Interview

Auch die Spielerberater leiden während der Coronakrise: Renato und Michele Cedrola ärgern sich über jene Moralapostel, die keine Unterstützungsgelder im Fussball wollen

Im Fussballgeschäft ist alles stillgelegt. Renato und Michele Cedrola bearbeiten als Spieleragenten damit einen Markt, den es nicht mehr gibt. Zudem fordern die Brüder neue Transfersysteme – und sie haben Visionen.

Christian Brägger
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Renato (links) und Michele Cedrola geniessen als Spielerberater einen guten, seriösen Ruf.

Renato (links) und Michele Cedrola geniessen als Spielerberater einen guten, seriösen Ruf.

Bild: PD

Seit 20 Jahren sind die Cedrolas im Geschäft, ebensoviele Fussballer beraten der 49-jährige Michele und der 54-jährige Renato derzeit. Der Durchbruch gelang den Ostschweizer Spieleragenten 2001 mit Christian Gimenez, damals mit dem Wechsel von Lugano nach Basel. Aktuell ist David Abraham, der Captain des Bundesligaclubs Frankfurt, ihr Aushängeschild. Seit des Ausbruchs des Coronavirus steht die Fussballwelt aber auch für das Duo still.

Der Fussball fährt im Leergang. Wie spüren Berater die Krise?

Michele Cedrola: Es ist unglaublich... der Fussball ist völlig lahmgelegt! Wir sind seit fast einem Monat blockiert und haben nun Kurzarbeit beantragt, zumal die Zwangspause noch bedeutend länger dauern könnte. Unsere Geschäftszweige mit der Beratung von Spielern sowie dem Ticketverkauf für internationale Topspiele leiden jedenfalls sehr.

Gibt es weltweit keinen Spielermarkt mehr?

Renato Cedrola: Nicht ein einziger Club auf der Welt kann derzeit auch nur ansatzmässig planen. Niemand weiss, wann oder ob der Spielbetrieb fortgesetzt wird. Man muss jetzt kreativ sein. Und sich den Umständen anpassen, beispielsweise im Transferwesen: Es wäre durchaus denkbar, dass das Transferfenster heuer durchgehend von September bis Januar geöffnet wäre. Auch bezüglich Spielplan für den Rest der Saison gibt es Varianten, mit kompakten Playoffs, oder K.o.-Spielen.

Wenigstens konntet Ihr den Argentinier Gaston Gimenez für fünfMillionen Dollar noch nach Chicago an Sportchef Georg Heitz verkaufen.

Michele Cedrola: In der Major League Soccer wäre der Transfermarkt noch bis Anfang Mai offen gewesen. Zum Glück wurde der Wechsel vor dem «Lockdown» Anfang März vollzogen. Wir mussten lange zwischen Chicago und dem Besitzerclub Velez Sarsfield vermitteln; die Argentinier wollten Gimenez behalten, Chicago wollte den Spieler sofort. Mit Südamerika ist stets alles ein bisschen schwieriger, auch wegen der Zeitumstellung und der vielen nächtlichen Telefonate. Aber ich kann den Schlaf ja jetzt nachholen.

Die Transferwerte der Spieler brechen ein. Laut einer internationalen Studie verlieren sie in den Top-5-Ligen im Schnitt 28 Prozent.

Michele Cedrola: Mit Sicherheit wird das Coronavirus massive Konsequenzen im Fussball und für den Spielermarkt haben. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass die Vereine künftig mit mehr Leihgeschäften agieren, weil die Budgets für Transfers bedeutend kleiner sind.

Renato Cedrola: Ich kann mich noch an die Pleite der Kirch-Mediengruppe in der Bundesliga erinnern, im Jahr 2002. Da gab es danach einige Saisons, während denen die deutschen Vereine kleinere Brötchen backen mussten, Existenzängste bekamen und gemachte Angebote wieder zurückzogen.

Unter Auflagen gibt es zinslose Darlehen für Sportvereine bei drohender Zahlungsunfähigkeit. Wie sehr bluten die Clubs?

Michele Cedrola: Der «Lockdown» bringt allen Beteiligten Verluste, die Einnahmen fehlen. Je länger er dauert, desto fataler sind die Folgen. Darlehen hin oder her – für einen FC Lugano oder einen Club wie Neuchâtel Xamax wird es nur schon schwierig, das Geld überhaupt zurückzuzahlen.

Renato Cedrola: In der Schweiz ist der Fussballmarkt ein bisschen anders als in den grossen Ligen. Dort bestimmen die TV-Anstalten. Bei uns hingegen sind die Zuschauereinnahmen existenziell. Meiner Meinung nach hat der Fussball eine soziale und kulturelle Aufgabe. Ihn darf man nicht untergehen lassen. So müsste man überdenken, ob die Darlehen nicht A-fonds-perdu-Beiträge sein sollten. Zudem bezahlt der Fussball ja auch Steuern in Unmengen.

Was kann der FC St.Gallen tun?

Michele Cedrola: Der FC St. Gallen hat ja schon Kurzarbeit beantragt. Aber sonst? Vom Verband oder von der Liga sind Zahlungen an die Clubs denkbar. Vielleicht muss es diese sogar geben. Auch wird die Liga gewiss ein Notfallpaket schnüren wollen, mit dem Ziel, ja die Saison fertig zu bringen.

Renato Cedrola: Es spielen sich jetzt ja ein paar Leute als Moralapostel auf, wenn bewilligte Gelder in den Fussball fliessen – aber in St.Gallen hat es keine Cristiano Ronaldos. Da verdient der Durchschnittsspieler 10000 Franken. Der FC St.Gallen ist ein seriös geführter Verein und eine gewisse Solidität ist vorhanden. Aber nun kann er nicht einmal mit Transfereinnahmen planen.

Aber es ist schon so: Ein FC Basel oder die Young Boys dürften gut durch die Zeit kommen.

Michele Cedrola: Es kommt darauf an, wie lange der Spielbetrieb ausfällt.

Renato Cedrola: Mehr oder weniger ja. Dennoch sollte man nicht völlig ausser Acht lassen, dass gerade diese Clubs nicht nur mehr Einnahmen haben, sondern auch viel mehr Ausgaben.

Man hört, die Profis hätten Existenzängste. Wie sehr leiden sie, was sagen Ihre Spieler wie Oscar Scarione oder David Abraham?

Michele Cedrola: Im Moment erleben die Spieler eine Situation, die sie so nicht kennen. Sie sitzen zu Hause und müssen sich alleine anhand ihrer Trainingspläne beschäftigen. Bei einem längeren Ausfall kann dies auch für erfahrene und bekanntere Fussballer Konsequenzen haben. Ich denke dabei nicht an Existenzängste, ich denke eher an die Psyche.

Renato Cedrola: Die genannten Spieler haben nicht wirklich Probleme. Abraham und Scarione haben in ihren Karrieren sehr gute Verträge gehabt. Einschneidender ist es aber für Akteure, die in einer tieferen Gehaltsklasse sind.

Wie für den bei Vaduz engagierten Cédric Gasser, den Ihr berät?

Michele Cedrola: Junge Spieler wie Cédric, die noch keine Familien haben, sind jetzt noch «befreit» im Kopf. Aber wenn der «Lockdown» noch länger anhält, dann werden auch sie unruhiger. Natürlich versuchen wir, ihnen in dieser schwierigen Zeit beizustehen. Wir sind ständig im telefonischen Austausch. Aber allzu viel können wir auch nicht tun.

Was macht denn der Ausnahmezustand mit einem SC Brühl?

Michele Cedrola: Für Vereine wie Brühl ist es ganz schwer. Es fehlen die Einnahmen, um den Spielbetrieb zu finanzieren. Für die Brühler ist die Lage aktuell wohl extrem belastend; die Leute müssen alles nebenbei machen, weil sie ehrenamtlich arbeiten.

Ergibt es überhaupt noch Sinn, die Ligen fertig spielen zu wollen?

Michele Cedrola: Auf jeden Fall, und wenn möglich mit Zuschauern. In erster Linie geht es um die Gesundheit der Spieler und Fans. Sobald das gewährleistet ist, kann die ganze Fussballwirtschaft wieder in Bewegung kommen.

Renato Cedrola: Sportlich fände ich es wahnsinnig schade, wenn nicht weitergespielt werden könnte. Stichwort Liverpool, oder der FC St.Gallen. Alle müssen jetzt einfach flexibel bleiben und helfen, einen Ausnahmeplan für den Fussball zu gestalten. Gewiss, das Leben nach Corona geht weiter, die Welt wird sich auch nachher drehen. Dennoch möchte ich etwas anfügen: Jene Leute sind Idioten, die nun den Abbruch der Saison fordern. Ein Abbruch ist nicht die Idee des Fussballs. Das sind einfach dumme Aussagen von Menschen, die nichts zu verlieren haben, im Fussball kein Geld und keine Verantwortung haben. Es hängen so viele Existenzen an diesem ganzen Zirkus, vor allem bei den kleinen Vereinen.

Wird sich in Zukunft der Fussball sehr verändern?

Michele Cedrola: Die Transfersummen und Spielergehälter werden wohl runtergehen, und alle werden sich anpassen müssen. Es kann aber etwas Positives entstehen: Alle involvierten Personen werden vielleicht wieder bewusster handeln, auch diese Gier nach immer mehr könnte kleiner werden.

Renato Cedrola: Der Schaden ist noch nicht ganz messbar. Wir müssen zuerst einmal abwarten und die Entwicklungen der nächsten Tage und Wochen beobachten. Sicherlich wird Corona Spuren hinterlassen oder gar einschneidende Veränderungen bringen. Aber auch dies werden wir schaffen. Der Fussball ist letztlich ja nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Aber dieser Sport hat jetzt eine grosse Chance, sich besser aufzustellen, mit weniger Spielern, flexibleren Transfersystemen.

Was für Möglichkeiten seht Ihr denn auf dem Transfermarkt?

Renato Cedrola: Meine Vision sind ausschliesslich Einjahresverträge für die Profis. Die Vereine würden dann nicht mehr in junge Spieler investieren, um sie zu entwickeln. Sondern nur noch in die Spieler, die ihnen sofort helfen. Alter oder Transferpotenzial wären egal.

Bräuchte es dann noch Agenten?

Renato Cedrola: Wenn man jedes Jahr einen neuen Vertrag aushandeln müsste, verändern sich die Kriterien – uns bräuchte es jedes Jahr. Für die Clubs gäbe es zwar keine Transfereinnahmen mehr, aber auch keine Transferausgaben. Es ginge dann nur noch nach Leistung und weniger um Spekulationen und Investmentabsichten. Der Sport an sich würde im Vordergrund stehen und nicht, wie ein Club mit Transfereinnahmen über Wasser bleiben kann. Der Spieler müsste in jedem Jahr Vollgas geben, um am alten Ort bleiben oder nach der Saison einen neuen Arbeitgeber finden zu können. Das wäre eine Revolution – und der Markt viel dynamischer.

Wie sähe eure Arbeit Ende März ohne das Coronavirus aus?

Michele Cedrola: Es wäre für uns eine wichtige Phase. Normalerweise bespricht man jetzt mit den Vereinen die Kaderplanung für die kommende Saison. Wir wären jetzt viel unterwegs im In- und Ausland, auch bei den Ticketverkäufen gäbe es viel tun. Aber eben: Die Ungewissheit ist unser Begleiter, dabei wäre Normalität das wichtigste. Möge alles gut werden!