Auf den Spuren von Cancellara, Zülle und Kübler: Marc Hirschi steht vor einer rosigen Zukunft

Marc Hirschi tritt mit seinem ersten Sieg im Profi-Radsport in die Fussstapfen von grossen Schweizer Rennfahrern. Ein Blick zurück.

David Umiker
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Hat allen Grund zum Jubeln: Marc Hirschi, 22-jährig, gewinnt bei seinem Debüt die 12. Etappe an der Tour de France 2020.

Hat allen Grund zum Jubeln: Marc Hirschi, 22-jährig, gewinnt bei seinem Debüt die 12. Etappe an der Tour de France 2020.

Sebastien Nogier / AP

Mit dem gestrigen Sieg krönte Marc Hirschi seine bisherigen Leistungen an der Tour de France. Einmal Zweiter, einmal Dritter, und an der zwölften Etappe stand er nach 218 Kilometern endlich zuoberst auf dem Podest. Es ist sein erster Sieg im Profisport – und dann gleich beim prestigeträchtigsten Rennen der Radwelt. Der 22-Jährige ist damit der 31. Schweizer Etappensieger der Tour de France in der Geschichte.

Hirschi ist eine der ganz grossen Überraschungen der Tour und lässt das Schweizer Radsport-Herz höher schlagen. Hirschi tritt mit seinem Erfolg an einer Grand Tour (Tour de France, Vuelta a Espagña und Giro d'Italia) in Fussstapfen von grossen Schweizer Namen. Deren Triumphe liegen aber eine Weile zurück.

Fabian Cancellara

Fabian Cancellara im gelben Trikot des Gesamtführenden der Tour de France im Jahr 2004.

Fabian Cancellara im gelben Trikot des Gesamtführenden der Tour de France im Jahr 2004.

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Natürlich erscheint hier Fabian Cancellara an erster Stelle. Auf sein Konto geht der letzte Etappensieg an der Tour de France vor Hirschi: im Prolog 2012. Der Zeitfahrspezialist war auch der letzte Schweizer, dem ein Sieg bei der Grande Boucle in einem Rennen mit Massenstart gelang. Dieser datiert aus dem Jahr 2007.

Fabian Cancellara ist der bekannteste Schweizer Strassenradsportler seit der Jahrtausendwende. Er ist Olympiasieger, Weltmeister und neu auch: Manager von Marc Hirschi. Die beiden kommen beide aus dem bernerischen Ittigen. Allerdings unterscheidet sie, dass Cancellara vor allem im Zeitfahren brillierte, während Hirschi Allrounder-Qualiäten zeigte. Sei es am Berg, bergab oder im Sprint.

Die Gesamtwertung der Tour de France konnte Cancellara nie gewinnen. Als Zeitfahrspezialist war dies auch enorm schwierig. Trotzdem trug er das Trikot des Gesamtführenden, das Maillot jaune, immer wieder und insgesamt 29 Tage lang – so häufig wie kein anderer Schweizer.

Fabian Cancellara ist der Manager von Marc Hirschi.

Fabian Cancellara ist der Manager von Marc Hirschi.

Bild: LZ / Boris Bürgisser

Tony Rominger und Alex Zülle

Tony Rominger und Alex Zülle prägten Schweizer Radsport in den 1990er-Jahren. Vor allem an der Vuelta in Spanien waren sie erfolgreich: Dem Zuger Rominger gelang 1992 der erste Schweizer Sieg überhaupt an der Spanienrundfahrt. In den beiden Folgejahren triumphierte er erneut und schaffte einen Hattrick – den ersten der Geschichte der Vuelta anno dazumal.

Der St. Galler Alex Zülle führte Romingers Erfolgsserie zwei Jahre später fort und holte sich das Double mit den Siegen in den Jahren 1996 und 1997. Seither konnte sich kein Schweizer mehr den Gesamtsieg sichern. Brisant: Zülle gestand 1998 die Einnahme unerlaubter Substanzen und wurde für acht Monate gesperrt. Er war in die Festina-Affäre verwickelt. Ein Doping-Skandal, der sich an der Tour de France ereignete. Ein Jahr später fuhr er an der selbigen Tour auf den zweiten Platz in der Gesamtwertung – hinter Lance Armstrong.

An der Tour de France reichte es Rominger und Zülle knapp nie auf das oberste Treppchen. Auch Rominger wurde einmal bei der Grande Boucle Zweiter, im Jahr 1993 . Ein grosser Sieg errang der Zuger ausserdem 1995 an der Giro d'Italia. Damit ist er einer von zwei Schweizern, die sich den Titel von zwei grossen Rundfahrten sichern konnten.

Hugo Koblet

Der andere Schweizer, dem dies gelang, hiess Hugo Koblet. Wie Hirschi begann er seine Radkarriere als Bahnradfahrer. 1950 sorgte er bei der Giro d'Italia für seinen ersten grossen Coup, der ihm gleichzeitig zu internationalem Ruhm verhalf: Koblet triumphierte an der 33. Giro als erster Nicht-Italiener und erhielt eine Audienz beim Papst. Der Schweizer Sportler des Jahres von 1951 gewann im selben Jahr die Tour de France und wurde in der Folge nochmals zwei Mal Zweiter bei der Giro.

An der Tour de Suisse 1952 sollte Koblet ebenfalls triumphieren. Er galt als grösstes Schweizer Rad-Talent der Geschichte. Doch in diesem Sommer erkrankte er während der Tour und musste fit gespritzt werden. Dass diese Spritze ihn noch weit zurückwerfen wird, konnte er nicht ahnen. In der Folge-Etappe nahm das Unheil seinen Lauf: Koblet erlitt einen Kollaps und musste aufgeben. Viel gravierender aber: Koblet trägt einen Langzeitschaden am Herz davon. Der Zürcher konnte danach nie mehr an sein altes Niveau anknüpfen. 1964 verunglückte Koblet mit dem Auto tödlich – im Alter von nur 39 Jahren.

Ferdy Kübler

Der "Adler von Adliswil" an der Tour de Romandie 1954.

Der "Adler von Adliswil" an der Tour de Romandie 1954.

Bar. / PHOTOPRESS-ARCHIV

Koblets damaliger Schweizer Konkurrent war der Zürcher Ferdy Kübler aus Adliswil. Vor einem Monat jährte sich Küblers grösster Erfolg zum 70. Mal: 1950 gewann der "Adler von Adliswil" (zurückzuführen auf seinen Wohnort und seine ausgeprägte Nase) die Tour de France als erster Schweizer der Geschichte. Eine weitere grosse Rundfahrt konnte Kübler nicht gewinnen, dafür holte er sich an Weltmeisterschaften im Strassenrennen Gold, Silber und Bronze. Ausserdem siegte er drei Mal bei der Tour de Suisse.

Kübler hatte eine Art Lebensmotto, das er immer wieder aussprach und deshalb bekannt wurde. "Quäle deinen Körper, sonst quält er dich", sagte er nach den Rennen bei den Interviews. Es scheint ihm geholfen zu haben. Ferdy Kübler verstarb 2016 im Alter von 97 Jahren.

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