AUF KURS: «Es ist, als ob ich gegen mich selbst spiele»

Roger Federers Zwischenbilanz in Wimbledon fällt positiv aus. Doch jetzt folgen Gegner, die dem 35-Jährigen gefährlich werden könnten. Heute trifft er auf Grigor Dimitrov, dessen Spielweise jener Federers sehr ähnlich ist.

Jörg Allmeroth, London
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Keinen Satz verloren, keine bedrängenden Situationen erlebt: Roger Federer ist auf Kurs. Der achte Titelgewinn scheint in Reichweite, die alleinige Rekordmarke – doch zunächst muss sich Federer der Achtelfinal-Aufgabe gegen den 26-jährigen Bulgaren Grigor Dimitrov stellen. Also einem Spieler, dem seit Jahren der Ruf vorauseilt, er verfüge über ähnliche Talente wie Federer, er erhielt ja auch früh in seiner Karriere den Spitznamen «Baby-Fed.» Doch dass Begabung allein noch nicht ausreicht, um sich im komplexen Geschäft des Wanderzirkus durchzusetzen, illustriert Dimitrows Tennis-Lebensweg der letzten Jahre markant – zwischen den Wünschen und Hoffnungen des Bulgaren und der Wirklichkeit auf den Centre Courts klaffte fast immer eine grosse Lücke.

Eigentlich stehe Dimitrow altersmässig «in der besten Phase», so Federer, «doch er hat es noch nicht wirklich gezeigt. Wenn man dachte, er starte durch, fiel er wieder in ein Loch.» Was auch für diese Saison gilt. Bei den Australian Open rückte der elegante Dimitrow unversehens ins Rampenlicht, als er mit einem fulminanten Siegeslauf bis in den Halbfinal vorrückte. Auch dort überzeugte er gegen Rafael Nadal, dem er über fünf Sätze alles abverlangte. Aber danach war es wieder um seine Herrlichkeit geschehen, er versank in die Bedeutungslosigkeit zurück, eigentlich bis jetzt, bis zum ansprechenden Wimbledon-Auftritt. «Ich weiss genau, was mich erwartet. Es ist ein bisschen so, als ob ich gegen mich selbst spiele.»

Kaum eine schwierigere Aufgabe im Tennis

Federer gegen Baby-Fed: Jedenfalls bisher war das eine klare Angelegenheit, der Maestro höchstpersönlich hat alle fünf Vergleiche gewonnen. Das beste Wimbledon-Jahr Dimitrows liegt drei Jahre zurück, seinerzeit erreichte er den Halbfinal und unterlag dem späteren Champion Novak Djokovic. Es gebe kaum eine schwierigere Aufgabe im Tennis, als gegen Federer in Wimbledon anzutreten, sagte Dimitrov vor dem Rendezvous mit seinem früheren Idol: «Roger hat hier eine ganz besondere Aura.»

Federer ist in Wimbledon einmal mehr im Soll nach der Auftaktwoche. Er hat sich in jene aussichtsreiche Ausgangsposition lanciert, die er bei seiner ungewöhnlichen Saisonplanung auch anvisiert hatte. Der Verzicht auf die komplette Sandsaison barg Risiken, es wurde dann auch deutlich, als er in Stuttgart gleich im Auftaktspiel an Tommy Haas scheiterte. Aber der Maestro blieb ungerührt, er schlug entschlossen zurück, gewann den neunten Rekordtitel im ostwestfälischen Halle. In den ersten drei Runden sparte sich Federer noch dringend benötigte Kräfte auf, es war umso wichtiger, da er an einer ärgerlichen Erkältung litt. «Das ist jetzt aber am Abklingen. Ich fühlte mich gegen Zverev schon um 50 Prozent besser als im Spiel davor», sagte Federer, «ich hoffe, dass ich bis zum Spiel ganz fit bin.»

Jörg Allmeroth, London