Atletico wittert seine Chance

Das Spiel von Atletico Madrid, dem Leader der Primera Division, ist geprägt vom Kampfgeist und Siegeswillen seines Trainers Diego Simeone. Im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gastiert Atletico heute in Barcelona.

Julien Oberholzer/Si
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Zwei für den Erfolg: Atleticos Trainer Diego Simeone (hinten) und der belgische Goalie Thibaut Courtois. (Bild: epa/Sergio Barrenechea)

Zwei für den Erfolg: Atleticos Trainer Diego Simeone (hinten) und der belgische Goalie Thibaut Courtois. (Bild: epa/Sergio Barrenechea)

FUSSBALL. Es kommt nicht oft vor, dass dem FC Barcelona im Angriffsspiel die Ideen ausgehen. In der Meisterschaft haben die Katalanen in 31 Partien 89 Tore erzielt, in der Champions League trafen sie pro Spiel im Durchschnitt 2,5mal. Auch Real Madrid musste vor einer guten Woche gegen Barcelona vier Gegentreffer hinnehmen. Deshalb ist es bemerkenswert, dass Atletico Madrid in den bisherigen drei Partien gegen die Katalanen in dieser Saison nur einen Treffer zugelassen hat.

Atletico Madrid weist statistisch die beste Abwehr der Primera Division aus. Obwohl es mit Diego Costa einen starken Stürmer in seinen Reihen zählt, liegt das Fundament des Erfolges in der Defensive. Als aggressiv, athletisch oder am Rande der Legalität wird das Spiel des überraschenden Leaders beschrieben – je nachdem, wie der Betrachter ihm gesinnt ist. «Intensiv», nennt Trainer Diego Simeone die Auftritte seiner Mannschaft. «Nicht brutal.»

Kompromisslos und zielstrebig

Simeone hat die Mannschaft seit 2011 geformt, nach seinem Ebenbild könnte man sagen. Was Atletico auszeichnet, traf auch auf den Spieler Simeone zu. Der heute 43-Jährige war ein defensiver Mittelfeldspieler der alten Schule, ein Zerstörer und Provokateur. 106 Länderspiele bestritt er für Argentinien, 1998 im WM-Achtelfinal gegen England entnervte er David Beckham derart, dass dieser sich zu einem mit einer roten Karte geahndeten Revanche-Foul hinreissen liess. Die Argentinier zogen in die Viertelfinals ein.

Von seiner Kompromisslosigkeit und Zielstrebigkeit hat Simeone als Trainer nichts verloren. Er achtet akribisch darauf, mit welchen Spielern er zusammenarbeitet. Arbeitsethik und Sternzeichen spielten dabei ein wichtige Rolle, heisst es in Madrid. Nach dem 2:1 in Bilbao am Samstag gab er einen kleinen Einblick in seine Trainer- und Lebensphilosophie: «Träumen ist für die Anhänger, wir leben in der realen Welt.» Oder: «Um dort zu sein, wo wir sein wollen, müssen wir gewinnen.» Und: «Worte haben keine grosse Bedeutung, die Taten zählen».

Der Champions-League-Viertelfinalist Atletico wird sich auch heute nicht zu schade sein, den Spielfluss des FC Barcelona mit Fouls zu unterbinden oder wie es Simeone ausdrückt: «Wenn dein Auto nicht ganz auf der Höhe ist, dann musst du einen Weg finden, die Räder des anderen Typen zu löchern.» Atletico ist von den acht Viertelfinalisten jener, der am wenigsten Geld zur Verfügung hat. Der Stadtrivale Real nahm in der vergangenen Saison fast 400 Millionen Euro mehr ein, und auch Barcelona, Bayern München, Manchester United, Paris St-Germain, Chelsea und Dortmund stehen finanziell deutlich besser da.

Im kommenden Sommer wird sich Atletico wohl erneut vom einen oder anderen Spieler trennen müssen, um sein Budget von rund 130 Millionen Euro ausgeglichen zu gestalten. Im Vergleich zu seinem Vater, Jesus Gil y Gil, schaut der Mehrheitsaktionär Angel Gil genauer auf die Finanzen.

Starkes Team mit Ambitionen

Interessante Spieler gibt es bei den Madrilenen reichlich. Von den Innenverteidigern João Miranda und Diego Godin bis zu den Offensivakteuren Diego Costa und Koke. Der belgische Goalie Thibaut Courtois, ein weiterer Bestandteil der erfolgreichen Mannschaft, ist derweil von Chelsea nur ausgeliehen.

Nun bietet sich Atletico in dieser Saison eine der seltenen Gelegenheiten, Barcelona und Real zu übertrumpfen. In der Meisterschaft führen die Madrilenen nach 31 von 38 Runden mit einem Punkt Vorsprung auf Barcelona und deren drei auf Real Madrid. In der Champions League ist es im laufenden Wettbewerb noch unbesiegt. Die Richtlinie, bis zum Saisonende erfolgreich zu sein, hat Simeone vor einigen Tagen nüchtern vorgegeben: «Essen, Ausruhen, Reisen und Spielen.»

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