Ski-WM St. Moritz

Bagger, Bier und blöde Sprüche: Einmal Teil der Ski-Familie, lässt diese Faszination meist nie mehr los

Die Ski-WM fasziniert Jung und Alt, Familie oder Freunde. Aber vor allem die älteren Fans pilgerten mit Nostalgiegefühlen nach St. Moritz, um ihre alten Idole im Legendenrennen zu sehen. Man könnte fast sagen, es war eine Art Familienzusammenkunft.

Simon Häring
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Die Eröffnungszeremonie zur Ski-WM in St. Moritz mit Bernhard Russi (3. von rechts) und Vreni Schneider (r.).

Die Eröffnungszeremonie zur Ski-WM in St. Moritz mit Bernhard Russi (3. von rechts) und Vreni Schneider (r.).

Keystone

Im Zielgelände trinken die Ski-Fans Kafi Schnaps und Weisswein. Tausend Engadiner Schulkinder scharwenzeln durch den Schnee und schwenken Schweizer Fähnchen, auf den Backen das weisse Kreuz auf rotem Grund.

Aus den Lautsprechern schallt Ländlermusik, Soldaten stärken sich mit einem Schluck aus dem Flachmann, ihr Kommandant lässt sie für einmal gewähren. Zuschauer richten sich am Pistenrand auf Campingstühlen ein, die Guggenmusik schränzt Klassiker. Nirgendwo spielt Folklore eine so grosse Rolle wie im Ski-Zirkus. Und wer einmal Teil dieser Familie ist, den lässt die Faszination meist ein Leben lang nicht mehr los.

Der Blick auf die Teilnehmerliste des gestrigen Legendenrennens bestätigt diesen Eindruck. Nachdem er zuvor im Fernsehen noch den vierten Platz der Schweiz im Teamwettbewerb analysiert hatte, schnallt sich Bernhard Russi (68), die Ikone dieser Ski-Familie, in einem Team für seine Urner Heimat Andermatt die Ski an die Füsse.

Bernhard Russi (r.) und Franz Klammer: Der Ski-Zirkus hält zusammen.

Bernhard Russi (r.) und Franz Klammer: Der Ski-Zirkus hält zusammen.

Keystone

Während die Jungen bereits in Richtung St. Moritz pilgern, um das Après-Ski einzuläuten, verharren die Älteren. Russi, Roland Collombin (65), Marc Girardelli (53) oder Urs Kälin (50) sind Idole ihrer Kindheit. Sie sind in die Jahre gekommen, auch die einstigen Frauenhelden und Schürzenjäger Russi und Collombin.

Frauenliebhaber und Bonvivants

Gegen den Stempel des Frauenhelden hat Russi sich immer gewehrt, allerdings mit wenig Erfolg. «Ich bin ein Frauenliebhaber», sagte er einmal. «Ich hatte nicht nur zwei Frauen in meinem Leben, ich war kein Kostverächter und kein Ministrant.

In der Theorie ist es möglich, dass irgendwo ein Kind von mir auftaucht. Er oder sie wäre mindestens 45 Jahre alt. Ganz ehrlich, fast jeder Mann in meinem Alter müsste diese Antwort geben», sagte er vor vier Jahren.

Und der Nachwuchs sässe an diesem Nachmittag in St. Moritz vielleicht auf einem Campingstuhl am Pistenrand. Er oder sie sähe auch Collombin, noch so ein Held vergangener Tage. Der Walliser war der perfekte Gegenpart Russis. Er feierte hemmungslos und hatte das Etikett eines Bonvivants.

Marc Berthod, ehemaliger Schweizer Skirennfahrer

«Es fällt mir schwer, den aktiven Skisport loszulassen. Er wird für immer in meinem Herzen bleiben.»

Russis Rücktritt liegt bereits 39 Jahre zurück, dem Ski-Zirkus ist er aber als Kolumnist, TV-Kommentator, Pistenbauer, Werbeträger und Geschäftsmann verbunden geblieben. Eine Ausnahme ist er damit nicht, im Dunstkreis bewegen sich weitere Ehemalige. Kernen macht Kamerafahrten, Paul Accola (49) setzte vor 14 Jahren im steilen Gelände für Pistenbauer Russi den Freien Fall, den atemberaubenden Starthang und das Wahrzeichen der Pista Corviglia um.

2008 wandte sich Russi auch an den Bündner Querkopf, als es bei den Arbeiten an der Olympia-Piste im russischen Sotschi Probleme mit den türkischen Arbeitern gab. «Päuli ist der beste Baggerfahrer der Welt. Er setzt in einer halben Stunde um, wofür andere einen ganzen Tag gebraucht haben», sagt Russi damals über den Gesamtweltcupsieger von 1992.

Obwohl es um Geld und Prestige geht, hat sich der Ski-Zirkus seinen familiären Charakter erhalten. Als Collombin in Martigny eine Bar eröffnete, waren Russi und Franz Klammer die Ehrengäste. Wie stark der Zusammenhalt ist, zeigt sich auch ankleinen Details. So fährt der Norweger Kjetil-André Aamodt (45) gestern mit Skiern von Felix Neureuther und Bruno Kernen, vor 20 Jahren Abfahrts-Weltmeister, trägt Handschuhe von Marcel Hirscher.

Halt in schwierigen Zeiten

In guten Familien hält man auch in schwierigen Zeiten zusammen. Zweifellos die schwierigste Zeit hat Accola hinter sich. 2012 gerät ein Achtjähriger unter seine Mähmaschine und stirbt später im Spital. Accola, selber Vater von zwei Kindern, wird freigesprochen, doch der Unfall verändert ihn für immer. «Ich kämpfe täglich, versuche, alles zu verarbeiten, auch meiner Familie zuliebe», sagt er, als er Jahre später sein Schweigen bricht.

Didier Cuche (42) baut einen Autounfall. Kernen erleidet als Glace-Verkäufer Schiffbruch. Obwohl er an Arthrose leidet, will er auf das Skifahren nicht verzichten. Für sie alle ist der Sport Lebensinhalt geblieben. «Alle wollen schnell sein. Wer etwas anderes behauptet, lügt», sagt Aamodt und stichelt gegen Marco Büchel (45): «Seine Kondition war auch schon besser.»
«Es fällt mir schwer, den aktiven Skisport loszulassen.

Er wird für immer in meinem Herzen bleiben», sagt der St. Moritzer Marc Berthod (33), als er im September seinen Rücktritt bekannt gibt. Vor zehn Jahren hatte er bei der WM in Are zweimal Bronze gewonnen, in St. Moritz wollte er noch einmal starten. Losgelassen hat aber auch er nicht. Berthod ist als TV-Experte im Einsatz und stösst im Ziel mit Bier an. So wie in vielen Familien eben auch.