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Ein St. Galler führt die Männerstaffel an die EM

Der St. Galler Andreas Kundert war einst die Schweizer Nachwuchshoffnung im Hürdensprint. Doch eine lebensbedrohliche Angina stoppte ihn. Nun ist der 33-Jährige Coach der Schweizer 4×100-m-Staffel der Männer.
Raya Badraun
Die Frisur und sein Lachen hat er beibehalten: Andreas Kundert mit Hund Henox. (Bild: Benjamin Manser)

Die Frisur und sein Lachen hat er beibehalten: Andreas Kundert mit Hund Henox. (Bild: Benjamin Manser)

Der 16. Juli 2008 hätte der Beginn einer grossen Karriere markieren können. Damals stellte Andreas Kundert in Luzern mit 13,41 Sekunden über 110 m Hürden einen Schweizer Rekord auf, der bis vor kurzem Gültigkeit hatte. Am Ende war es jedoch nur ein Höhepunkt in einer von Verletzungen geprägten Laufbahn. Kurz nach dem Rennen reiste Kundert an die Olympischen Sommerspiele nach Peking. Doch ohne gestartet zu sein, kam er wieder nach Hause. Eine fiebrige Angina hatte bei ihm einen schweren ­Infekt ausgelöst, der sämtliche Muskeln angriff – auch das Herz. «Bei jedem Schnaufer haben mir die Lunge und der Brustmuskel wehgetan, sogar die Herzschläge schmerzten», sagte er damals. Sein Zustand war lebensbedrohlich.

Wochenlang musste Kundert pausieren. Als er wieder mit dem Aufbau startete und starke Trainingswerte erreichte, zog er sich im Oberschenkel einen schweren Muskelfaserriss zu. Und dann noch einen. Insgesamt fiel er über zwei Jahre aus. Erst viel später hat Kundert den möglichen Grund für die Verletzungen gefunden: das starke Antibiotika, das er in Peking bekam. «Es macht die Sehnen spröde», sagt der 33-Jährige heute.

Die Verletzungen haben Spuren hinterlassen

Was wäre möglich gewesen, wenn Kunderts Körper widerstandsfähiger gewesen wäre? In den schwierigen Jahren hat Markus Schaffner, sein Trainer beim LC Brühl, diesen Gedanken auf die ­Seite geschoben. Heute sagt Schaffner: «Eine Zeit um 13,20 Sekunden wäre wohl realistisch gewesen, vielleicht sogar eine noch bessere. Er hatte die Fähigkeiten dazu.» Damit hätte der Hürdensprinter zur erweiterten Weltspitze gehört. In seiner Karriere hat sich Kundert immer wieder für Grossanlässe qualifiziert, Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften. Doch viel Zeit verbrachte er eben auch mit Rehabilitation. Bereits in den Jahren vor dem Infekt in Peking war das so. «Das hat Spuren hinterlassen», sagt Schaffner. Im Training hatte Kundert bei gewissen Übungen Hemmungen, wollte manches nicht mehr machen oder zumindest nicht mehr mit der gleichen Intensität. «Auch als Trainer zweifelt man manchmal, ob dies der richtige Weg ist», so Schaffner.

Und doch ist Kundert immer wieder aufgestanden. Nach jeder Verletzung, nach jedem Rückschlag. Auch nach der WM in Osaka 2007. Damals verpasste er den Halbfinal um zwei Hundertstel­sekunden. Nach seinem Rennen hätte er bleiben und die Wettkämpfe der Kollegen verfolgen können. Doch er reiste nach Hause, um sich auf Weltklasse Zürich vorzubereiten. «Ihm war es wichtig zu zeigen, dass er es besser kann», sagt Schaffner. In Zürich lief er schliesslich sieben Hundertstelsekunden schneller.

Andreas Kundert (rechts) mit seinem ehemaligen Trainer Markus Schaffner während der Leichtathletik-EM in Berlin. (Bild: pd)

Andreas Kundert (rechts) mit seinem ehemaligen Trainer Markus Schaffner während der Leichtathletik-EM in Berlin. (Bild: pd)

Spricht Kundert heute über seine Karriere, ist da kein Frust, kein Zweifel, kein was wäre wenn. «Ich habe mich nie nur als Sportler gesehen oder mich alleine über meine Leistungen definiert», sagt er an diesem Morgen in Meilen, wo er mit seiner Freundin wohnt. «Das hat mir damals geholfen.» Der 33-Jährige sitzt vor dem Café Glück auf dem Marktplatz, neben sich Hund Henox, der Freunden gehört. 2014 ist Kundert zurückgetreten. Er war in jenem Sommer nochmals angetreten, um die EM-­Qualifikation für Zürich zu schaffen. Doch er hatte früh gemerkt, dass es ­nicht mehr reichen würde – auch wegen einer leichten Zerrung in der Vor­bereitung. «Nicht so tragisch», sagt er heute.

Teilzeitstudent und Hobby-Programmierer

Kundert hat seinen Platz im Leben gefunden und leitet heute bei einer Firma die Abteilung Unternehmensentwicklung. «Manche werden wahrscheinlich nostalgisch und vermissen diesen Zirkus», sagt Kundert. Er selbst gehört nicht zu jenen – auch wenn er das Leben als Sportler gemocht hat, die Reisen, Grossanlässe und auch das Training, die Arbeit. «Was kann ich noch machen?», hat er seinen Trainer oft gefragt. «Wo muss ich besser werden?» Kundert hat immer wieder Inputs gefordert, konnte die Korrekturen schnell umsetzen. «Er hatte die Gabe, auf den Punkt bereit zu sein», sagt Schaffner. Manchmal kam es zwischen den beiden aber auch zu Diskussionen. So stellte Kundert schon mal das Training in Frage, etwa die hohen Umfänge. «Ich trainiere wie ein 400-­Meter-Hürdenläufer», sagte er. Gefunden haben sie sich jedoch immer, auch wenn es manchmal ein Kompromiss war. Fokussiert, das war Kundert. Doch für ihn gab es immer auch ein ­Leben neben dem Sport. «Man braucht eine gewisse Distanz, um das Training verarbeiten zu können», sagt er. Nach Peking begann er ein Wirtschaftsstudium an der Fachhochschule in St. Gallen. Daneben arbeitete er 50 Prozent bei einer Bank als Kundenberater. Und in Zeiten, als er Profi war, suchte er sich eigene Projekte. So brachte er sich selbst das Programmieren bei und gestaltete Internetseiten. Noch heute ist er einer, der gerne ausprobiert, bastelt, ­ hantiert – etwa auf dem Balkon seiner Wohnung. «Das habe ich wohl von meinem Grossvater», sagt Kundert und schmunzelt.

Trainer zu werden, war in der ganzen Zeit nie ein Thema. Und doch ist er seit diesem Jahr zurück in den Stadien, als Coach der 4×100-m-Staffel der Männer. Als Schaffner davon hörte, war er überrascht. Im nächsten Moment dachte er jedoch: «Warum eigentlich nicht?» Und heute findet er, dass Kundert, der früher selbst Staffelläufer war, genau die richtige Person für diese Aufgabe ist. Weil die Athleten ihn von Wettkämpfen her ­kennen, Respekt haben. «Er hat Durchsetzungsvermögen und Feingefühl», sagt Schaffner.

Einfach ist die Aufgabe nicht, die Kundert übernommen hat. Die Männerstaffel ist nicht am gleichen Punkt wie diejenige der Frauen, die einen Schweizer Rekord nach dem anderen läuft. Sie ist heterogener, weniger eingespielt. Die Athleten haben verschiedene Trainer, verschiedene Trainingsorte. Manche bezeichnen die Sprinter als Diven. In einer Mannschaft, wo jeder seine Bedürfnisse für einen Moment zurückstellen muss, ist das nicht ideal. Kundert hat zu Beginn viele Gespräche geführt. Er versucht, auf jeden einzugehen. «Das Potenzial ist da, doch es braucht viel Zeit», sagt er.

In einen Sturm hineingeraten

Ein paar Wochen nach dem Treffen in Meilen wird bekannt, dass Pascal Mancini auf seiner öffentlichen Facebook-Fanseite Zitate eines Neonazis publiziert hat. Der Verband schliesst ihn daraufhin aus der Staffel aus und entzieht ihm kurz darauf die Lizenz. Damit darf er nicht an die EM nach Berlin reisen. «In was für einen Sturm bist denn du hineingeraten», wird Kundert von Freunden gefragt. Er ist fast pausenlos am Telefon, beantwortet Fragen und wendet sich auch an die Athleten. «Es waren definitiv nicht die lustigsten Tage», sagt Kundert. Den Entscheid findet er richtig, das betont er.

In der Staffel fehlt nun aber der viertschnellste Sprinter der Schweiz – und einer der erfahrensten Staffelläufer. Auch die Turbulenzen machen es nicht einfacher. Kundert versucht, die Athleten abzuschirmen, ihnen Raum zu geben, damit sie in den Einzeldisziplinen die beste Leistung zeigen können. Erst am Freitag soll die Staffel wieder zum Thema werden, kurz vor dem Rennen am Sonntag. «Man macht selten die Schlagzeilen, die man will», sagt Kundert. «Ich hoffe, das ändert sich nun.» Nach jedem Rückschlag steht er wieder auf – und startet einen Neubeginn.

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