Aus dem Schatten heraus

Heute beginnt die Kunstturn-WM im chinesischen Nanning. Wegen Verletzungen fehlen die grossen Schweizer Turner. Damit rückt der 19jährige Bülacher Eddy Yusof ins Rampenlicht.

Raya Badraun/Biel
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Der Schweizer Meister im Mehrkampf, Eddy Yusof, gehört an der WM in Nanning zu den Leistungsträgern im Schweizer Team. (Bild: ky/Walter Bieri)

Der Schweizer Meister im Mehrkampf, Eddy Yusof, gehört an der WM in Nanning zu den Leistungsträgern im Schweizer Team. (Bild: ky/Walter Bieri)

TURNEN. Die Schweizer Kunstturner wurden in den vergangenen Monaten vom Pech verfolgt. Anfang Jahr musste sich Lucas Fischer am Knie operieren lassen. Im Mai verletzte sich der St. Galler Pablo Brägger am Ellbogen. Und aufgrund von Schulterproblemen gab auch der Routinier Claudio Capelli frühzeitig Forfait für die WM in Nanning. «Vor allem das Fehlen der beiden Mehrkämpfer Pablo und Claudio werden wir in der Teamwertung punktemässig spüren», sagt Cheftrainer Bernhard Fluck. Das Ziel, ein zwölfter Rang mit der Mannschaft, ist auch deshalb schwierig zu erreichen, weil drei der sieben selektionierten Turner noch nie an einer EM oder WM dabei waren. «Für sie ist es jedoch eine gute Möglichkeit, sich im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 den Kampfrichtern zu präsentieren und Erfahrungen zu sammeln», sagt Fluck. Durch das Wegfallen der grossen Namen übernimmt unter anderem Eddy Yusof eine entscheidende Rolle an den internationalen Titelkämpfen in China. Er ist zum Leistungsträger geworden. «Seine Übungen haben einen hohen Endwert», erklärt Fluck diesen Umstand. «Zudem zeigt er sie sehr sauber und hat dadurch fast keine Abzüge.»

«Nicht mit leeren Händen»

Schaut man sich Yusofs Weg an, überrascht seine neue Rolle in der Mannschaft. Denn anders als andere Turner trainierte der 19-Jährige bis vor kurzem nur sporadisch in Magglingen. Die restliche Trainingszeit absolvierte er im regionalen Leistungszentrum in Rümlang. «Ich wollte nicht mit leeren Händen nach Magglingen gehen», sagt Yusof. «Deshalb war es mir wichtig, eine kaufmännische Lehre zu machen.» Für ihn bedeutet die Ausbildung vor allem eine Absicherung, falls eine schwere Verletzung die sportliche Karriere abrupt beendet. Im zentralistischen System des Turnverbands gehört Yusof zu den Ausnahmen. «Ich bin froh, dass ich erst so spät wechseln konnte», sagt der Sohn eines Malaysiers und einer Zürcher Oberländerin. «Nun passt es perfekt für mich.»

Der Wechsel war nicht nur aus privaten Gründen perfekt. Als Yusof am ersten September nach Magglingen zog, war er frischgebackener Schweizer Meister im Mehrkampf, am Boden und Barren. «Ich war sehr glücklich über die Titel», sagt Yusof. «Auch deshalb, weil es mir in der Woche davor überhaupt nicht gut lief.» Bei den internen Qualifikationswettkämpfen für die WM machte er an fast jedem Gerät einen Fehler oder stürzte gar. Der Kunstturner schüttelt den Kopf. «Keine Übung war optimal», sagt er dann. Ganz überraschend war dies nicht. Im Sommer erhöhte er in wenigen Wochen die Schwierigkeiten und übte neue Elemente ein. «Da ich nur wenig Zeit hatte, wurde es etwas stressig», sagt Yusof und lächelt. «Im Hinblick auf die Olympischen Spiele war es jedoch nötig und am Ende ist es ja auch aufgegangen.»

Erneut Schulterprobleme

Cheftrainer Fluck schaut zuversichtlich in die Zukunft: «Von Eddy werden wir noch viel hören.» Dies wird jedoch nur passieren, wenn Yusofs Körper weiterhin mitmacht. Denn die Teilnahme an der WM in China hing auch bei ihm an einem dünnen Faden. Nach der EM im vergangenen Mai machte die im Herbst 2012 operierte Schulter neue Probleme. Noch immer verspürt er bei fast jeder Übung Schmerzen. «Nach der WM mache ich eine Pause», sagt Yusof. «Dann steht meine Gesundheit im Vordergrund.» Denn nur so muss er den nächsten Wettkampf nicht wie Brägger, Fischer und Capelli als Zuschauer verfolgen.