Argentinien schaut auf die Uhr

Viermal hat es Argentinien in den vergangenen Jahren in den Final eines grossen Turniers geschafft. Jedes Mal blieb nur Platz zwei. Die Sehnsucht nach einem Titel ist gross. Doch die Anhänger sehen, wie die Zeit verstreicht und mit ihr die Ära Lionel Messi.

Lorenz Huber
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Lionel Messi fehlt ein grosser Triumph mit Argentinien, um die Herzen seiner Landsleute zu erobern. (Bild: David Fernandez/EPA)

Lionel Messi fehlt ein grosser Triumph mit Argentinien, um die Herzen seiner Landsleute zu erobern. (Bild: David Fernandez/EPA)

Lorenz Huber

Seit dem 1:0 gegen Chile hat sich die Lage Argentiniens in der WM-Qualifikation entspannt. Gefeierter Spieler in Buenos Aires war Lionel Messi, weil er in der 16. Minute einen Penalty verwandelt hatte. Für den Stürmer des FC Barcelona hatte die Begegnung mit Chile eine besondere Bedeutung, war er mit Argentinien doch zuletzt an der Copa America zweimal im Final an den Chilenen gescheitert. Nach dem vergebenen Penalty und der Niederlage im Endspiel 2016 hatte er seinen Rücktritt erklärt, wurde dann aber von ganz Argentinien bis zu Präsident Mauricio Macri vom Weitermachen überzeugt. Heute trifft Argentinien mit Messi auf Bolivien.

Argentinien ohne Messi wäre selbst für die schärfsten Kritiker unvorstellbar gewesen. So geht es vielen Argentiniern mit ihrem Messi. Wenn sie ihn haben, wollen sie ihn nicht. Haben sie ihn nicht mehr, wollen sie nichts sehnlicher. Wäre der 29-Jährige mit Argentinien in einer romantischen Beziehung und sie auf Facebook registriert, wäre der Status: «Es ist kompliziert», oder wohl eher: «Es complicado».

Neue Heimat für Mecci

In Argentinien geboren, verbrachte der Mann aus Rosario mehr als die Hälfte seines Lebens in Barcelona und bekam 2005 sogar die spanische Staatsbürgerschaft. In Argentinien wollten sie ihn damals nicht mehr. Die Hormontherapie, die Messi gegen seine Wachstumsstörung brauchte, war für die Clubs dort zu ­teuer. Barcelona nahm ihn und seine Familie auf, bezahlte die Therapie und gab den Messis ein neues Zuhause. Argentinien schien seinen Kleinen vergessen zu haben. Als sich das Wunderkind aber zum Wunderteenager entwickelte, erinnerte sich der Verband. Nur wage allerdings, so scheint es. Stand auf dem ersten Brief, den die Verantwortlichen Messi nach Spanien schickten, doch «Leonel Mecci» auf dem Umschlag. Die grosse Fussballnation wollte den Ausnahmekönner zurück, und Messi entschied, für sein Heimatland zu spielen.

Irdischer Fussball für Argentinien

Das Problem von Messi – das Messi-Phänomen – ist, dass er bei Barcelona aussergewöhnlich gut spielt. Er spielt bei den Katalanen besser, als je ein Spieler vor ihm irgendwo gespielt hat. Auch sein Landsmann Diego Maradona. Bei Argentinien spielt Messi guten Fussball, doch es ist eben nur guter Fussball. Die heissblütigen Argentinier aber verlangen den unglaublichen Messi, den sie aus dem Fernsehen kennen und der Barcelona schon zu vier Cham­pions-League-Titeln und acht Meisterpokalen gekickt hat.

Warum gibt es für Argentinien keine Pokale? Die Sehnsucht nach einem dritten Titel ist gross im Andenstaat. Schon seit 31 Jahren wird gewartet, doch schon lange waren die Chancen nicht mehr so gut wie jetzt. Schon lange gab es nicht mehr so viel Qualität im Spiel von Argentinien. Fast eine halbe Milliarde sind die Spieler in Hellblau-Weiss wert. Mit Messi, Gonzalo Higuaín, Sergio Aguëro, Ángel Di María und Paulo Dybala besitzt Argentinien im Augenblick den wahrscheinlich stärksten Angriff der Welt. Viermal hat es das Team in den vergangenen Jahren bis in den ­Final eines grossen internationalen Wettbewerbs geschafft. Jedes Mal gab es nur Platz zwei. Die argentinische Nation schaut auf die Uhr. Sie sieht, wie die Zeit verstreicht und mit ihr die Epoche Messi. Wenn es mit diesem Kader keinen Titel gibt, wann dann?

«Es complicado.» Argentinien braucht Messi, und Messi braucht Argentinien. Um in den Olymp aufzusteigen, fehlt ihm noch ein grosser Triumph mit seinen Landsleuten. Es wäre eine Erlösung und das gute Ende einer Geschichte, die einer südamerikanischen Telenovela gleicht – voller Herzschmerz und Tränen. Ob sich die Geschichte noch zum Guten wendet, wird sich 2018 an der WM in Russland entscheiden.