Aus dem Kopf gefallen

Der klaustrophobe Gewölbekeller des Konstanzer Kulturzentrums am Münster ist der rechte Ort, die gruselige Geschichte eines Handwerkers der Renaissance zu erzählen, dem von Freunden die Identität gestohlen wird.

Dieter Langhart
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KONSTANZ. Ein Lautsprecher auf einem Ständer, ein Pult mit einem Dutzend Spieluhren, am Boden gestanzte Papierrollen und Elektronik. Die Auslegeordnung lässt einen dürren Abend erwarten. Doch das «Hörstück für Stimme und Spieluhren» von Hedwig Huber entpuppt sich als spannende Reise in eine längst verflossene Zeit, zu einem Humor, der ebenso derb wie genial ist.

Und wie von Sinnen und so bestürzt, dass ja und nein Kopf ihm stritten, stellte er sich auf die Piazza San Giovanni, indem er bei sich sagte: Jetzt bleibe ich so lange hier stehen, bis jemand kommt und mir sagt, wer ich bin. Der Florentiner Holzschnitzer Manetto Mannini muss sich die Frage stellen: Wer sagt uns eigentlich, wer wir sind? Denn seine Mitbürger, allen voran Architekt Filippo Brunelleschi (Erbauer der Domkuppel zu Florenz), haben sich einen Streich ausgedacht – nur weil «der Dicke» nicht zu einem Treffen der Handwerker erschienen war.

Ein Ich wird demontiert

Und sie tun dies so raffiniert – die halbe Stadt spielt mit –, dass der ahnungslose Holzschnitzer glaubt, er sei Matteo. Der Streich ist grausam, der arme Dicke beginnt an seinem Verstand zu zweifeln, doch der Streich ist so genial, das Opfer derart komisch, dass die zwei Dutzend Zuhörer bald die Bosheit des Architekten – und die des Autors – bald vergessen haben und sich genüsslich in der verwinkelten Geschichte einrichten, die mit immer neuer Raffinesse aufwartet, Haken schlägt, dem Dicken keine Ruhe lässt, bis der die Flucht ergreift und nach Ungarn auswandert.

Antonio Manetti (1423–97) hat nicht nur eine Biographie Filippo Brunelleschis und weiterer Architekten der Renaissance verfasst, er hat auch den mündlich und schriftlich überlieferten Stoff vom dicken Holzschnitzer und seiner Ich-Demontage als beffa in bester Tradition niedergeschrieben. Seine Novelle ist brutaler und gescheiter als vieles bei Pirandello, und sie lässt das Quartier um die Piazza San Giovanni, das Leben und Denken der Handwerker lebendig werden. Die Zürcher Schauspielerin Lara Körte leiht ihm die Stimme: eindringlich, lebendig, reich an Modulation.

Monteverdi und Elektroloops

Weniger lebendig wirkt der Kontrapunkt des Musikers und Komponisten Franz Tröger, der nach Beginn der Erzählung die Bühne betritt und vor ihrem Ende verlässt. Ohne Blickkontakt zu den zwei Dutzend Zuhörern dreht er an seinen Spieluhren, füttert sie mit Arrangements von Dufay und Monteverdi, verwirbelt und zersetzt sie immer mehr, vermischt sie mit Andeutungen an alte Wiegen- und Volkslieder «sowie eine Melodie, die jeder zu kennen glaubt, aber niemand benennen kann», wie es auf dem nachträglich verteilten Programmzettel heisst.

Krögers zartes Spiel ist leiser Kontrapunkt zur derben Geschichte; eine elektronische Improvisation lässt sich als Reverenz an die Jetztzeit verstehen. Doch letztlich bleibt er, was im Programm steht: «ein Nebendarsteller, ein Bühnenmusiker, der eine gänzlich andere Spur verfolgt». Aber Hedwig Huber, Konzept und Regie, hat auch nicht bloss einen Lautsprecher aufstellen können.

Vorstellungen: Mo, 16.7., 20.30; Do–Sa, 4.–6.10., 20.30; Kulturzentrum am Münster, Konstanz Reservation: bildausfall@gmx.net. Antonio Manetti: Die Geschichte vom dicken Holzschnitzer, Fischer, Frankfurt 1993; Die Novelle vom dicken Holzschnitzer, Wagenbach, Berlin 2012.