche dem Selbstverständnis aller.

Christian Brägger
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Vladimir Petkovic: «Wir müssen die positiven Dinge der vergangenen Zeit mitnehmen.» (Bild: Urs Lindt/Freshfcous (Pratteln, 6. November 2017))

Vladimir Petkovic: «Wir müssen die positiven Dinge der vergangenen Zeit mitnehmen.» (Bild: Urs Lindt/Freshfcous (Pratteln, 6. November 2017))

Christian Brägger

Die Schweiz muss in dieser Woche gegen Nordirland nachsitzen. Ein erstes Mal schon am Donnerstag in Belfast, dann am Sonntag in Basel. Die beiden Barrage-Spiele sind ausverkauft, der Zähler steht für beide Nationen auf null. Neun Siege und über ein Jahr lang hatte es in der WM-Qualifikation nicht danach ausgeschaut. Dann, in der zehnten Partie, kam in Lissabon gegen den Europameister der Nackenschlag. «Ich habe diese Spiele nicht eingeplant, aber nun ist es eben so», sagte Nationaltrainer Vladimir Petkovic an der Pressekonferenz in Basel, mit der der Verband die wegweisenden Tage einläutete. «Alles, was wir bis jetzt gemacht haben, müssen wir annullieren.»

Der Reset bedeutet: Die Siegesserie, die die Schweiz in eine vielleicht trügerische Euphorie versetzte, zählt nicht mehr. Ebenso das ohnmächtige Gefühl, es dennoch nicht auf direktem Weg nach Russland geschafft zu haben, trotz der drittbesten Punktzahl aller Teams in der WM-Qualifikation. Schaffen Spieler und Trainer das? Immerhin steht in den kommenden 180 Minuten ein ganzes Konzept mit auf dem Spiel, vielleicht die gesamte Arbeit mehrerer Jahre. Und irgendwo geht es auch um eine Generation von Spielern, der man doch so viel zutrauen mag, die aber in wichtigen Spielen immer wieder scheiterte. Zweifelt sie?

Die Frage nach der mentalen Qualität

Nicht die Niederlage, sondern der Auftritt in Portugal an sich hat Spuren hinterlassen. Und Fragen aufgeworfen. Dies gilt es nun gegen Nordirland, die Nummer 23 der Fifa-Welt, zu beantworten. Es sind Fragen nach der mentalen Qualität des Teams, das so sehr davon beseelt ist, an einem grossen Anlass Geschichte zu schreiben. «Wir müssen die positiven Dinge der vergangenen Zeit mitnehmen», sagte Petkovic. Er meinte damit, wieder jene Schweizer sehen zu wollen, die man kennen und schätzen gelernt hat. Mit jener Qualität, mit jenem Ballbesitz-Stil, mit jener Leidenschaft. Petkovic will die Nordiren nicht unterschätzen, sie gelten als schwierig zu besiegen, als eine Mannschaft, die den Ball wenig führt. Ihr jüngster Weg während der WM-Qualifikation sowie das Erreichen des EM-Achtelfinals in Frankreich sind Mahnung genug. «Natürlich haben wir viel Respekt vor dem Gegner. Aber wir haben keine Angst. Wenn wir auf dem Platz zeigen, was wir können, werden wir erfolgreich sein.» Ein erstes Zeichen, im nächsten Jahr an die WM in Russland zu fahren, will er bereits in Belfast setzen. Um danach im Rückspiel von der 50:50-Chance, von welcher er kurz nach der Auslosung noch gesprochen hatte, mehr Prozente auf Schweizer Seite zu wissen.

Für dieses Zeichen muss der Trainer umdisponieren. Johan Djourou und mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auch Valon Behrami werden fehlen, der dennoch eingerückt ist und zum 24-Mann-Kader gehört. Zudem reisten einige Spieler nicht in bester Verfassung an, teilweise sind sie ausser Form oder in einer Ersatzrolle im Club. Doch letztlich spielt das keine Rolle, in der öffentlichen Wahrnehmung ist die Schweiz der Favorit. «Gegen Nordirland müssen wir agieren, nicht reagieren. Wir dürfen in den Zweikämpfen nicht zurückziehen, müssen in allen Situationen souverän bleiben», sagte Petkovic. Zumal auch die nordirischen Zuschauer jede gelungene Szene bejubeln werden, «das Publikum kann dort 20 bis 30 Prozent ausmachen»; es kann kein Zufall sein, dass die Nordiren in den letzten Jahren auf Wettbewerbs-Niveau im heimischen Windsor Park nur dem Weltmeister Deutschland unterlagen.

Bereits einmal hat die Schweiz eine WM-Barrage erlebt. 2005 hielt sie dem Druck in zwei Alles-oder-Nichts-Partien gegen die Türkei stand, das Team fühlte sich danach als eine Art Schicksalsgemeinschaft, die mit einem überaus positiven Gefühl an die WM in Deutschland reiste. Ein solches kollektives Gefühl fehlt der heutigen Generation – es wäre nicht die schlechteste Basis.