AMERICA’S CUP: «Schneller ist nicht spannender»

Seit wenigen Tagen läuft auf Bermuda die Vorausscheidung zum 35. America’s Cup. Christian Scherrer spricht über die Veränderungen, die es seit Alinghis Titelverteidigung vor zehn Jahren gegeben hat und über die Chancen einer Rückkehr Alinghis.

Philipp Wolf
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Der Bootstyp von 2007 (oben) im Vergleich mit dem heutigen. (Bilder: Herbert Knosowski, Kirsty Wigglesworth/AP)

Der Bootstyp von 2007 (oben) im Vergleich mit dem heutigen. (Bilder: Herbert Knosowski, Kirsty Wigglesworth/AP)

Interview: Philipp Wolf

Christian Scherrer, vor zehn Jahren gewann das Team Alinghi letztmals den America’s Cup. Sie waren damals als Co-Kommentator vor Ort. Wie nahe sind Sie heute noch am Cup und an Alinghi dran?

Sehr nahe. Viele ehemalige Teamkollegen und persönliche Freunde segeln im Team Alinghi. Gleichzeitig habe ich als Manager der GC32-Bootsklasse mit Alinghi zu tun. Der America’s Cup andererseits hat rund 14 Jahre meines Berufslebens geprägt und bleibende Eindrücke hinterlassen. Als Kommentator beim Sieg Alinghis dabei gewesen zu sein, war ein schönes Erlebnis. Der stärkste Eindruck aber ist unumstritten der Sieg des America’s Cup 2003, als ich Mitglied des Teams Alinghi war.

Warum nimmt Alinghi nicht an den Vorausscheidungen zum diesjährigen America’s Cup teil?

Der Rückzug vom Cup fand bereits nach 2010 statt. Man war nicht mehr zufrieden mit der Art und Weise der Austragung. Anderseits kann man es auch so sehen, dass Alinghi die Herausforderung America’s Cup gemeistert hat und sich danach neuen Zielen zugewandt hat. Es gibt kaum ein Team, das über lange Zeit beim Cup dabei war. Wechsel gibt es immer wieder.

Spielte der Rechtsstreit, der zwischen dem amerikanischen Team BMW Oracle rund um den America’s Cup 2010 stattfand, eine gewichtige Rolle beim Rückzug des Team Alinghi?

Ja, sicherlich. Der Konflikt von damals drehte sich im Grunde um Auslegungsfragen, beispielsweise, mit welchem Bootstyp gesegelt werden soll. Der Rechtsstreit liess den Sport in den Hintergrund rücken und hat dem Ruf des America’s Cup geschadet. Um diesen wieder aufzubessern, müsste sich die Segelregatta gewisse Regeln geben, welche über die Grundprinzipien des Cups hinausgehen. Das wird jetzt teilweise schon gemacht, doch ziehen noch nicht alle Teams am gleichen Strang.

Die treibende Kraft hinter Alinghi war und ist der Milliardär Ernesto Bertarelli. War der America’s Cup schon immer so exklusiv und von Reichen bestimmt?

Ja, das ist eigentlich seit jeher so. Schon immer war der Cup ein Wettbewerb, in welchem sich reiche Technokraten gemessen haben. Seit seiner Entstehung vor über 160 Jahren steht der Cup auch für eine technologische Herausforderung. Dass Private mit viel Geld die treibende Kraft hinter dem Ganzen sind, gehört zum Ursprung und zur Identität des America’s Cup.

Inwiefern haben sich die beim America’s Cup zum Einsatz kommenden Boote seit dem letzten Sieg des Teams Alinghi technologisch verändert?

Die Boote sind im Vergleich zu 2007 radikal anders, da gab es eine riesige Entwicklung. Der grösste Sprung fand zwischen 2007 und 2013 statt. Seither ist man auf «fliegenden Katamaranen» unterwegs – wo Hydrofoils, hochtechnologisierte Keile, den Bootsrumpf aus dem Wasser heben.

War es schon immer so, dass zwischen den verschiedenen Austragungen solche Entwicklungssprünge gemacht wurden?

Eigentlich ist das eher selten der Fall. Zwischen dem America’s Cup 2003 und 2007 gab es beispielsweise praktisch keine Veränderungen. Oft war es eine sanfte Entwicklung. Nach 2010 jedoch, als das amerikanische Team Alinghi als Titelhalter ablöste, kam die grosse Umstellung auf Mehrrumpfboote. Diese Änderung führte nicht zuletzt zu höheren Kosten und schliesslich zu weniger involvierten Teams.

Ein anderer Punkt, der oft kritisiert wird, ist die zunehmende Technologisierung. Wie sehen Sie diesen Aspekt?

Der Einfluss der Technologie auf den America’s Cup war schon immer gross. Seit es diesen Anlass gibt, ging es auch immer darum, die Boote weiterzuentwickeln. Das ist eines der Grundprinzipien des America’s Cup. Schliesslich hat der Wettbewerb auch grossen Einfluss auf den restlichen Segelsport, die neuen Technologien finden oft den Weg in andere Segelklassen. Dies ist bei den aktuellen Entwicklungen rund um die Hydrofoils, welche die Boote fliegen lassen, nicht anders.

Sie sprechen von «fliegen lassen». Haben die Boote, welche derzeit im Einsatz stehen, überhaupt noch etwas mit Segeln zu tun?

Auf jeden Fall. Beim Segeln wird das Boot durch Wind angetrieben. Da unterscheiden sich die modernsten Boote nicht von den «traditionellen» Booten. Worüber man sich streiten kann ist darüber, wie sich die neuen Boote auf die Spannung auswirken.

Wie meinen Sie das?

Nur weil die aktuellen Boote so viel schneller sind, heisst das nicht, dass die Rennen spannender sind. 2007 sah der Zuschauer trotz vergleichsweise «langsamer» Boote sehr spannende Rennen. Nun muss man schauen, wie spannend Rennen mit «schnellen» Booten sind. Schliesslich hat der America’s Cup irgendwo den Anspruch, die schnellsten Boote zu stellen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass die gegenwärtigen Entwicklungen – hin zu immer mehr Geschwindigkeit – abgebremst werden, zu Gunsten von mehr Spannung?

Ja und nein. Ich denke, man muss die ganzen Prozesse in einem gewissen Masse regulieren. So, dass weiterhin Entwicklungen stattfinden, die damit verbundenen Kosten aber gleichzeitig nicht explodieren. Das ist meiner Meinung nach wichtig. Es muss ein gesundes Mittelmass gefunden werden.

Wäre es möglich, dass sich Alinghi in absehbarer Zeit wieder um den America’s Cup bemüht?

Ja, das wäre sicher möglich. Dazu müssten aber die Amerikaner nicht mehr Titelhalter sein. Denn beim angesprochenen Gerichtsfall haben sich die Amerikaner und Alinghi, respektive Larry Ellison [Anm.: der Förderer des amerikanischen Teams] und Ernesto Bertarelli stark zerstritten.

Die persönliche Fehde zwischen Bertarelli und Ellison steht einer Rückkehr von Alinghi also im Weg?

Ja, das kann man so sagen. Aus Schweizer Sicht müsste man also auf einen andern America’s-Cup-Sieger anstelle der Amerikaner um Ellison hoffen. Dann haben wir eine Chance, dass Alinghi wieder einmal dabei ist.

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