Erstmals seit 74 Jahren fällt der CSIO St.Gallen aus – Präsidentin Nayla Stössel: «Die Absage war unumgänglich»

Das Organisationskomitee in St. Gallen verzichtet wegen der Corona-Pandemie auf den grössten Reitsportanlass der Schweiz, der vom 21. bis 24. Mai hätte stattfinden sollen.

Peter Wyrsch
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Am CSIO St.Gallen herrscht stets eine gute Stimmung – in diesem Jahr aber gibt es im Gründenmoos keinen Pferdesport zu sehen.

Am CSIO St.Gallen herrscht stets eine gute Stimmung – in diesem Jahr aber gibt es im Gründenmoos keinen Pferdesport zu sehen.

Benjamin Manser

Lange hielt sich das OK des offiziellen Springreitturniers der Schweiz in St.Gallen zurück, obwohl der Bund am 16. März die Massnahmen wegen des hartnäckigen Covid-19-Virus massiv verschärft hatte.

Die Verantwortlichen mit Präsidentin Nayla Stössel an der Spitze wägten ab, prüften mögliche Verschiebungsdaten für den Sommer und verfolgten die Entwicklung der Pandemie-Ausbreitung täglich und genau.

«Die Risiken sind zu gross»

OK-Präsidentin Nayla Stössel.

OK-Präsidentin Nayla Stössel.

PD

«Wir wollten Mitte März noch nicht endgültig absagen, bevor wir alle Alternativen geprüft hatten, die sich auch durch die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio ergeben hatten», sagt OK-Präsidentin Nayla Stössel. Und sie fügt an: «Wir waren im konstruktiven Austausch mit dem internationalen Verband und dem Schweizerischen Verband für Pferdesport, den kantonalen Behörden und mit unseren Hauptsponsoren. Die Entwicklung der Corona-Krise ist aber schlicht zu unsicher. Die Risiken sind zu gross. Die Gesundheit aller hat Vorrang. Deshalb fällt der CSIO 2020 aus.»

Zwar boten einige Hauptsponsoren Hand für eine eventuelle Verschiebung, doch die Unsicherheiten und Schwierigkeiten waren für eine erneute Terminierung 2020 zu gross. Zivilschutz und Militär, die für den Aufbau der Zeltstadt in den vergangenen Jahren stets wertvolle Hilfe geleistet hatten, wären kaum zur Verfügung gestanden.

Diverse Aussteller wie auch ehrenamtliche Helfer hatten bereits anders disponiert. «Wir bedauern die Absage sehr. Sie war aber unumgänglich.» Man bedanke sich bei den Partnern für das Verständnis und die Loyalität und «wir freuen uns auf die nächste Austragung», so Stössel.

CSIO 2021 im Juni

Die Jubiläumsaustragung, der 25. Nationenpreis der Schweiz in St. Gallen, ist nun für den 3. bis 6. Juni 2021 geplant. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit für die entsprechenden Tage im nächsten Jahr. Auf Wunsch, so wird versichert, können bereits gekaufte Eintrittskarten bis spätestens 30 Tage nach aufgedrucktem Datum bei der erworbenen Stelle zurückgegeben werden. Der Kaufpreis wird vollumfänglich rückerstattet. Nayla Stössel dazu: «Wir verzichten bewusst auf die übliche Bearbeitungsgebühr von fünf Franken pro Ticket. Unsere treuen Zuschauer sollen wegen der Absage nicht noch zusätzlich bestraft werden.»

Erste Absage seit 1946

Der CSIO Schweiz findet erstmals seit 1946 nicht statt. Während des Zweiten Weltkrieges, genauer von 1940 bis 1946, fiel die Austragung des internationalen Turniers mit dem Nationenpreis als Höhepunkt aus. 1995, anlässlich der EM in St. Gallen, wurde auf eine zusätzliche Austragung des beliebten Mannschaftsspringens verzichtet.

Die Schweizer Springreiter müssen also ein weiteres Jahr warten, um den lang ersehnten ersten Nationenpreissieg seit 2000 im eigenen Land zu realisieren. Im Vorjahr resultierte nach einem spannenden Stechen «nur» Platz drei hinter Frankreich und Italien. Bereits standen für 2020 mit Irland, dem Gewinner des Nationenpreisfinals 2019, Grossbritannien, Schweden, Norwegen und der Schweiz fünf der acht teilnehmenden Equipen fest. Ob diese Länder auch 2021 starten werden, ist unklar.

Noch vier Turniere geplant

Vor St. Gallen haben bereits die zur Spitzenliga gehörenden CSIO in La Baule und Rotterdam ihre Turniere ersatzlos gestrichen. Auch der traditionelle CSIO Rom und das für Mitte Juni vorgesehene Masters des Fünfsterne-Turniers in Lausanne wurden frühzeitig abgesagt. Der für den 29. Mai bis 7. Juni geplante CHIO Aachen, das Weltfest des Pferdesports, wurde verschoben. Krampfhaft wird nach einem neuen Termin im Sommer gesucht.

Deshalb figurieren im grossen Turnierkalender vorläufig noch vier Anlässe in der FEI-Nationenpreisserie im Programm. Sowohl die Verantwortlichen in Falsterbo (13. bis 16. Juli), Dublin (15. bis 19. Juli) als auch in Hickstead (27. bis 30.Juli) befinden sich ebenso weiter in den Vorbereitungen wie Barcelona, wo einmal mehr der Nationenpreisfinal (1. bis 4. Oktober) ausgetragen werden soll. All diese Veranstalter weisen aber darauf hin, dass man die Corona-Entwicklung weiterhin täglich im Fokus hat und allenfalls reagieren will.

Folge der Unsicherheit

wy. Das OK des CSIO St. Gallen hat spät, aber richtig gehandelt und das Turnier im Gründenmoos für 2020 abgesagt. Eine Verschiebung, die wegen der unsicheren Entwicklung der Coronavirus-Pandemie denkbar und möglich gewesen wäre, hätte noch schlimmere gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben können. Ein eingeschränktes Programm, keine Shows, keine Gastronomie und eventuell auch keine Zuschauer sind eines CSIO in St.Gallen unwürdig. Der grösste jährlich wiederkehrende Sportanlass in der Ostschweiz ist ein Volksfest für Menschen, die Höchstleistungen von Reitern und Pferden hautnah miterleben wollen. Sind die Unsicherheiten zu gross, wird die Gesundheit der Besucher, Veranstalter und Helfer gefährdet, ist eine Absage die einzige Lösung – auch wenn Pferde das Virus nicht auf Menschen übertragen können.

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