AUFSTEIGER: Der Gegenentwurf zum Schweizer Cheftrainer

Bei Hockey Thurgau hatte Christian Wohlwend schon fast Kultstatus. Jetzt steht er in Paris erstmals im Rahmen einer Eishockey-WM an der Bande der Schweizer Nationalmannschaft.

Klaus Zaugg, Paris
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Roman Cervenka behauptet den Puck. (Bild: Herve Ranchin/KEY)

Roman Cervenka behauptet den Puck. (Bild: Herve Ranchin/KEY)

Nicht einmal ein Hollywood-Drehbuchschreiber könnte einen so passenden Gegenentwurf zu Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer erfinden: Christian Wohlwend ist einen langen Weg bis hinter die Bande der Nationalmannschaft gegangen. Der St. Moritzer galt als Jahrzehnttalent und war in den Junioren-Nationalteams einer der Besten. «Aber ich war wohl zu fragil für eine grosse Spielerkarriere.» Nach 14 Knochenbrüchen, einer Augenverletzung und einer Diskushernie-Operation entschied er sich vor zehn Jahren für die Trainerlaufbahn. In zwei Anläufen konnte er sich bei Rapperswil-Jona und Kloten in der NLA nicht durchsetzen. Die meiste Zeit hat er in der NLB verbracht, aber er gehörte auch zum legendären Team der Thurgauer, das im Frühjahr 2006 den Wiederaufstieg in die NLB schaffte – bis heute eine der besten Erstliga-Mannschaften.

Kollege des zweifachen Stanley-Cup-Siegers

Weil er so keinen grossen Namen als Spieler hatte, musste er sich alles erarbeiten. Obwohl Wohlwend kanadisch-schweizerischer Doppelbürger ist. Den kanadischen Pass hat er allerdings nicht wegen einer prestigeträchtigen Hockey-Vergangenheit. Weil sein Vater ein international tätiger Hotel-Manager war, kam er in Montréal zur Welt, wuchs aber in St. Moritz auf. Wohlwend hat alle Trainerkurse gemacht und sich in den vergangenen zehn Jahren über alle Stufen hochgearbeitet, bis er im vergangenen Sommer vollamtlicher U20-Nationaltrainer und nun Assistent von Patrick Fischer geworden ist.

Welch ein Gegensatz zur Blitzkarriere seines Chefs, der einer der grössten Schweizer Spieler war. Und ohne entsprechende Trainerlizenz und ohne Meriten aus dem Clubhockey ins höchste Traineramt gelangt ist. Doch Wohlwend macht gleich klar: «Patrick Fischer ist so gut, dass er gar keine Trainerkurse braucht.» Der andere, der längere Weg sei für ihn richtig gewesen. «So habe ich sehr viel gelernt», sagt Wohlwend.

Die Führung der Nationalmannschaft obliegt einem Triumvirat. Fischer ist Cheftrainer, Wohlwend und der Schwede Tommy Albelin sind die Assistenten. «Aber Patrick hängt nicht den Chef heraus. Wir besprechen und entscheiden alles gemeinsam.» Die Zusammenarbeit sei sehr angenehmen. Auch mit Albelin. «Er hat so viel erreicht. Er gewann zweimal den Stanley Cup. Aber er spricht nie von sich», sagt Wohlwend. An der WM 2016 in Moskau sass der ehemalige Stürmer von Hockey Thurgau noch als Spielbeobachter auf der Tribüne. An der Bande standen neben Fischer die damaligen Assistenten Reto von Arx und Felix Hollenstein. Beide sind nicht mehr dabei, und Wohlwend ist zum Assistenten an der Bande aufgestiegen. Und er erläutert jeweils vor den Partien in einem rund viertelstündigen Vortrag den Spielern anhand von Videoclips die Stärken und Schwächen und Besonderheiten der Gegner.

Klaus Zaugg, Paris

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