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AUSTRALIAN OPEN: «Die Nervosität hat mich aufgefressen»

Nach der Pokalübergabe hatte sich Roger Federer wieder gefasst – und gab einen Einblick in seine Gefühlswelt.
Interview Aufgezeichnet von Jörg Allmeroth
Kann seine Tränen bei der Siegerehrung nicht mehr zurückhalten: Roger Federer.

Kann seine Tränen bei der Siegerehrung nicht mehr zurückhalten: Roger Federer.

Roger Federer, Sie haben sehr emotional auf diesen Sieg reagiert. Weil Sie diesen Meilenstein nun erreicht haben, Titel Nummer 20?

Es war irgendwie alles zu viel die letzten Tage. Ich habe sehr schlecht geschlafen die letzten beiden Nächte, es gab praktisch keine Minute, in der ich nicht über diesen Final nachgedacht habe. Es war keine Ablenkung, keine Entspannung da, diese Nervosität hat mich regelrecht aufgefressen. Deshalb verspürte ich eine so massive Erleichterung, und deshalb wich dann auch der ganze Druck so, als ich gewonnen hatte. Drei Grand-Slam-Siege in zwölf Monaten, ich kann es nicht glauben. Es ist eigentlich nicht zu fassen. Das Märchen geht weiter für mich.

Es wirkte aber auch so, als ob Sie von diesem grossen Moment überwältigt waren, dieser historischen Erfolgsmission.

Ja, es war ein befreiender Moment. Aber auch ein Moment des Erstaunens, was passiert ist. Es hatte mit dem Verlauf des Turniers zu tun, ich hatte ja vorher noch keine dramatischen Matches, in denen ich auch diese Emotionen zeigen konnte. Der Halbfinal hörte dann auch noch auf mit der Verletzung Chungs, es verlief alles etwas geschäftsmässig und routiniert. Und dann dieser Fight im Final, der Sieg, da kommt dann hinterher alles so richtig zusammen. Und da fliessen eben auch die Tränen.

Tatsächlich war es ja eine Berg-und-Tal-Fahrt im Spiel selbst. Zweimal lagen Sie mit einem Satz vorne, zwei Mal kassierten Sie den Ausgleich, sogar nach einem 3:1-Vorsprung im vierten Durchgang.

Es war eine echte Achterbahnfahrt, ein wildes Auf und Ab. Meine Güte, es war wirklich kaum zu ertragen. Ich habe mit aller Macht versucht, die Kontrolle zu bewahren, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr das an mir zerrte. Aber jetzt, Mann, das fühlt sich einfach gut an. Richtig, richtig gut.

Dabei erlebten Sie einen Traumstart, holten sich den ersten Satz nach nur 24 Minuten.

Das war schön, in der Tat. Aber plötzlich war ich mit meinen Gedanken viel zu weit voraus. Ich dachte schon: Wie wird sich das anfühlen, wenn ich gewinne. Und plötzlich verlierst du dann etwas von deiner Schärfe, von deinem klaren Fokus auf das Spiel. Du kannst dir das aber nicht leisten.

Tennis bleibt in gewissem Sinne immer auch ein Stück unberechenbar, selbst für jemanden wie Sie?

Klar, das ist auch nach dem mehr als tausendsten Spiel noch so. Du kannst diese Situationen nicht simulieren. Das Training ist das eine, der Match das andere. Im Tiebreak des zweiten Satzes dachte ich auf einmal: Mann, den vergeigst du jetzt. Und dann kommt es auch so. Aber wieso du diese Gedanken hast, wieso dir das in den Kopf schiesst, weisst du nicht. Aber das macht es eben auch so faszinierend da draussen. Du musst mit allen möglichen Prüfungen zurechtkommen, mit deinem Gegner. Aber vor allem mit dir selber. Du musst diese Matches auch gegen dich gewinnen.

Und wie war der Verlust des vierten Satzes zu erklären? Bei einer 3:1-Führung hatten Sie den Sieg schon vor Augen.

Ich sagte mir: Du musst jetzt nur noch gut servieren, dann bringst du das Ding nach Hause. Und im nächsten Moment wurde der Aufschlag schwächer, weil ich sehr auf diesen Aspekt achtete. Es ist schon verrückt, dieses Spiel.

Sie haben Ihr Spiel in den letzten Jahren immer wieder neu modelliert, sind aggressiver und noch mutiger geworden. Ist das für Sie selber ein Geheimnis der späten Erfolge?

Ich würde sagen: Es ist die generelle Aufgeschlossenheit, sich immer wieder zu prüfen, zu hinterfragen. Das Tennis hier und heute erlaubt es dir umso weniger, auf der Stelle zu treten. Stillstand, der Glaube, alles könne so bleiben wie immer – damit kommst du in Schwierigkeiten. Deshalb habe ich meine Position auf dem Court verändert, nehme die Bälle früher, retourniere härter. Greife auch häufiger an. Es war auch immer ein Austausch mit den Trainern, was man ändern kann. Ohne Inspiration von aussen geht das nicht. Mein Erfolg ist auch ein Erfolg des Teams.

Wie schaffen Sie es, auch in dieser späten Phase Ihrer Karriere weiter so ehrgeizig zu sein?

Ich bleibe frisch, weil ich nicht zu viel spiele. Weil ich die für mich richtigen Turniere spiele. Weil ich sehe, dass es die für mich wichtigen Menschen glücklich macht, wenn ich weiterspiele – meine Frau, meine Eltern, meine Kinder. Und mein Team.

Wie überraschend war es, dass der Final sozusagen als Indoor-Match ausgetragen wurde, unter geschlossenem Hallendach?

Das war wirklich eine Überraschung. Ich dachte, die Hitzeregel würde abends gar nicht eingesetzt. Rund 30 Minuten vor Spielbeginn wurde ich endgültig informiert, es gab auch schon vorher die Andeutung, dass es passieren könnte. Es ist klar, dass mir das nicht geschadet hat.

Wollen Sie den Titel hier im nächsten Jahr verteidigen?

Ich habe das in meiner Schlussansprache auf dem Centre Court ganz vergessen. Ich wollte es einfach nur hinter mich bringen, brachte ja kaum noch einen Satz heraus. Aber ja, ich hoffe sehr, im nächsten Jahr hier wieder zu spielen.

Wie lange können Sie dieses aussergewöhnliche Level noch halten – in diesem Jahr und darüber hinaus?

Ich muss weiter gut planen, die optimalen Entscheidungen treffen, die notwendigen Prioritäten setzen. Dann ist noch einiges möglich. Das Alter an sich ist nicht der alleinige Faktor, es ist nur eine Nummer.

Sie haben ja in den Monaten nach Ihrem letztjährigen Sieg den Norman-Brookes-Pokal auf Reisen geschickt. Sie waren sogar in der Schweiz auf schneebedeckten Gipfeln mit der Trophäe zu sehen. Gibt es nun neue Pläne?

Es war doch ziemlich cool, mit Norman im Schnee zu posieren. Ich dachte mir, es wäre schön, ihn ein bisschen herumzufahren. Ich glaube, das haben auch die Segler schon mal gemacht, als sie den America’s Cup holten. Es war auch ganz lustig, den Pokal Norman zu nennen, das hat eine viel persönlichere Note. Norman und ich – wir sind gute Freunde geworden.

Interview aufgezeichnet von Jörg Allmeroth

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