«Angst machte mir die Ungewissheit, ob ich je wieder Profieishockey spielen könnte»: Dominik Egli hat es von der Intensivstation ins Nationalteam geschafft

Der 21-jährige Thurgauer Dominik Egli erlitt viele Rückschläge. Heute spielt der punktbeste NLA-Verteidiger mit der Schweiz gegen Norwegen.

Tim Frei
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Topskorer von Rapperswil-Jona: Dominik Egli ist siebtbester Skorer der Liga.

Topskorer von Rapperswil-Jona: Dominik Egli ist siebtbester Skorer der Liga.

Samuel Golay, Keystone

Da hat einer seine zweite Chance gepackt: Eishockeyspieler Dominik Egli zeigte bei Rapperswil-Jona eine bemerkenswerte erste Saisonhälfte. Mit 27 Punkten in 27 Partien ist der erst 21-Jährige bester Skorer der St.Galler, punktbester und einziger Schweizer NLA-Verteidiger, der den Topskorer-Helm trägt. Ligaweit ist Egli gar die Nummer sieben und der zweitbeste Schweizer. Damit bewegt sich der Thurgauer auf den Spuren von Mathias Seger, einem anderen Ostschweizer. Seger war 2010 der letzte Verteidiger, der die Qualifikation unter den zehn besten Skorern beendet hatte.

Egli hat mit seinen Leistungen auch Nationaltrainer Patrick Fischer überzeugt. Im November debütierte er am Deutschland-Cup. Fischer gab ihm viel Eiszeit, Egli quittierte das Vertrauen mit Leistung. Er hinterliess offensichtlich einen nachhaltigen Eindruck, denn auch für die zwei Schweizer Spiele in dieser Woche in Visp wurde er nominiert. Dieses Aufgebot ist höher einzustufen: Im November gab Fischer jungen Spielern eine Chance, jetzt setzt er auf das bestmögliche Kader – mit Ausnahme der NHL-Spieler und jenen, die in der Champions Hockey League im Einsatz standen.

Dominik Egli (weiss) zeigte im November ein starkes Début in der Nationalmannschaft.

Dominik Egli (weiss) zeigte im November ein starkes Début in der Nationalmannschaft.

Andy Mueller, Frreshfocus

Nervenerkrankung löste Lähmungen aus

Eglis Weg in die Nationalmannschaft schien vorgezeichnet. Als Junior ging es für den Frauenfelder stetig nach oben; er spielte auf fast allen Altersstufen für das Nationalteam. Via Frauenfeld und die Pikes Oberthurgau schaffte er es nach Kloten, wo er als 18-Jähriger in der NLA debütierte. Doch dann bremste ihn ein erster Rückschlag aus.

Das Unheil begann im April 2017. Egli war zurück aus den Ferien, als Tests für alle Klotener anstanden, zum Beispiel Sprünge. Egli hatte danach schwere Beine. Er erinnert sich daran, dass ein Teamkollege scherzte: «Du hast sicher Muskelkater, weil du zwei Wochen nichts gemacht hast.» Doch am Bahnhof merkte Egli, dass mehr dahintersteckt. Er fiel die Treppe zur Unterführung hinunter:

«Ich verlor das Gefühl im Fuss und in den Beinen.»

Danach wurde er in der Notfallstation untersucht. Erst nach zwei Tagen herrschte Gewissheit; Egli hatte sich einen Infekt eingefangen, der das ­Guillain-Barré-Syndrom verursachte. Es greift die Nervenbahnen an, löst Lähmungen und Muskelschwäche aus.

Rückfall erlitten

Egli konnte seinen Fuss nicht mehr nach oben kippen. Manche Patienten sterben sogar an der Erkrankung. «Angst machte mir die Ungewissheit, ob ich je wieder Profieishockey spielen könnte.» Die Ärzte gaben jedoch schnell Entwarnung. Der Infekt hatte sich nur bis zum Knie ausgebreitet.

Die Behandlung begann sofort, Egli erhielt täglich mehrere Stunden Infusionen. Bald ging es für ihn zum Muskelaufbau in die Reha. Eine schwierige Zeit, musste er doch vieles wieder neu lernen, etwa das Laufen. Er machte aber schnell Fortschritte – bis er erstmals wieder Sprünge wagen durfte. Danach spürte er wieder dieses dumpfe Gefühl in den Beinen und Füssen. «Ich konnte nicht mehr richtig aufstehen», sagt er.

Nie ans Aufgeben gedacht

Es begann wieder von vorne. Die Ärzte wussten nicht, ob sich der Infekt den Körper hoch ausgebreitet hatte. Deshalb wurde Egli zur Sicherheit in die Intensivstation eingewiesen. Die Befürchtung bewahrheitete sich nicht. Trotzdem ging es für ihn erneut ins Spital zur Behandlung und schliesslich nochmals in die Reha.

Im August 2017 begann Egli mit dem Eistraining bei Winterthur, dem damaligen Partnerteam von Kloten. Nach ein paar Einsätzen für das NLB-Team und Klotens Elite-Junioren lief er Ende November wieder für die erste Mannschaft auf. Zum Jahresende war er an der U20-WM dabei – ein grosser Erfolg. Genauso stark ist sein Wille zu werten. «Gedanken übers Aufgeben machte ich mir nie», sagt Egli. Seine Familie besuchte ihn oft und machte ihm Mut. «Das werde ich ihr nie vergessen.»

Gegen heutigen Arbeitgeber abgestiegen

Im April 2018 erlitt Egli den nächsten Rückschlag. Im letzten Spiel der Ligaqualifikation gegen seinen heutigen Arbeitgeber Rapperswil-Jona hatte er den Verbleib in der NLA auf dem Stock. Statt ins Tor prallte sein Ablenker aber an den Pfosten. Wenig später stieg Kloten ab und die St.Galler auf. Egli stört es nicht, dass er oft auf diese Szene angesprochen wird. «Aber damals hätte ich am liebsten alles zertrümmert.» Das Negativerlebnis schmerzt ihn noch immer.

«Absteigen ist immer hart. Doch jetzt habe ich eine Chance in Rapperswil erhalten, ich bin sehr glücklich hier.»

Heute trumpft Egli auf dem Eis auf, als hätte es diese Rückschläge nie gegeben. Mit seinen 1,73 Metern gehört er zu den kleineren Spielern, darum setzt er auf seine Stärken: Schlittschuhlaufen, Spielübersicht und seinen Schuss – «der ist meine grosse Waffe». Zufrieden ist er noch lange nicht, hat er doch ein hohes Ziel: «Ich will irgendwann den besten Schuss der Liga haben.» Dafür leistet er nach jedem Training Extraschichten.

Lehren aus Jahr in Biel gezogen

Die harte Arbeit kommt nicht von ungefähr. Sie ist seine Lehre aus der vergangenen Saison bei Biel. Schon damals wurde ihm der Durchbruch zugetraut. Da er vor der Saison die KV-Lehre abschlossen hatte, konnte er sich voll aufs Eishockey konzentrieren. Weshalb Egli die Chance dennoch erst in Rapperswil gepackt hat, weiss er nicht. «Beide Trainer gaben mir das Vertrauen.»

In Biel wirkte sich der stärkere Konkurrenzkampf aus. Er fiel aus der Aufstellung, als das Team an der Spitze spielte. «Umso schwieriger war es, mich zurückzukämpfen.» Trotzdem hat ihn das Jahr weitergebracht. «Ich habe mich in der Persönlichkeit weiterentwickelt.» Er habe gemerkt, dass es nicht immer aufwärts gehen könne. Und: «Dass ich in der Eishalle und im Kraftraum immer alles geben muss.»

Egli weiss, dass auch er wieder schwächere Phasen erleben wird. «Ich hoffe, dass mir dann die Erfahrung aus Biel hilft, um aus dem Tief zu finden.»