Australian Open: Wie schlimm ist die Verletzung von Roger Federer?

Bereits zum zweiten Mal übersteht Roger Federer bei den Australian Open einen Fünfsatz-Krimi. Diesmal wehrt er gleich sieben Matchbälle ab. Und er steht zum 15. Mal in den Halbfinals. Doch wie schlimm ist er verletzt?

Simon Häring, Melbourne
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Musste sich an der Leiste behandeln lassen: Roger Federer auf dem Weg zum Sieg im Viertelfinal.

Musste sich an der Leiste behandeln lassen: Roger Federer auf dem Weg zum Sieg im Viertelfinal.

Andy Wong / AP

Adduktoren, Leiste, Oberschenkel, Rücken - wo und wie schwer hat sich Roger Federer verletzt bei seinem Viertelfinal-Sieg bei den Australian Open, bei dem er gegen den Amerikaner Tennys Sandgren (ATP 100) gleich sieben Matchbälle abgewehrt hat? «Ich weiss es nicht. Ich bin selber noch im Ungewissen», sagt der 38-Jährige. «Wenn das Turnier mit diesem Spiel für mich zu Ende ist, war es ein guter Start ins Jahr», sagt Federer. Die nächsten 48 Stunden seien entscheidend, ob er seinen Halbfinal am Donnerstag spielen kann. «Erst müssen wir herausfinden, was es genau ist», sagt Federer auf die Frage dieser Zeitung. Das schliesst die Konsultation des Arztes vor Ort ein, aber auch jene seines Leibarztes in der Schweiz, Roland Biedert. Gefordert ist auch Physiotherapeut Daniel Troxler.

Federer sagt indes, er sei guter Dinge, dass er sich rechtzeitig von den Strapazen erholen wird. «Ich weiss nicht, ob man überhaupt von einer Verletzung sprechen kann. Es sind einfach Schmerzen und Probleme.» Ihm spiele in die Karten, dass er genügend Zeit habe. Er hoffe auf zwei Nächte guten Schlaf, die Behandlung durch die Ärzte und den Physiotherapeuten. Die Probleme hätten bereits Mitte des zweiten Satzes eingesetzt, und führten auch zur emotionalen Reaktion, die in einer Verwarnung wegen einer Obszönität gipfelte. Federer sagt: «Ich war dermassen frustriert über die Schmerzen.» Die Verwarnung empfinde er als streng, schliesslich sei er nicht dafür bekannt, dauernd zu fluchen. «Aber ich akzeptiere es.» Nach der Behandlungspause sei er beunruhigt gewesen. «Ich hoffte, das Problem damit zu lösen, doch das war nicht der Fall», sagt Federer.

Also habe er sich gefragt: «Was geht? Und was geht nicht?» Erst als er den vierten Satz gewonnen hatte, habe er geglaubt, auch das Spiel noch gewinnen zu können. Dass er sieben Matchbälle abgewehrt hat, bemerkte er selber nicht. «Ganz ehrlich, als man mir das mitteilte, sagte ich: Echt? Ich dachte, es waren drei.» Er erinnere sich nicht einmal mehr, wie er sie abgewehrt habe. Gegen Sandgren gewann Federer zum 24. Mal ein Spiel, in dem er Matchbälle gegen sich hatte, aber erst zum zweiten Mal nach 2003 in Cincinnati gegen den Australier Scott Draper, wo er ebenfalls sieben Matchbälle hatte abwehren müssen. «Mit der Zeit kommst du mit dem Zählen nicht mehr nach, weil es so oft passiert ist. Für mich ist der Sieg hier aber einer der mirakulösesten und etwas vom Verrücktesten, das mir je gelungen ist», sagt Federer nach dem Halbfinal-Einzug.

Es brauche unglaubliches Glück, sieben Matchbälle abzuwehren. «Du musst die richtigen Entscheidungen treffen, und dein Gegner gleichzeitig nicht immer die besten», sagt Federer. «Ein Blinzeln im falschen Moment und es ist vorbei.» Emotional habe er nicht viel Energie verschwendet, weil er schnell gemerkt habe, dass die Dinge nicht so laufen würden, wie er sich das vorgestellt habe. «Statt daran zu verzweifeln, sagte ich mir, dass ich weitermache und mich darauf konzentriere, was geht.» Er fühle sich nicht annähernd so erschöpft wie nach dem Spiel gegen Millman. Deshalb sei er auch guter Dinge, dass er sich bis zum Halbfinal erholen wird. Wenn er durch Spiele wie dieses und gegen Millmann komme, glaube er daran, das Turnier als Sieger zu verlassen. «Es ist erst vorbei, wenn ich meinem Gegner die Hand schüttle. Ich glaube immer daran, bis es vorbei ist.»