Mehrkämpferin Antonia Gmünder aus Waldkirch: «In der Schule war ich immer schneller als die Buben»

Die erst 17-jährige Leichtathletin Antonia Gmünder war schon oft verletzt. Nun startet sie an der Schweizer Nachwuchs-Meisterschaft in Magglingen.

Raya Badraun
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Antonia Gmünder: «Leichtathletik erfüllt mich voll und ganz.»

Antonia Gmünder: «Leichtathletik erfüllt mich voll und ganz.»

Bild: Michel Canonica

So hat sich Antonia Gmünder die Hauptprobe nicht vorgestellt. Über 60 m Hürden wollte sie an der Schweizer Hallen-Meisterschaft in St. Gallen einen oder sogar zwei gute Läufe zeigen. Doch es kam anders. Nach der zweiten Hürde machte sie einen Fehltritt, kam dabei aus dem Rhythmus. «Ich musste aufpassen, dass ich nicht stürze», sagt die 17-jährige Gmünder. «Das ist eine grosse Enttäuschung.»

Für sie sind die nationalen Hallen-Titelkämpfe mehr als ein Meeting, es ist der «coolste Wettkampf des Jahres», auch weil sie regelmässig in St. Gallen stattfinden, vor dem eigenen Publikum. Dennoch. Nach dem Rennen warf sie im Frust keine Hürde um. Sie unterschrieb stattdessen auf die grünen Shirts zweier Mädchen, die beim Anlass mithalfen. Und sie war ganz ruhig, besonnen beim Gespräch danach. Aufstehen, weiter machen. Diese Haltung hat viel mit ihrer Geschichte zu tun.

Antonia Gmünder unterschreibt an der Schweizer Hallen-Meisterschaft in St. Gallen auf den Shirts der Helferinnen.

Antonia Gmünder unterschreibt an der Schweizer Hallen-Meisterschaft in St. Gallen auf den Shirts der Helferinnen.

Michel Canonica

Fast jedes Jahr die Sommersaison verpasst

Mit elf Jahren hat Gmünder, die mit drei jüngeren Geschwistern aufgewachsen ist, mit Leichtathletik begonnen. Dieser Schritt kam relativ spät. Denn schon früh zeigte sich, dass ihr diese Sportart liegt. «In der Schule war ich immer schneller als die Buben», sagt Gmünder und lacht. Auch beim «Schnellsten Waldkircher» gewann sie jeweils. Die Eltern ermutigten sie. Dennoch traute sie sich nicht, in die LAG Gossau zu wechseln. Sie hatte Angst, dass sie im Vergleich zu den Athletinnen aus der Stadt keine Chance hätte. Als eine Freundin schliesslich den Schritt wagte, ging Gmünder mit. Heute sagt sie:

«Ich bin für diese Sportart gemacht. Leichtathletik erfüllt mich voll und ganz.»

Ohne diese grosse Freude wäre sie heute wohl nicht mehr im Training und an Wettkämpfen dabei. Denn ihr Weg war nicht immer leicht. Als Gmünder anfing mit der Leichtathletik, zog sie sich eine Leistenzerrung zu. Danach folgte fast jedes Jahr kurz vor der Sommersaison oder währenddessen eine Verletzung. Beide Achillessehnen waren entzündet, Bänder angerissen, Probleme mit dem Hallux tauchten auf. Und im vergangenen Sommer hatte sie aufgrund des starken Wachstums Knieprobleme. «In einem Jahr wuchs ich zehn Zentimeter», sagt Gmünder, die heute in der Sportschule Appenzellerland trainiert und für den LC Brühl startet. Bereits im März tauchten die Schmerzen auf. Nach den Sommerferien wurden sie jedoch zu viel. Deshalb verzichtete sie am Ende auf die Schweizer Meisterschaften. Statt an Wettkämpfen zu starten, setzte sie auf Krafttraining – und Massagen, um die Verspannungen zu lösen. Gmünder sagt:

«Ich arbeite daran, einen stabileren Rumpf, eine stabilere Hüfte zu bekommen, damit solche Probleme nicht mehr auftauchen.»

Heute trainiert sie wieder schmerzfrei. Ans Aufhören dachte Gmünder nie. Das war kein Thema für sie. «Ich habe gelernt, mit solchen Verletzungen und Rückschlägen umzugehen, als es noch nicht um Leistungen ging», sagt sie. «Das hat mir später geholfen.» War sie im Sommer jeweils verletzt, zog sie sich nicht zurück. Sie reiste dennoch an Meetings, feuerte die Kollegen an. «Ich habe es als Motivation genutzt. Ich freute mich, dass ich bald auch wieder rennen durfte», sagt sie, die immer positiv blieb.

In drei von fünf Disziplinen Bestleistung

Geholfen hat ihr auch, dass sie sich nach den Verletzungen nicht von null auf zurück kämpfen musste. Trotz Pause konnte sie wieder mitlaufen, um Medaillen kämpfen. So war es auch nach dem vergangen Sommer. Obwohl sie erst im November wieder spezifisches Leichtathletiktraining machte, holte sie diesen Winter in der Halle eine Medaille. An der Schweizer Mehrkampf-Meisterschaft gewann sie bei den U20 Bronze. In drei von fünf Disziplinen stellte sie dabei eine persönliche Bestleistung auf. Auch an den Nachwuchs-Titelkämpfen an diesem Wochenende in Magglingen möchte sie mithalten können, wenn sie über die Hürden, im Hoch- und Weitsprung antritt.

Vor einem Jahr wurde sie Dritte über 60 m Hürden, damals noch in der U18-Kategorie. «Ich hoffe auf einen guten Saisonabschluss», sagt sie. Ihr grosses Ziel ist jedoch ein anderes: Gesund bleiben. «Ich hoffe, dass ich nun alle Verletzungen hinter mir habe», sagt Gmünder, die im Sommer ihre kaufmännische Ausbildung mit Berufsmatura abschliessen wird. Sie lächelt. Dann verlässt sie den Wettkampfplatz. Schon bald kehrt sie zurück.