AUFBAU: «Herantasten – Sprung für Sprung»

Nach einer schwachen ersten Saisonhälfte spricht Simon Ammann von einer kräfteraubenden Dysbalance und einem «Skipendler». Der Toggenburger erklärt, weshalb er dennoch «Licht am Horizont» sieht.

Ralf Streule
Drucken
Teilen

Interview: Ralf Streule

Simon Ammann, vergangenes Wochenende haben Sie sich mit dem Schweizer Team aus dem Weltcup ausgeklinkt. Sie sind in Bischofshofen auf zweithöchster Stufe, dem Continental Cup, angetreten. Tat der Schritt zurück gut?

Die zwei Podestplätze haben mir gutgetan, ja. Zuerst wollte ich aus physischen Gründen nur trainieren. Doch da der Wettkampf nach unserem Training in Planica praktisch am Weg lag und wir als Team an den Start gehen wollten, bot sich das Springen an.

Ist es Ihnen körperlich also nicht mehr möglich, alle Weltcup-Springen zu absolvieren?

Nein, so ist das nicht zu verstehen. Aber ich arbeite stark an der Absprungphase derzeit, eine Dysbalance hält sich hartnäckig, es stellt sich in der ersten Sprungphase oft ein «Skipendler» ein, ich verkrampfe mich – das alles ist sehr kräfteraubend. Um all das in den Griff zu bekommen, kann ich nicht forcieren wie ein Junger. Ich fühle mich aber topfit. Finde ich den Tritt wieder, werde ich den Weltcup körperlich gut meistern.

Sie haben in Bischofshofen zwei 140-m-Flüge absolviert, wurden einmal Zweiter, einmal Dritter. Wie stufen Sie die Resultate ein?

Der Continental Cup ist im vorderen Bereich auch stark besetzt, daher kann ich sehr zufrieden sein. Ich hatte ein besseres Gefühl als zuletzt. Zudem habe ich in Sachen Material weitere Erkenntnisse gesammelt. Ein etwas längerer Bindungsstab bringt den Ski wieder näher an den Körper, das hilft mir. Ich sehe Licht am Horizont, die Verkrampfung scheint sich zu lösen. Die ganze Bestätigung habe ich damit natürlich aber noch nicht erhalten.

Würden Sie noch immer – wie Anfang Saison – sagen, dass Sie Ihre Karriere bei einem 16. Platz in der Gesamtwertung beenden würden? Derzeit liegen Sie weit dahinter.

Ich bin mir meiner Zielsetzung bewusst, aber Gedanken darüber mache ich mir nicht. Ich möchte mich jetzt wieder herantasten, Sprung für Sprung. Ich hatte Anfang Saison die Hoffnung, dass ich mit den Wettkämpfen wieder zur Form finde. Das ist nicht passiert. Wenn ich zurückschaue, kann ich aber sagen: Ich bin zumindest nicht stehengeblieben, was die Erkenntnisse aus Wettkämpfen und Trainings angeht.

Verändert hat sich familiär etwas: Ihre Tochter Charlotte ist kürzlich zur Welt gekommen. Hatte das schöne Ereignis in den vergangenen Wochen einen Einfluss auf Sie als Skispringer?

Ich bekomme jedenfalls genügend Schlaf (lacht). Es läuft alles bestens zu Hause, alle sind gesund. So kann ich fokussiert trainieren. Ich versuche ohnehin, Privatleben und Sport zu trennen.

Aufgrund der schwachen Ergebnisse des Schweizer Teams geriet zuletzt auch Trainer Ronny Hornschuh in die Kritik. Zu Recht?

Das ganze Team ist gefordert. Die Zusammenarbeit mit Ronny ist immer produktiv, wir profitieren immer wieder von Erkenntnissen. Das Vertrauen ist da – das erarbeitet man sich eben auch in solch schwierigen Phasen.

Wie geht es weiter? Starten Sie am Wochenende im Weltcup in Oberstdorf?

Auf der neuen Flugschanze wäre es natürlich cool, wieder fliegen zu können. Ich möchte meinen Fokus aber nicht auf die ganz grossen Schanzen legen und in Sapporo in eineinhalb Wochen in den Weltcup zurückkehren.

In Pyeongchang eine Woche später findet die Olympia-Hauptprobe für 2018 statt. Kann es sein, dass Ihr Abschneiden dort sich auf Ihren Entscheid auswirkt, ob Sie in einem Jahr noch immer Spitzensport betreiben?

Wichtig ist mir zunächst, in eineinhalb Wochen dabei zu sein. Ich möchte die Schanze sicher jetzt im Winter besuchen und nicht erst im Sommer auf der Matte springen. Ob das Abschneiden dort einen Einfluss auf meine Karriere hat? Schwer zu sagen. Das Springen selbst absorbiert mich derzeit so, dass ich mir da keine Gedanken machen will.

Einer, der nur zwei Monate jünger ist als Sie, hat bewiesen, dass man mit 35 Jahren an die Weltspitze zurückkehren kann: Roger Federer. Das müsste Ihnen Mut geben.

Grandios, was er geleistet hat. Auch Fabian Cancellara ist ein 1981er-Jahrgang: Auch er hat im vergangenen Sommer noch einmal gezeigt, was möglich ist. Auch ich fühle mich körperlich topfit. Aber es muss alles zusammenstimmen. Das war bei Roger und Fabian der Fall. Daran muss ich arbeiten. Dass es auch im Skispringen geht, zeigt ja der 44-jährige Noriaki Kasai.

Reden wir dennoch über Ihre Zeit nach der Karriere. Sie haben im Toggenburg mit Ihrem Bruder eine Dachdeckerfirma gekauft. Sie sind gleichzeitig Aktionär und Verwaltungsrat der Toggenburger Bergbahnen, machen die Berufspilotenlizenz und sind an einer Sportmarketingagentur beteiligt. In welche Richtung geht es?

Das ist noch offen. Mein Bruder ist Geschäftsführer der Dach­deckerfirma – es ist sicher schön, wenn ich in meiner Heimat ­Pflöcke einschlagen kann. Die Chance ist gross, dass ich mit meiner Familie in den kommenden Jahren ins Toggenburg zurückkehren werde.