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AUSTRALIAN OPEN: Bencics Lockerheit ist zurück

Beim überraschenden Auftaktsieg gegen Venus Williams überzeugt Belinda Bencic mit längst verloren geglaubter Unbeschwertheit. Nun hat die 20-Jährige gute Chancen, noch lange im Turnier zu bleiben.
Jörg Allmeroth
Matchball verwertet: Belinda Bencic jubelt in Australien. (Bild: Joe Castro/EPA)

Matchball verwertet: Belinda Bencic jubelt in Australien. (Bild: Joe Castro/EPA)

Jörg Allmeroth

Schon bevor überhaupt der erste Ball gespielt worden war in der Rod-Laver-Arena in Melbourne, hatte Belinda Bencic einen kleinen moralischen Sieg errungen. Denn kaum hatte die Auslosungszeremonie ihr die vermeintlich übermächtige Erstrundengegnerin Venus Williams eingebracht, gab Bencic frohgemut zu Protokoll, sie freue sich sehr «über diese Herausforderung»: «Ich gehe mit einem guten Schuss Optimismus in das Spiel. Ich will zeigen, was ich kann.»

Genau mit dieser Mischung aus Unbeschwertheit, Lockerheit und Angriffslust ging sie dann auch am Montag auf dem Centre Court an ihr Werk – und war schliesslich die erste grosse, strahlende Sensationsgewinnerin bei den Australian Open des Jahres 2018. 6:3 und 7:5 lauteten die nackten Zahlen bei einer souveränen Demonstration der Stärke der 20-Jährigen, die den Vergleich mit der amerikanischen Vorjahresfinalistin von vornher­ein nicht als unglücklichen Wink des Schicksals, sondern als Chance begriff. Als Chance, ihre neugewonnene Lust am Tennis und ihren Aufwärtstrend auf ganz grosser Bühne zu bestätigen: «Das ist ein Mega-Augenblick für mich», sagte Bencic, aktuell die Nummer 78 der WTA-Weltrangliste, hinterher, «dieser Sieg bedeutet mit sehr viel.»

In der zweiten Runde wartet eine Qualifikantin

Dank des Siegs sind auch die Perspektiven bestens. In der 2. Runde trifft Bencic in der Nacht auf morgen auf die thailändische Qualifikantin Luksika Kumkhum (WTA 125), als nächste gesetzte Spielerin würde frühestens im Achtelfinal die Deutsche Julia Görges oder die Australierin Daria Gavrilova warten.

Es flossen sogar ein paar Tränen der Rührung im Moment des Grand-Slam-Coups, wenn auch nicht bei Bencic selbst, sondern bei Roger Federers Eltern Lynette und Robert, die am arbeitsfreien Tag ihres Sohnes in der Bencic-Loge sassen. Bencic und Federer hatten vor gut einer Woche zusammen die inoffizielle Weltmeisterschaft der gemischten Doppel in Perth gewonnen, dabei waren sich auch die Familien und Teams der beiden Schweizer Asse nähergekommen. «Es war so cool, dass die beiden mir zugeschaut haben», sagte Bencic bei einem Blitzinterview in der Laver-Arena, «es war aber kein besonderer Druck deswegen da.»

Nein, Druck liess Bencic in keiner Sekunde, in keiner Phase dieses glänzenden Auftaktgastspiels erkennen. Ganz im Gegenteil: Sie spielte durchgehend mutig, couragiert und mit jener inneren Überzeugung, die nach dem starken Schlussspurt der letzten Saison und dem perfekten Einstieg ins Jahr 2018 zurückgekehrt war. Bencic hatte zwar «nur» bei kleineren Turnieren triumphiert, in St. Petersburg, Taipeh, Dubai und Hua Hin, doch die Siege hatten ihr Matchhärte und Selbstbewusstsein verliehen. «Ich habe heute wirklich nicht schlecht gespielt, aber Belinda war einfach besser, liess nicht viel zu», lobte die geschlagene Venus Williams.

Der Kreis schliesst sich in Australien

In gewissem Sinne schloss sich auch ein Kreis für Bencic: Vor zwölf Monaten begann ihre Pech- und Unglückssträhne der Saison 2017 mit einem 4:6-, 3:6-Aus in Melbourne gegen die spätere Gewinnerin Serena Williams. Es folgten weitere bittere Niederlagen, viele Selbstzweifel, der Sturz aus den Top 100 und dann auch noch die Operation am Handgelenk. Nun aber kann Bencic wieder grössere Ziele ins Auge fassen, auch infolge einer nebenbei eingeleiteten und notwendigen Emanzipation im persönlichen Umfeld. Immerhin war Bencic ja nur mit Trainer Iain Hughes und einem Trainingspartner ans andere Welt der Welt gereist, die Familie blieb in der Schweiz.

Auch im Erstrundenspiel wollte Bencic «die Sache in die eigene Hand nehmen, aggressiver sein, mehr riskieren». Mit dieser Mentalität holte sie ein ums andere Mal die entschei­denden Punkte. Ihre Australian- Open-Reise kann noch ein gutes Stück weiter gehen, erst recht in einer Welt im Damentennis, in der nichts, absolut nichts, unmöglich ist.

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