Analyse
Vor den Schweizer WM-Qualispielen: Yakin ist mit der Nati zum Siegen verdammt

Aller guten Dinge sind eben nicht drei. Nach zwei torlosen Auftritten in der WM-Qualifikation gegen Italien und Nordirland wäre ein nächstes Unentschieden für die Schweizer Nationalmannschaft im «Rückspiel» gegen die Briten kein gutes Resultat.

Christian Brägger
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Siege müssen für Natitraine Murat Yakin her.

Siege müssen für Natitraine Murat Yakin her.

Bild: Salvatore Di Nolfi/EPA

Und die Leistung beim 0:0 gegen den Europameister könnte in der Erinnerung bald einmal ein positiver Ausrutscher sein. Wenn die Schweiz in Genf heute zum dritten Pflichtspiel unter Murat Yakin antritt, zählen nicht mehr die weichen Faktoren, wie es um Befinden und Stolz des neuen Trainers bestellt ist. Sondern die harten Fakten, es geht um das grosse Bild, und damit: nur um die drei Punkte.

Am Freitag vor dem Spiel interessiert denn auch einzig, wie die Schweizer unter Yakin gedenken, zum Erfolg zu kommen gegen diese Nordiren, gegen die sie sich jüngst im September und im Playoff zur WM 2018 doch so schwertaten. Dabei treten sie gegen die eigene Torlosigkeit in Pflichtspielen an, die bereits 268 Minuten dauert. Also sagt ein konzentrierter Yakin: «Wir müssen Druck machen, ­präsent sein in der Box. Wir müssen voller Selbstvertrauen und Überzeugung spielen.»

Seit zwei Monaten ist Yakin im Amt. Es war ein Kaltstart für ihn nach dem eher unerwarteten Abgang seines Vorgängers Vladimir Petkovic. Ein Kaltstart, der unter keinen guten Vorzeichen und unter erschwerten Bedingungen erfolgte wegen der gewichtigen Absenzen von Captain Xhaka, Shaqiri, Embolo oder Gavranovic. Und dann erkämpfte die Schweiz ein 0:0 gegen Italien, das so positiv bewertet wurde. Doch es gab danach halt auch das 0:0 gegen Nordirland, nach welchem Yakin sagte: «Wir haben Fussball gespielt, ich bin zufrieden.»

In Genf wird Yakin mit den Worten aus Belfast wieder in Verbindung gebracht. Weil Fussball spielen für eine Mannschaft, die nach dem Verpassen der EM 2012 seit 2014 ununterbrochen an Grossanlässen mindestens im Achtelfinal stand, nicht genug ist. Die Haltung ist nur schon wegen früherer Ereignisse vorgegeben: Die Schweiz muss erfolgreich sein. Yakin indes wirkt defensiver: «Wir wollen mindestens den zweiten Platz erreichen. Jenes 0:0 erlaubte es uns weiter, auf den ersten Gruppenplatz zu schielen.»

Yakin genoss den ersten Zusammenzug mit dem Team und in Nordirland beim 0:0 eine Art Debütbonus, aber dieser ist langsam aufgebraucht, weil es unter Petkovic das Selbstverständnis und die entsprechenden Resultate gab, Gegner wie Litauen oder Nordirland zu besiegen. Dieses Selbstverständnis muss auch Yakin eigen sein, auch wenn er sagt: «Spiele gegen Nordirland sind nicht einfach, das haben wir gemerkt.»

Die Euphorie der EM mit dem Einzug in den Viertelfinal ist nicht verflogen, dafür stieg die Erwartungshaltung. Da tut der Wechsel auf dem Trainerstuhl keinen Abbruch, vielmehr ist es das Los von Erfolgsverwöhnten. Gleich sieht das Shaqiri: «Wir sind ein Topteam, ein Topteam muss solche Spiele gewinnen.»

Aber eben, die Umstände und Bedingungen bleiben weiterhin schwierig, unter denen Yakin mit der Schweiz liefern muss. Xhaka fällt gar länger aus, und weil Seferovic für die anstehenden WM-Qualifikationspartien gegen Nordirland (Weltnummer 47) und Litauen (137) ebenfalls verletzt fehlt, müssen Lösungen her. Die Schweiz hat gegen Italien und im EM-Viertelfinal bewiesen, dass sie ohne Xhaka zu Grossem fähig ist und sich temporär von ihrem Leader emanzipieren kann. Zudem hilft, dass Zakaria wieder der Alte und Embolo stark zurückgekommen ist. Und dass Shaqiri «in einer Topverfassung» ist, wie Yakin sagt.

Resultatmässig wäre ein neuerliches Unentschieden auf dem Parcours zur WM kein Beinbruch, weil die Schweiz für den Gruppensieg und direkten Weg an die Endrunde ohnehin siegen muss im November in Rom. Diese Auflage handelte sie sich in Belfast ein, nachdem man vor jenem Auftritt punktemässig besser unterwegs gewesen war als die «Squadra Azzurra». Und doch wären jetzt verlorene Punkte kein gutes Signal in die Mannschaft, an den öffentlichen Goodwill.

Unweigerlich würde man, wie früher im Klubfussball, Yakins Gespür hinterfragen für Rezepte in der Offensive. Und seine Kadernominierungen, bei denen er sich bis anhin relativ stilsicher verhielt und überraschen konnte. Einzig dass er Michael Frey und damit den formstärksten Schweizer Stürmer nicht aufgeboten hat, wirft ein kleines Schlaglicht auf den Coach. Es braucht etwas Fantasie, Frey mit seinen zwölf Ligatoren in Belgien nicht zu nominieren. Als Grund nannte Yakin, Itten und Ajeti bräuchten keine Eingewöhnungszeit und wären bereits integriert.

Zu guter Letzt sollten sich die Schweizer diesen Gedanken vor Augen halten: Die Italiener haben ein veritables Qualifikationstrauma – damals in der Barrage für die WM 2018 in Russland brachten sie es nicht fertig, trotz zahlreicher Chancen die Schweden zu besiegen. Es wäre allein schon deswegen dienlich, mit Siegen den Druck auf Italien hoch zu halten.

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