Analyse

Analyse zum Zögern der Fussball-Verbände in der Corona-Krise: Der Fussball braucht einen Befehlsgeber

Das Corona-Virus dominiert den Sport – doch der weitsichtige, vernünftige Blick fehlt. Vor allem im Fussball.

Christian Brägger
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Kein Fussball auf Schweizer Plätzen bis zum 30. April. Ziel: Die Super League und Challenge League doch noch beenden. Der europäische Fussballverband Uefa setzt den Europacup aus. Ziel: Die Champions League retten, den Goldesel schlechthin. Die Premier League hat erst nach Erkrankungen von Spielern sowie eines Trainers ein Einsehen und pausiert. Ziel: Den Geldtropf nicht versiegen lassen. Und die Bundesliga? Na ja. Als letzte der Big-5-Ligen folgen gestern Nachmittag Einsicht und Absagen. Zuvor: unendliches Trötzeln. Ziel: Geld, Geld, Geld.

Nun also ist eingetreten, was man längst erwartet und gefordert hat. Der Fussball pausiert, endlich. Seit Tagen, ja Wochen, geht es darum, die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Das Vermeiden von sozialen Kontakten soll dazu beitragen, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert. Wenn nur noch die Gesellschaft zählt, die Menschen und ihre Gesundheit, dann darf der Fussball niemals ein Gegentreiber sein. Alles andere wäre grobfahrlässig, ganz egal, wie hoch der wirtschaftliche Druck ist. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass sich viele Fussballverbände ihrer Verantwortung nicht bewusst sind.

Christian Brägger, Redaktor Sport

Christian Brägger, Redaktor Sport

Bild: Hanspeter Schiess

Das Corona-Virus dominiert den Sport – doch der weitsichtige, vernünftige Blick fehlt. Vor allem im Fussball. Man beginnt, sich zu wundern, wo denn die klare Linie bleibt, die man doch so gerne in PR-Phrasen propagiert. Der Fussball setzt in seinem Kosmos auf Schadensbegrenzung und hat die Besitzstandswahrung als höchstes Gebot. Es gilt, die vielen verschiedenen Stakeholder zu befrieden und zu befriedigen. Deshalb: abwarten, Tee trinken, aussitzen. Bis es nicht mehr geht.


Die Fakten zum Stillstand im Fussball

Schweiz: Die Super League und die Challenge League werden bis mindestens 30. April ausgesetzt.
Europa: Die Champions- und Europa-League-Spiele von nächster Woche sind verschoben worden. Die Uefa entscheidet am Dienstag über weitere Massnahmen betreffend Europacup und auch Europameisterschaft.
Deutschland: Die Bundesliga wird vorerst unterbrochen. Zuvor hatte die Deutsche Fussball Liga noch angekündigt, den Spieltag an diesem Wochenende durchführen zu wollen. England: Nach mehreren Corona-Fällen von Spielern und Trainern setzt auch die englische Premier League als eine der letzten Ligen Europas die Saison bis mindestens 3. April aus.
Italien: Bis zum 3. April sind die Partien in der Serie A abgesagt.
Spanien: In der Primera Division ruht der Ball für mindestens zwei Wochen.
Frankreich: Die Ligue 1 hat den Spielbetrieb bis auf weiteres auf Eis gelegt. Nach der Sitzung der Uefa wollen sich die Liga-Bosse wieder beraten. (frh)

Noch am vergangenen Sonntag bestritt Juventus gegen Inter Mailand vor leeren Rängen ein Trauerspiel. Am Montag spielte dann der VfB Stuttgart vor 50000 euphorischen Zuschauern. Am Dienstag konnte Leipzig noch mit Tausenden den Einzug in die Viertelfinals der Königsklasse feiern. Selbst Frankfurt wollte fürs Spiel gegen Basel bis am Mittwoch noch auf die Unterstützung der Fans pochen. Und das ist nur die internationale Seite. Auch innerhalb der Länder ist die Handhabe der Regierungsauflagen je nach Region komplett unterschiedlich.

Es ist nichts Neues, dass sich grosse Verbände aus der Verantwortung stehlen bei ihrer Entscheidungsfindung. Stichwort: Rassismus im Fussball. Oder, wie gewisse Dinge einfach grosszügig übersehen werden. Stichwort: Menschenrechte am WM-Ort Katar. Mehr noch, und das ist das Irritierende: Sie bleiben beharrlich auf ihrem Weg. Dies hat soeben insbesondere die Uefa als reichster Kontinentalverband wieder einmal offenbart. Aber auch Ligen wie die Bundesliga oder die Premier League zögerten in der Corona-Krise lange. Zu lange. Scheinbar sorglos gingen sie ihren Irrweg weiter. Einzig die Swiss Football League sagte früh Spiele ab, doch als Verbandspräsident Dominique Blanc Anfang März an einem Uefa-Meeting für die Schweizer Liga wegen der finanziellen Folgen um Hilfe bat, wurde er mit einer Arbeitsgruppe vertröstet.

Und so bringt der Blick auf die vergangenen Wochen ein Übel zu Tage und damit das, was vor allem dem bezahlten Fussball fehlt: Eine Instanz, die auf europäischer, wenn nicht weltweiter Ebene sagt, was Sache ist, und was zu tun ist. Cash Cows hin oder her. Gerade in einem Konstrukt wie der EU müsste es der Politik in Europa möglich sein, als Befehlsgeber einheitlich und über allem zu handeln, dies selbstredend auch im Sport. Und zwar nicht in einer Halbpatzigkeit, sondern in einem höchsten Mass an gesellschaftlicher Verantwortung.

Wie kann es sein, dass die Uefa noch immer nicht weiss, ob sie die EM im Juni durchführt? Ist es einfach nur taktisches Kalkül oder eben doch pure Fahrlässigkeit, dass sie auf eine schriftliche Anfrage antwortet, man plane weiterhin mit der normalen Durchführung des Turniers? Wie kann Gianni Infantino als Fifa-Patron noch darauf beharren, einer hoffentlich bald verschobenen paneuropäischen EM den Platz der unnötigen Klub-WM im kommenden Sommer nicht abzutreten? Weil es immer um die Partikularinteressen geht und damit um das grosse Geld; deshalb hat Infantino diese unsägliche Klub-WM ja auch erst ins Leben gerufen.

In der Saison 2018/19 – im Jahr vor der anstehenden Euro 2020 – nahm die Uefa fast vier Milliarden Euro ein. Vier Milliarden! Champions League und Nations League sei Dank. Premier League, Bundesliga, Champions League, EM, WM – all diese Monster sind unter dem Fokus der Gewinnmaximierung mutiert. Die Folgen sind unvorstellbare Ablösesummen und TV-Verträge, die alle und alles knebeln. Dabei müssten nicht die Kommerzialisierung, sondern der Sport und die Freude daran der Treiber sein. Also wäre es spätestens jetzt angezeigt, den Gigantismus und die Exzesse zu stoppen. Und wieder Demut walten zu lassen. Doch Demut ist in Zeiten von Corona vielleicht ein Gedanke der Politik und der Gesellschaft. Aber nicht die Masseinheit, in welcher der Fussball handelt. Der Topf muss weiter gefüllt werden, koste es, was es wolle.

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