Ankunft im Wellental

Karim Haggui hat 172 Bundesligaspiele und die WM 2006 in Deutschland absolviert. Nun soll der 32jährige Innenverteidiger helfen, den FC St. Gallen in ruhigere Zeiten zu führen.

Patricia Loher
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«Das Niveau des Schweizer Fussballs ist gut»: Karim Haggui. Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 11. September 2016) (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

«Das Niveau des Schweizer Fussballs ist gut»: Karim Haggui. Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 11. September 2016) (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Karim Haggui ist in ein unruhiges Umfeld geraten. Die Wellen rund um den FC St. Gallen gehen hoch, seit er am Sonntag im siebten Spiel die fünfte Niederlage bezogen hat. Beim 0:2 gegen Lugano stand Innenverteidiger Haggui erst zum zweiten Mal für seinen neuen Arbeitgeber auf dem Feld, doch sogleich geriet auch er ins Zentrum hitzig geführter Diskussionen. Die Anhänger verstanden nicht, weshalb sich Trainer Joe Zinnbauer nach der guten Leistung von Alain Wiss und Roy Gelmi gegen Luzern für eine Änderung der zentralen Abwehr entschieden hatte, dass er Haggui und Martin Angha wieder in die Mannschaft beorderte, zumal Haggui nach einem dreifachen Jochbeinbruch hatte operiert werden müssen. St. Gallens neuer Spieler sagt, er verspüre keine Schmerzen mehr, «körperlich habe ich mich gegen Lugano gut gefühlt».

«An der spielerischen Qualität liegt es nicht»

Natürlich bekommen die Spieler die Unzufriedenheit der Anhänger mit. Nur, Haggui plädiert dafür, den Blick nach vorne zu richten – auch weil sich St. Gallen im Umbruch befinde. Er selber ist einer von neun neuen Spielern, acht Akteure haben den Club verlassen. Haggui sagt: «An der spielerischen Qualität liegt es nicht, dass wir uns schwer tun.» Aber die fehlende Konstanz ist seit langem ein St. Galler Makel, im vergangenen halben Jahr gelang es dem Team nie, eine gute Leistung sogleich zu bestätigen. Haggui spricht von einer Charaktersache. Manchmal sei man wohl zu genügsam. «Wir dürfen aber nie zufrieden sein.»

Das schmerzhafte Ende von Hagguis Début nach bloss 20 Minuten war damals, vor vier Wochen in Vaduz, sinnbildlich für St. Gallens schwierige Lage. Denn der langjährige Bundesligaspieler und 82fache tunesische Internationale hätte sofort helfen sollen, die Abwehr zu stabilisieren. Er war auch als Leaderfigur geholt worden, als einer, der dazu beiträgt, das Mannschaftsgefüge wieder ins Lot zu bringen.

Haggui hat für Leverkusen, Hannover und Stuttgart 172 Bundesligaspiele bestritten. Mit der tunesischen Nationalmannschaft gewann er einmal den Africa Cup, an der WM in Deutschland bestritt der Innenverteidiger alle drei Vorrundenspiele über 90 Minuten. Zuletzt, beim 2.-Bundesliga-Club Fortuna Düsseldorf, spielte Haggui, immerhin ehemaliger Captain, keine Rolle mehr. Es hiess, Haggui sei ein zu grosser Kostenfaktor. In Online-Medien wurde berichtet, der tunesische Internationale habe in Düsseldorf 400 000 Euro pro Saison verdient, in St. Gallen dürfte es ein Bruchteil davon sein. «Ich wollte in Europa bleiben und meiner Familie ein gutes Umfeld bieten. Es geht mir nicht mehr nur ums Geld», sagt der tunesisch-deutsche Doppelbürger, der noch im Hotel wohnt, aber bald mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn in eine Wohnung zieht.

Enkes Tod und Hagguis Freundschaft mit Barnetta

Für Haggui war St. Gallen kein weisser Fleck auf der Landkarte. Mit Leverkusen absolvierte er in Abtwil zweimal ein Trainingslager, kurz nach der Eröffnung des Stadions 2008 bestritt er mit dem Bundesligateam ein Testspiel gegen die St. Galler. Seit seiner Zeit in Leverkusen ist auch Tranquillo Barnetta ein Freund geworden, die beiden stehen regelmässig in Kontakt. «Natürlich täte uns einer wie Barnetta gut», sagt Haggui. «Er könnte ebenfalls ein Leader sein.» Als Haggui den St. Galler kennenlernte, war Barnetta erst 22jährig und Leverkusen in der Bundesliga ein grosser Club. Haggui sagt, es habe ihn beeindruckt, wie gut sich Barnetta damals einfügte, wie stark sein Charakter schon war. Barnetta sei einer, der immer Verantwortung übernehme. «Und jetzt wäre er noch ein bisschen reifer.»

Haggui hat Tunesien mit 20 Jahren in Richtung Strassburg verlassen, wo er den französischen Ligacup gewann. Nach der WM 2006 blieb er in Deutschland, mit der Bundesliga verbindet der Verteidiger sowohl seine bis anhin besten als auch die schlechtesten Zeiten. In Hannover war er Teamkollege von Goalie Robert Enke, als sich dieser 2009 das Leben nahm. Als Innenverteidiger war Haggui auf dem Platz Enkes erste Ansprechperson gewesen. Nach dem Suizid – Enke litt an Depressionen – seien er, die Teamkollegen, der Club und die Region in ein Loch gefallen. «Wir trugen alle einen schweren Rucksack, von dem wir uns kaum befreien konnten», sagt Haggui. Hannover schaffte erst in der letzten Runde den Ligaerhalt.