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American Football: Das Sorgenkind könnte den Super Bowl gewinnen

Los Angeles beherbergte während fast zwei Jahrzehnten kein NFL-Team mehr, die Rams waren in St. Louis lange ein Punktelieferant. Doch seit der Klub 2016 nach Los Angeles zog, ist alles anders. Jetzt können die Rams den Super Bowl gewinnen.
Nicola Berger
Auch Drew Brees (Mitte), Quarterback der New Orleans Saints, bekam die Übermacht der Los Angeles Rams zu spüren. (Bild: Jordon Kelly/Getty, New Orleans, 20. Januar 2019)

Auch Drew Brees (Mitte), Quarterback der New Orleans Saints, bekam die Übermacht der Los Angeles Rams zu spüren. (Bild: Jordon Kelly/Getty, New Orleans, 20. Januar 2019)

Die Los Angeles Rams sind jung, wild und mit beneidenswertem Talent gesegnet. Sie tragen ihre Spiele übergangsweise im Memorial Coliseum aus, einem völlig aus der Zeit gefallenen, fast subversiven Stadion. Sie haben den jüngsten Coach der Liga, Sean McVay, 33 erst. Kurz: Sie sind das coolste Team in einer gar nicht mal so coolen Liga, die so viele Probleme kennt: den Rassismus, die Schiedsrichterkrise, die immensen Gesundheitsrisiken, skandalbehaftete Profis, ein überhebliches Management.

Am nächsten Sonntag wird das alles ausgeblendet werden, im Super Bowl, dieser Zelebration des Gigantismus, der grössten eintägigen Sportveranstaltung des Planeten. In Atlanta greifen die Rams gegen die New England Patriots nach dem Titel. Es wäre die Krönung einer ebenso rasanten wie erstaunlichen Entwicklung.

Die Rams spielten von 1946 bis 1994 in Los Angeles, sie taten das mit überschaubarem Erfolg. In der 1967 gestarteten Super-Bowl-Ära gewannen sie: nichts. Das Team wurde nach St. Louis verpflanzt, gewann dort 1999 prompt den Titel, ehe elf Jahre in Folge ohne Playoff-Qualifikation zur Folge hatten, dass die Rams, in der Liga inzwischen fast bemitleidet, erneut zu neuen Ufern aufbrachen: 2016 kehrten sie nach Los Angeles zurück, weil die Steuerzahler in St. Louis verständlicherweise wenig Lust hatten, dem Milliardär Stan Kroenke ein neues Stadion zu bezahlen. Kroenke, dem auch das Premier-League-Team Arsenal London gehört, baut nun Inglewood, eine 4,9 Milliarden Dollar teure Arena, die grösser ist als Disneyland und ab 2020 auch die Los Angeles Chargers beheimaten wird.

Die Sehnsucht in Los Angeles

Zu diesem Premiumstadion passt ein Premiumteam, doch anfänglich sah es so aus, als würden die Rams die Transformation nicht hinkriegen. Bei der Rückkehr nach Los Angeles befanden sie sich in liederlichem Zustand, die Printinstitution «Los Angeles Times» fragte nach der ersten Partie, einem 0:27 gegen die San Francisco 49ers, ob es nicht möglich sei, die Rams nach St. Louis zu retournieren, so wie man das mit unerwünschter Post tut. Und das, nachdem die Stadt mehr als zwei Jahrzehnte kein Team mehr in der wichtigsten Liga des Landes gestellt hatte und die Sehnsucht gross war.

Die Rams blieben standhaft – und erfanden sich neu. Der Coach Jeff Fisher wurde hinauskomplementiert, für ihn kam 2017 McVay, ein unbeschriebenes Blatt, ein Mann ohne Erfahrung als Headcoach. Der Wunderknabe sorgte für ein Frühlingserwachen in der Offensive, führte das Team auf Anhieb ins Playoff und entpuppte sich als Trendsetter: Quer durch die Liga fanden Besitzer nun nach jungen Trainern mit Offensivgeist, denn die NFL erlebte in dieser Saison eine offensive Revolution, es hagelte Touchdowns und Rekorde. McVay gilt dabei als Prototyp des Idealtrainers, und es erhöht die Chancen eines Bewerbers, wenn man eine Verbindung zu ihm nachweisen kann: Bei den Green Bay Packers und den Cincinnati Bengals sind gerade Mitarbeiter McVays zum neuen Cheftrainer ernannt worden.

McVays grosser Test

Das ehrt den Trainer, doch zunächst steht er vor seiner grossen Reifeprüfung: Er muss den schelmischen Altmeister Bill Belichick, doppelt so alt wie er, auscoachen, es ist eine Aufgabe, die bis jetzt kaum jemandem gelungen ist. Die Rams sind der Aussenseiter, sie haben den Final nur dank eines gestohlenen Siegs erreicht, ermöglicht durch einen spektakulären Schiedsrichterfehlentscheid im Duell gegen die New Orleans Saints.

Los Angeles verfügt zwar über das talentiertere und jüngere Team als die Patriots, aber es mangelt dem Kollektiv an Erfahrung. Nur drei Rams-Spieler haben den Super Bowl bereits gewonnen – der Patriots-Quarterback Tom Brady vereinigt alleine fünf Titel. McVay ist der grosse Wurf zuzutrauen, er ist bekannt dafür, gerne auf risikoreiche Taschenspielertricks zurückzugreifen, um seine Schützlinge wachzurütteln; das Selbstvertrauen des Trainers hat sich längst auf die Spieler übertragen. McVays Leitsatz lautet «Us not me», wir statt ich, er lebt das vor; unter ihm hat sich die Kultur teamintern verändert.

Die Rams befinden sich in einer komfortablen Ausgangslage, das Gros des Kaders ist jung und langfristig gebunden. In einer Woche wird die Frage beantwortet werden, ob den Rams nicht nur die Zukunft gehört, sondern auch die Gegenwart.

Quarterback Tom Brady - der nimmersatte Musterprofi

«Ich werde älter, Tom Brady aber leider nicht.» Wade Philipps hat das gesagt, am Freitag, der Defensivkoordinator der Los Angeles Rams, noch immer rüstig, aber doch 71 Jahre alt. Aus Philipps sprach Ehrfurcht und vielleicht etwas Neid, denn er hat ja recht: Brady, der Quarterback der New England Patriots, ist gemäss Geburtsurkunde 41 Jahre alt. Aber gäbe es dafür nicht Belege, man würde es nicht für möglich halten: Er sieht noch immer aus wie ein überehrgeiziger Mittzwanziger. Das Geheimnis seiner beneidenswerten Gesundheit setzt sich aus Disziplin und einer rigiden Diät zusammen: Er pflegt um 20.30 Uhr zu Bett zu gehen, dazu verzichtet er unter anderem auf Zucker, Alkohol und Koffein. Und trainiert, klar, wie ein Irrer. Er hat ein Buch über seinen Lebensentwurf geschrieben, es heisst «Die TB12-Methode: Wie man ein Leben lang anhaltende Höchstleistungen erreicht». Das Werk schaffte es auf Platz 1 der Bestsellerliste der «New York Times».

Brady schwört auf seltsame Dinge, er sagt, er habe in seinem Leben noch nie eine Erdbeere gegessen, doch seine wichtigste Triebfeder ist der Ehrgeiz. Nichts anderes hat ihn zum erfolgreichsten Quarterback der Geschichte werden lassen, seine fünf Super-Bowl-Siege sind unerreicht. Ein ziemlich schlechter Verlierer Dem Patriots-Teambesitzer Robert Kraft sagte er 2000, nachdem er in der sechsten Runde des NFL-Drafts an 199. Stelle ausgewählt wurde: «Ich bin die beste Entscheidung, die diese Organisation je getroffen hat.» Das wirkte grossspurig, entrückt fast schon, doch Brady hielt Wort, er hält etliche Rekorde, am nächsten Sonntag wird er seinen neunten Super Bowl bestreiten. Es gibt eine ganze Reihe an Teams, die das Endspiel in ihrer Klubgeschichte nicht annähernd so oft erreicht haben. Seinen Erfolgshunger hat das nicht gestillt – Genügsamkeit ist ihm fremd, und er ist ein ziemlich schlechter Verlierer.

Es gibt die Geschichte, dass er einst seinen Schläger zertrümmerte, nachdem er gegen seinen Teamkollegen Danny Amendola ein Pingpongduell verlor. Ein anderes Mal soll er ein Backgammon-Brett quer durch den Privatjet geworfen haben, nachdem er nicht gewann. Sein ehemaliger Mitspieler Darrelle Revis sagt: «Er ist besessen davon, zu gewinnen. Es ist wie eine Krankheit.» Brady muss überall der Beste sein, er hat diesen Anspruch, und das kann anstrengend wirken. Der Saubermann Brady polarisiert mit seiner ununterbrochen zur Schau gestellten Perfektion, mit seiner fehlenden Selbstironie, aber es dominiert die Anerkennung für sein Schaffen, sein Vermächtnis. Brady, als Kind in Nordkalifornien einst Messdiener und Zeitungsverträger, hat es mit Fleiss und Hingabe nach ganz oben geschafft.

Das ist erstaunlich genug – denn er begann erst im Alter von 14 Jahren American Football zu spielen. Reichlich spät, zumal in den USA, wo viele Eltern früh ein Vermögen investieren, um aus ihrem Nachwuchs Profisportler heranzuzüchten. In den Nachwuchsteams ist er zunächst überall Ersatz, doch stets setzt er sich durch – weil er abgebrühter ist. Er profitiert von der Zusammenarbeit mit dem Mentaltrainer Greg Harden, der auch den Rekordschwimmer Michael Phelps betreut. Es gibt Spekulationen darüber, dass Brady und sein Mentor, der Trainer Bill Belichick, im Falle eines Sieges die Karriere beenden und wie Cowboys in den Sonnenuntergang reiten würden, doch darauf sollte die Konkurrenz sich nicht verlassen: Brady kündigte einst an, bis 45 weiterspielen zu wollen, vielleicht einfach, um sich auch diesen Rekord zu holen, er wäre dann der älteste Quarterback in der Historie der NFL. Und wenn die Geschichte einen etwas gelernt hat in der letzten Dekade, dann, dass Tom Brady eigentlich immer erreicht, was er sich in den Kopf gesetzt hat. (nbe)

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