Auf einem neuen Level

Giulia Steingruber zeigt an der EM in Montpellier ihr ganzes Können. Damit wird die 21jährige Gossauerin die erste Schweizer Mehrkampf-Europameisterin. Heute und morgen könnten zwei weitere Goldmedaillen folgen.

Raya Badraun/Montpellier
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Giulia Steingruber legt am Schwebebalken die Basis für die Mehrkampf-Goldmedaille. (Bild: EQ Images/Thomas Schreyer)

Giulia Steingruber legt am Schwebebalken die Basis für die Mehrkampf-Goldmedaille. (Bild: EQ Images/Thomas Schreyer)

TURNEN. Bereits vor der EM in Montpellier sprach Trainer Zoltan Jordanov von einer Mehrkampf-Medaille. Dass Giulia Steingruber diese holen würde, stand für ihn ausser Frage. Nur die Farbe wusste er nicht. «Der Stufenbarren wird darüber entscheiden», sagte Jordanov – und behielt recht. Bereits am ersten Gerät, dem Schwebebalken, meldete Steingruber ihren Anspruch auf die Podestplätze an. In der Qualifikation stürzte sie noch. Nun turnte die St. Gallerin ihre Übung sauber und erhielt die zweitbeste Benotung. Besser war an diesem Gerät nur die Russin Maria Charenkowa. Mit dieser lieferte sich Steingruber in der Folge ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den ersten Rang. Auch am Boden konnte sich die 21jährige Gossauerin im Vergleich zur Qualifikation noch steigern. Damit zeigte Steingruber wie auch am Sprung, wo sie den Tschussowitina stand, die beste Leistung aller Finalteilnehmerinnen. Dennoch blieb ihr die Russin weiterhin auf den Fersen. Am Stufenbarren, ihrem schwächsten Gerät, gelang Steingruber dieses Mal eine gute Übung. Mit 13,666 Punkten gehörte sie jedoch nicht zu den Besten. Charenkowa jedoch auch nicht. Die Qualifikation entschied die erst 16jährige Stufenbarren-Spezialistin mit 15,241 Punkten noch für sich. Im Final machte sie dann zu viele Fehler, vergab über einen Punkt – und den Titel. Damit gewann Steingruber mit mehr als 0,7 Punkten Vorsprung vor Charenkowa und der Britin Elissa Downie.

Erste Mehrkampf-Goldmedaille

Nach ihrem Triumph fand die Ostschweizerin kaum Worte, die ihr Glück beschrieben hätten. «Ich bin noch am Schweben», sagte sie schliesslich und betrachtete die Goldmedaille, die um ihren Hals hing. Das Lachen verschwand gar nicht mehr aus ihrem Gesicht. «Der Titel bedeutet mir sehr viel», sagt sie. Für Steingruber ist es die erste Medaille im Mehrkampf. 2011 belegte sie an der EM Rang neun, zwei Jahre später in Moskau Platz vier. Auch für den Schweizer Turnverband ist die Medaille ein grosser Erfolg. Steingruber ist erst die zweite Schweizerin, die an internationalen Meisterschaften im Mehrkampf eine Medaille holte, und die erste, die gewonnen hat.

Typische Wettkampf-Athletin

Die Bedeutung dieser Medaille sah man Felix Stingelin an. Der Sitzensportchef des Schweizer Turnverbands hatte nach Steingrubers Triumph Tränen in den Augen. «Diese Medaille macht mich sehr stolz», sagte Stingelin. Vor allem Steingrubers Coolness beeindruckte ihn. Wie bereits öfter liess sie sich von den Leistungen ihrer Konkurrentinnen nicht beeindrucken und zeigte die Übungen sauber und konzentriert. «Sie hat nun endgültig den Beweis angetreten, dass sie nicht nur auf den Sprung und den Boden reduziert werden kann», so Stingelin. Heute und morgen bieten sich Steingruber weitere Gelegenheiten, Stingelin glücklich zu machen. Heute nachmittag tritt sie im Sprung als Titelverteidigerin und deutliche Favoritin an. Zudem steht sie auch am Stufenbarren im Final. Am Sonntag folgt schliesslich zum Abschluss der Titelkämpfe der Final am Boden, der Königsklasse bei den Frauen. Als Siegerin der Qualifikation turnt sie auch dort um den Europameistertitel. «Im Sprung ist sie bereit für Gold», sagte Jordanov im Vorfeld. Und: «Wenn sie am Boden eine gute Übung zeigt, holt sie auch dort eine Medaille.» Seine Voraussagen gingen schon einmal in Erfüllung. Warum also nicht auch in den Geräte-Finals?