Barfuss und in Highheels tanzen

Der betörende Auftakt zur Reihe theater:now hat das Publikum im Phönix-Theater Steckborn begeistert. Sechs Tänzer und Tänzerinnen haben um das Gleichgewicht gerungen, haben nackt oder im Cocktailkleid getanzt.

Ursula Litmanowitsch
Drucken
Balanceakt am Abgrund: Immer wieder geht es bei der Compagnie Linga aus Pully um den Verlust des Gleichgewichts. (Bild: pd/Gert Weigelt)

Balanceakt am Abgrund: Immer wieder geht es bei der Compagnie Linga aus Pully um den Verlust des Gleichgewichts. (Bild: pd/Gert Weigelt)

STECKBORN. Drei Frauen, drei Männer und eine raffinierte Choreographie. Das ist die Compagnie «Cie Linga». Mit ihrer neuen Produktion «Falling Grace» haben die Westschweizer aus Pully am Montagabend die Veranstaltungsreihe mit zeitgenössischem Tanz theater:now im Phönix-Theater eröffnet. Die fünf Tanzproduktionen brechen auf betörende Weise den «Röstigraben» auf.

Ungeniert provokativ gleich zu Beginn. Die reale Nacktheit einer Tänzerin in abstrahiertem Kontext wird dabei als solche gar nicht wahrgenommen, sondern modelliert sich als Gesamtkunstwerk in die sirrenden Synthesizerklänge hinein und ins dunkle, nur von LED-Leuchten ausgehellte Bühnenquadrat. Nichts Anstössiges ist an dieser Nacktheit, nur ein dichtes und drängendes Aus- sich-Herausschälen des Körpers auf kleinstem Raum. Ein Balanceakt am Abgrund.

Wie der Puma seine Beute

Symbolisch dabei die starke Konzentration auf die «falling grace» – den Verlust des Gleichgewichts. Denn dieser Verlust bedeutet Hinfallen. Liegen bleiben aber wäre fatal. Drum raffen sich die Tanzenden auf, reissen sich mit. Gleichklang indes darf nicht von Dauer sein. Das Glück der totalen Übereinstimmung währt immer nur einen kurzen Moment lang, musikalisch unterblendet von elegischen Streicherklängen, abrupt gestoppt und verharrend in der atemlosen Stille und schliesslich übergehend in schneidende Cluster von elektronischer Kälte.

Die Tanzenden erfinden sich in stets neuen Mustern. Solo, mal im Duett, dann im Trio und dann wieder alle sechs gemeinsam. Starke Männersprünge verweben sich mit schmiegsamen und biegsamen Frauengesten. Manchmal entsteht im Knäuel der Körper eine fast bedrohliche Verkettung, die sich im nächsten Moment wieder entwirrt. Atemlos springen sich die biegsamen Gestalten an wie der Puma seine Beute, verstörend und verzweifelt reiben sich die Leiber, um innert Sekundenbruchteilen wieder voneinander zu lassen. Die Choreographie baut auf den Antagonisten Anziehung und Abstossung auf.

Das Klangkonzept ist dabei nie nur Unterblendung. Gemeinsam mit Idee und Choreographie von Katarzyna Gdaniec und Marco Cantalupa verwebt sich alles zu einer starken Aussage.

Nackt oder mit Krawatte

Gérald Durand, Ai Koyama, Philippe Lehbar, Raquel Miro, Evangelos Poulinas und Marie Urvoy überlassen sich der Rotation ihrer Bewegungen und geben der Schwerkraft bewusst nach. Extremitäten verschmelzen zu hingebungsvollen Glissandi, brechen wieder auf im Stakkato pulsierender Töne, die an Herzfrequenzen erinnern: monoton und durchdringend. Mal wird barfuss getanzt, mal in Highheels; mal nackt, mal in Kittel und Krawatte. Oder in T-Shirt zu Jeans und Cocktailkleid. In den Kostümen, klug gesetzten Aperçus, wirken die Tänzer wie Figuren aus unserem Alltag. Stets ringend und am Wendepunkt zwischen Verlust des Gleichgewichts und sich erneuerndem Antrieb. Der starke Beifall des begeisterten Publikums honorierte eine grossartige tänzerische Leistung in einem überaus schöpferischen Gesamtkonzept.

Aktuelle Nachrichten