Kolumne
Auch weniger talentierte Kinder verdienen den Support der Eltern

Liebe Eltern, legen Sie die Scheu ab und begleiten Sie Ihr wenig oder untalentiertes Kind bei seinem Hobby.

René Bühler
Drucken
Teilen
Talentiert oder nicht? Egal, Eltern sollen trotzdem stolz sein.

Talentiert oder nicht? Egal, Eltern sollen trotzdem stolz sein.

Bild: Claudio Thoma

Ein Samstag im Oktober bei einem Fussballspiel der schwächsten Juniorenklasse, es sind gerade einmal sechs Väter oder Mütter aus beiden Teams anwesend. Am gleichen Tag, ein Spiel der FE13 des FC St.Gallen, also der besten Juniorenliga. Über 20 Familienmitglieder des Heimteams stehen am Spielfeldrand, und vom Gegner aus Zürich sind mehr Personen anwesend als beim regionalen Juniorenspiel der schwächsten Juniorenklasse.

«Tagblatt»-Sportjournalist Christian Brägger hat den Zustand des FC St.Gallen kürzlich im Sinne einer Momentaufnahme mit einem «SOS» betitelt. Nicht nur mit einem «SOS», sondern als permanente Alarmstufe Rot könnte man den Zustand jener Eltern beschreiben, die sich nicht um das Hobby ihrer wenig talentierten Kinder kümmern. Johann Wolfgang von Goethe hatte recht, als er sagte: «Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten.» Es ist doch spannend mitzuverfolgen, wie das eigene Kind auf dem Platz mit Mitspielern umgeht, wie es sich bei einem Foul benimmt, was es für Reaktionen bei einem (Gegen-)Tor zeigt, ob es sich in den Dienst des Teams stellen kann.

Hier geht es nur noch um Persönlichkeit. Die Eltern haben eine grossartige Möglichkeit, die Kinder von einer zusätzlichen Seite kennen zu lernen, oder haben sie vielleicht gerade davor Angst? Persönlich war ich während fünf Jahren Trainer eines untalentierten Spielers, dessen Vater sogar einige Jahre beim FC St.Gallen in der damaligen NLA gespielt hat. In fünf Jahren hat der Vater kein Spiel seines Sohnes gesehen – fast nicht zu glauben, aber wahr.

Es gibt nicht nur die Shaqiris, Messis und Ronaldos

Liebe Eltern, legen Sie die Scheu ab und begleiten Sie Ihr wenig oder untalentiertes Kind bei seinem Hobby. Sie finden auch so ständig die Möglichkeit für ein Lob. Ausserdem werden Sie die Eltern von ebenso untalentierten Kindern treffen. Sie können sich austauschen und Ihre Freude teilen, ein gesundes Kind zu haben, das Sport treiben kann.

Kolumnist René Bühler

Kolumnist René Bühler

Benjamin Manser

Sie werden die Trainer kennen lernen, die jede Woche einige Stunden für die Kinder da sind und dafür nicht entlöhnt werden. Sie sehen, mit welchen Kollegen sich Ihr Kind nach dem Spiel auf den Heimweg begibt und Ihr Besuch eines Spiels wird von Ihrem Nachwuchs innerlich verdankt; äusserlich ist dies nicht möglich, vor allem nicht in der Pubertät. Und wenn es Ihnen dann noch gelingt, am Spielfeldrand nicht peinlich zu sein, werden Sie für Ihr Kind nie zur Belastung. Im Gegenteil, Sie sind herzlich willkommen! Wäre es nicht eine Überlegung wert, dies zu versuchen? Auf diese Weise können Sie nicht scheitern und vermitteln eindrücklich, dass Ihr Kind nicht das grosse Talent sein muss, um Ihr Interesse zu wecken und Ihre Anerkennung zu spüren.

Talentierte Jugendliche im Sport sind Selbstläufer, hier müssen die Eltern oftmals gebremst werden. Eigentlich haben diese Eltern erst dann eine wichtige Aufgabe, wenn der Weg auf höchstem Niveau nicht weitergeht und das Kind in seiner Enttäuschung aufgefangen werden muss. Als Eltern eines weniger oder untalentierten Kindes passiert dies nicht. Zu oft kommt hier der Tag, an welchem das Kind einen Sport nicht mehr ausführen möchte, weil es wegen des fehlenden Talents die Lust verliert und andere Dinge wichtiger werden. Aber bis zu diesem Zeitpunkt können Sie als Eltern präsent sein, Sie können trösten, motivieren und loben, an Auswärtsspielen das Team als Fahrer begleiten. Kurzum: Sie erleben Ihr Kind. Verpassen Sie diese einmalige Chance nicht, denn sie kommt nicht zurück. Für den Einstieg ist es nie zu spät – schon sehr bald beginnen die Hallenturniere.

René Bühler wirft in regelmässigen Abständen einen Blick auf das Sportgeschehen. Er ist Ehrenpräsident des FC Fortuna St.Gallen und Herausgeber des Buches «Fussballjahre». (red)

Aktuelle Nachrichten