AUSSERGEWÖHNLICH: Die Zauberformel vom Zauberberg

Der zurzeit verletzte Damien Brunner eröffnet Luganos Trainer Doug Shedden für die NLA neue Perspektiven. Wenn Brunner sein bestes Eishockey zeigt, ist er der beste und torgefährlichste Schweizer Stürmer.

Klaus Zaugg/Davos
Drucken
Teilen
Damien Brunner spielt am Spengler-Cup wegen einer Verletzung zwar nicht, ist aber für Lugano ein Hoffnungsträger für die NLA-Meisterschaft. (Bild: Melanie Duchene /KEY)

Damien Brunner spielt am Spengler-Cup wegen einer Verletzung zwar nicht, ist aber für Lugano ein Hoffnungsträger für die NLA-Meisterschaft. (Bild: Melanie Duchene /KEY)

Klaus Zaugg/Davos

Hat Luganos offensiver Schillerfalter Damien Brunner gestern am frühen Abend auf dem Zauberberg die Zauberformel für den Titelgewinn in der NLA gefunden? Das ist sehr wohl möglich. Die Geschichte geht so: Das Spiel gegen Mountfield ist aus. Lugano hat 4:3 gewonnen und steht am Spengler-Cup im Halbfinal. Die Helden kommen vom Eis, stapfen durch die Katakomben und verschwinden in der Kabine. Die kräftigen Männer wirken auf Schlittschuhen noch riesiger und bedrohlicher. Nur einer fällt optisch aus dem Rahmen. Er steckt nicht in der Hockey-Ausrüstung, trägt einen Kapuzenpulli und mahnt ein bisschen an einen Hockey-Hip-Hopper.

Sein Name: Damien Brunner. Dieser Spengler-Cup könnte «sein» Turnier sein. Wenn Damien Brunner sein bestes Hockey zelebriert, dann ist er der spektakulärste und torgefährlichste Schweizer Stürmer. In Kloten kam er einst nicht über die vierte Linie hinaus, in Zug reifte er unter Doug Shedden 2012 zum Liga-Topskorer und setzte sich anschliessend auch in der NHL vorübergehend durch. In 135 Spielen verbuchte Brunner in Nordamerika 67 Punkte. Aber seit der Rückkehr in die Schweiz zum HC Lugano im Dezember 2014 hat man nie mehr den besten Damien Brunner gesehen.

Bestes Eishockey im NHL-Playoff

Es ist nicht seine Schuld. Jahrelang tanzte er durch die gegnerischen Verteidigungen, hundertmal ist bei Checks nichts passiert. Doch seit seiner Rückkehr ist es wie verhext. Auf eine entsprechende Frage muss er nachdenken, um alle seine Blessuren seit dem Dezember 2014 aufzuzählen. Zweimal erwischt er eine Gehirnerschütterung. Einmal verdreht er das rechte Knie. Einmal zerrt er sich schwer den Muskel im Oberschenkel – und als alles überstanden scheint, erkrankt er im Sommer 2016 schwer an einem Darminfekt und muss seine Ernährung auf glutenfrei umstellen. Ein gewöhnlicher Spieler wäre nach einer solchen Serie von Missgeschicken sicherlich entmutigt, auf jeden Fall enttäuscht und gewiss nicht freundlich und guter Laune. Aber Damien Brunner ist kein gewöhnlicher Spieler. Deshalb ist er Liga-Topskorer geworden, deshalb spielte er sein bestes Hockey im NHL-Playoff mit Detroit – und deshalb findet er jetzt die Zauberformel für den Titelgewinn.

Der 21-jährige Luca Fazzini, auch ein Schillerfalter, hat soeben gegen Mountfield nach einer Finte ein Zaubertor zum 3:1 erzielt. Wenn er so weiterspielt, dann wird er im Team den Platz bekommen, der eigentlich Damien Brunner zusteht: die Flügelposition im ersten Sturm. Der neue Damien Brunner? Nein, noch lange nicht. Aber er ist ein Lugano-Junior und sein Vertrag läuft aus. Auch Zugs Sportchef Reto Kläy ist lebhaft interessiert. Diese Abstammung ist bei den anstehenden Vertragsverhandlungen emotional mindestens 100 000 Franken wert.

Was wird aus Damien Brunner, der einen Vertrag bis 2019 hat, wenn er in zwei bis drei Wochen ins Team zurückkehrt und Fazzini seinen Platz auf den Aussenbahnen eingenommen hat? «Dann spiele ich eben im dritten oder vierten Sturm.» Damien Brunner bloss im dritten Sturm oder gar vierten Sturm? Undenkbar. Sein Platz ist ganz vorne. Würde er denn eine solche Rückversetzung akzeptieren? «Ja, das würde ich. Ich muss nicht mehr für meinen persönlichen Ehrgeiz spielen. Ich will den Erfolg für das Team. Wenn Fazzini weiterhin so gut ist, dann werde ich eben in der dritten Linie spielen – und dann sind wir sehr, sehr gefährlich.» Das ist sie, die Zauberformel für Lugano, gefunden im Kabinengang während des Spengler-Cups: Fazzini im ersten, Brunner im dritten oder vierten Sturm.

Die Chance für den Trainer

Lugano hat im Frühling den Final gegen Bern verloren, weil Doug Shedden phasenweise nur noch mit zweieinhalb Angriffsreihen stürmen liess. Die besten Spieler viel zu stark zu forcieren, ist die Ursünde aller kanadischen Trainer. Aber wenn Shedden einen so guten, so speziellen Brunner im dritten Sturm hat, wird er die Kräfte so verteilen, dass es für das Playoff und zum Titel reichen kann. Vorausgesetzt, Shedden ist im Playoff noch im Amt.