Aufstieg und Fall der Menschmaschine

Bislang war er Südafrikas Sportikone: Der beinamputierte Sprinter Oscar Pistorius, der es trotz seiner Behinderung schaffte, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Umso grösser ist der Schock darüber, dass der 26-Jährige Donnerstagfrüh seine Freundin, das Model Reeva Steenkamp, erschossen hat.

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Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp. (Bild: Keystone/Archiv)

Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp. (Bild: Keystone/Archiv)

Die Polizei bezweifelt, dass es sich bei den Schüssen am Valentinstag um einen Unfall handelt und beschuldigte ihn nach seiner Festnahme in einem Nobel-Vorort der Hauptstadt Pretoria des Mordes. Die Weltkarriere des Sprinters droht damit ein tragisches Ende zu nehmen.

Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp. (Bild: Keystone/Archiv)

Oscar Pistorius und Reeva Steenkamp. (Bild: Keystone/Archiv)

Sechs Goldmedaillen bei den Paralympics und mehrere andere internationale Titel hatten Pistorius, der dank supermoderner kufenähnlicher Prothesen auf Weltniveau sprintet, unter dem Spitznamen «Blade Runner» (in etwa: Läufer auf Klingen) bekannt gemacht. Doch Pistorius gelangte als Sportler vor allem deshalb zu Weltruhm, weil er trotz seiner Körperbehinderung im vergangenen Jahr an den Olympischen Spielen in London teilnehmen durfte.

Dem in Johannesburg geborenen Leichtathleten waren im Alter von elf Monaten beide Unterschenkel amputiert worden, da diese infolge eines Gendefekts nicht vollständig ausgebildet waren. Eine aufwändige Konstruktion aus Karbonprothesen erlaubte es dem Leistungssportler, die Fesseln dieser angeborenen Behinderung zu sprengen.

«Du bist nicht behindert durch deine Behinderungen, sondern befähigt durch deine Fähigkeiten», sagte Pistorius 2011 in einem Interview mit dem Magazin «Athlete». Sein Fitnesstrainer in der High School erzählte, Pistorius sei so gut gewesen, dass er erst nach einem halben Jahr bemerkt habe, dass der Junge beinamputiert ist.

Olympia-Teilnahme erzwungen
Pistorius übte auf viele Menschen eine grosse Faszination aus. Umso mehr als er vergeblich versuchte, an den Sommerspielen 2008 in Peking teilzunehmen. Damals verwehrte der Leichathletik-Weltverband IAAF dem Südafrikaner noch eine Teilnahme. Zu gross war die Befürchtung, Pistorius verschaffe sich durch die hochmodernen Prothesen einen Wettbewerbsvorteil.

Pistorius gelang im Sommer 2008 dennoch eine Sensation: Bei den Paralympics in Peking rannte er über 100, 200 und 400 Meter zur Goldmedaille. Im Streit mit dem IAAF steckte Pistorius ebenfalls nicht auf. Er zog vor das Weltsportgericht CAS, das dem Sportler schliesslich recht gab. Vergangenes Jahr trat Pistorius dann bei den Olympischen Spielen in London an und schied als Achter im Halbfinal über 400 Meter aus. Mit dem südafrikanischen Team stiess er immerhin in den Staffelfinal über 400 Meter vor.

Risikobereiter Adrenalinjunkie
Als der ehrgeizige Sprinter wenige Wochen später bei den Paralympics im Lauf über 200 nur Meter zweiter hinter dem Brasilianer Alan Oliviera wurde, warf er dem Konkurrenten vor, sich durch eine überzogene Länge seiner Unterschenkelprothesen einen unfairen Vorteil zu verschaffen.

Pistorius blickte dennoch versöhnlich auf London zurück. Die Menschen hätten im vergangenen Sommer verstanden, dass paralympischer Sport «nicht nur inspirierend, sondern knallharter Wettkampfsport» sei.
Hier sprach auch der Adrenalinjunkie Pistorius, der schon einmal gegen ein Arabisches Rennpferd antrat und gewann, der leidenschaftlich gern Motorrad fährt und sich vor vier Jahren schwere Brüche zuzog, als er mit seinem Motorboot verunglückte.

Präsent in Medien und Werbung
Pistorius' Erfolgsgeschichte war wie gemacht für die Medien. Er zierte unter anderem die Titelseite des «New York Times Magazine» und wurde vom Männermagazin «GQ» zum bestangezogenen Mann des Jahres 2011 gewählt. Zu Pistorius Sponsoren gehören der Ausrüster Nike und der Brillenhersteller Oakley. In einem Parfüm-Werbespot präsentierte sich der Läufer einmal als Menschmaschine mit chromglitzernden Beinen.

Pistorius' Aufstieg scheint nun ein jähes Ende gefunden zu haben. Noch am Dienstag hatte er getwittert, wie sehr er sich auf den Start der Leichtathletik-Saison freue. Doch statt in den Sportarenen der Welt zu laufen, dürfte er nun vorerst in eine Gefängniszelle gesperrt werden. (si)