Analyse

Als wollte man das Leicester der Schweiz nicht: Analyse zum 3:3 im Spitzenkampf zwischen dem FCSG und den Young Boys

Der FC St.Gallen kam im dritten Saisonduell mit den Young Boys zum ersten Punkt. Die Freude der Hausherren über dieses 3:3  wird sich dennoch in Grenzen halten, wegen einer folgenreichen Entscheidung von Schiri Alain Bieri.

Christian Brägger
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Christian Brägger, Sportredaktor.

Christian Brägger, Sportredaktor.

Bild: Hanspeter Schiess

Und dann steht in der Schlussminute Schiedsrichter Alain Bieri plötzlich im Fokus. Mit ihm der Videoschiedsrichter Sandro Schärer, der irgendwo in Volketswil vor dem Bildschirm sitzt und Bieri anweist, den von Lawrence Ati Zigi gehaltenen Handselfmeter der Young Boys wiederholen zu lassen.

Weil der Goalie der Ostschweizer nicht, wie es das Regelwerk vorschreibt, mit einem Fuss die Torlinie berührt. Die Emotionen kochen über im mit 19'024 Zuschauern ausverkauften Kybunpark. Die St.Galler verstehen die Welt nicht mehr, weil viele verschossene Penaltys so wiederholt werden müssten, sie umzingeln Bieri, und noch immer führen sie 3:2. Im zweiten Versuch trifft Guillaume Hoarau nun natürlich – 3:3.

Das Spiel ist aus und Alain Sutter, der sonst so besonnene Zeitgenosse, eilt an die vorderste Front zu Bieri – bemerkenswerterweise ein Berner –, der später sagt:

«Es stinkt mir auch als Schiedsrichter, diesen Elfmeter wiederholen zu lassen, aber so sind nun mal die Regeln.»

Dabei hat dieser im wahrsten Sinne des Wortes aufregende Spitzenkampf dieses Ende nicht verdient und der FC St.Gallen deutliche Vorteile: Er spielt wie ein Meisterkandidat. Aber es sind die nur körperlich überzeugenden Young Boys, die sich auf ihr starkes Sturmduo Jean-Pierre Nsame/Nicolas Moumi Ngamaleu verlassen können, unmittelbar vor der Pause nach seinem Doppelschlag der Partie eine erste Wende geben und den sich eingehandelten Rückstand in eine 2:1-Führung umwandeln.

Silvan Hefti: Note 5. Der Captain hilft nach der Pause mit, die Baisse zu überwinden. In der zweiten Hälfte mit sichtlich mehr Offensivdrang.
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Lawrence Ati Zigi: Note 4,5. Hat lange wenig zu tun und ist am Schluss für einige Sekunden der Held, als er einen Penalty abwehrt – doch der Elfmeter wird wiederholt, Zigi bleibt ohne Abwehrchance.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Ihm gelingt eine erstaunlich abgeklärte Leistung. Nur vor dem 1:2 geht der 17-Jährige einmal zu wenig resolut zur Sache.
Yannis Letard: Note 5. Muss in der 34. Minute verletzt ausgewechselt werden. Bis dahin der gewohnt sichere Wert.
Miro Muheim: Note 4,5. Wie schon gegen Luzern der Pechvogel. In der Nachspielzeit springt ihm im Strafraum der Ball an die Hand. Es gibt Penalty. Sonst aber eine gute Leistung.
Jordi Quintillà: Note 5. Der Spanier bestimmt den Rhythmus des Teams. Sein Corner führt zum zwischenzeitlichen 3:2 für die St.Galler.
Lukas Görtler: Note 5,5. Der Deutsche peitscht nicht nur das Publikum, sondern auch seine Teamkollegen an. Die Belohnung: ein Treffer und zwei Torbeteiligungen.
Betim Fazliji: Note 5. Stark, wie er das 1:0 erzielt. Findet sich nach Letards Verletzung nach Anfangsschwierigkeiten auch in der Abwehr zurecht.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Sein Freistoss steht am Ursprung des 1:0-Führungstors. Wirkt manchmal etwas fahrig.
Ermedin Demirovic: Note 4,5. Lange ohne Einfluss. Bedrängt in der 73. Minute seinen Gegenspieler aber derart, dass diesem ein Eigentor unterläuft.
Cedric Itten: Note 4. Nach einem guten Start taucht er ab. In der 76. Minute verpasst Itten eine Hereingabe knapp.
Tim Staubli: Note 4. Ersetzt Letard, macht seine Sache gut, bringt aber über links zuwenig offensive Impulse.
André Ribeiro: keine Note. Kommt in der 89. Minute. Der Einsatz ist zu kurz für eine Note.
Axel Bakayoko: keine Note. Ersetzt Görtler. Auch dieser Einsatz reicht nicht für eine Note.

Silvan Hefti: Note 5. Der Captain hilft nach der Pause mit, die Baisse zu überwinden. In der zweiten Hälfte mit sichtlich mehr Offensivdrang.

Weil St.Gallen aber nicht aufsteckt, Ermedin Demirovic seinen Gegenspieler Jordan Lefort in der 73.Minute zu einem Eigentor «zwingt» und Lukas Görtler mit Beginn der Nachspielzeit für den FC St.Gallen das 3:2 per Kopf erzielt, sind die Szenen mit dem Handspenalty – notabene per VAR-Entscheid erst gegeben – überhaupt möglich und so entscheidend.

YB-Mittelfeldspieler Christian Fassnacht sagt später, der VAR sei nun halt da, mit dem Punktgewinn aber ist er nicht zufrieden. «Wir haben hohe Ambitionen, wollen Meister werden.» Und genau das ist der springende Punkt. So mir nichts dir nichts holt die Mannschaft von Trainer Gerardo Seoane in dieser Saison diesen Pokal nicht, weil sich der FC St.Gallen als ebenso aufmüpfiger wie hartnäckiger Gegner erweist. Und dahinter, mit fünf Punkten Rückstand, lauert auch noch der FC Basel.

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Bild: Urs Bucher

Früher musste der Stadionsprecher im Espenmoos gefühlt bei jedem Heimspiel der Ostschweizer ausrufen, der Halter mit dem St.Galler Nummernschild so und so müsse dringend umparkieren. Und heute kommt für die Ligakrösusse Basel und Young Boys der FC St.Gallen nun wie ein Falschparker daher. Doch sein junger, schnittiger Wagen lässt sich irgendwie nicht so leicht wegbringen vom besten Platz, dem Sehnsuchtsort der Super League.

Weit in den Hintergrund rückt die aktuelle, spannende Tabellensituation damit auch die Diskussion um eine mögliche Modusänderung in der Super League, die vor allem aus dem Blickwinkel einer langweiligen, weil früh entschiedenen Meisterschaft entstanden ist.

Der St.Galler Stürmer Cedric Itten nennt die Punktverluste «sehr bitter», und die Berner müssen sich fragen, wie ihre Heimfahrt wohl ausgesehen hätte, würden sie jetzt Zweite sein mit drei Zählern Rückstand. Ob Seoane dann auch noch davon sprechen würde, «beste Werbung für den Schweizer Fussball erlebt zu haben»? Doch anstatt dass dieses Wahnsinnsspiel an sich das dominierende Thema ist, fragt sich nun die ganze Schweiz, was der VAR aus dem Fussball macht.

Fürs Erste verunmöglicht er, dass es mehr Nahrung gibt für ein immer realistischer werdendes Leicester der Schweiz, und wenn man die Worte von St.Gallens Trainer Peter Zeidler umdeuten will, dann kann man sogar meinen, als wollte der VAR dieses Leicester der Schweiz, diese Cinderella-Geschichte nicht; 2016 ist der englische Aussenseiter-Club ja Sensationsmeister der Premier League geworden. Zeidler jedenfalls sagt:

«Ich kommentiere Schiedsrichterleistungen nicht. Ich frage mich aber, weshalb Herr Bieri die Szene beim wiederholten Penalty nicht nochmals anschaut. Man sollte sich im Leben nicht immer auf Herrn Schärer verlassen.»

Fakt ist, dass St.Gallen den Bernern nach dem 2:3 und 3:4 in der Hinrunde nähergekommen und damit auf die nächste Stufe gelangt ist. Spätestens nach diesem 3:3 muss der Leader der Super League als ernstzunehmender Meisterkandidat gelten, der mit seiner Power und Juvenilität, mit seiner Euphorie im und rund um den Verein, mit seinem Zusammenhalt und Selbstvertrauen beeindruckt.

Favorit Nummer eins auf den Titel bleiben wohl aber weiter die verletzungsgeplagten, vom afrikanischen Element geprägten Young Boys. Nur schon wegen ihrer wirtschaftlichen Dominanz wären sie ein Meister der Logik, St.Gallen aber ist jetzt schon ein Meister des Herzens.

Die Abrechnung erfolgt am 21. Mai in Bern, wenn die Young Boys den FC St.Gallen im letzten Saisonspiel empfangen. Dabei wollten ihre Stadtpolitiker eine Finalissima im eigenen Stadion tunlichst vermeiden. Sie hatten da aber den FC Basel im Kopf.

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Auch nach dem Direktduell zwischen St.Gallen und YB führt kein Team die Super League klar an. Die Espen und die Berner trennen sich nach einem umkämpften Spiel 3:3. Auch wenn der FC St.Gallen damit an der Tabellenspitze bleibt, fühlt sich das Unentschieden wegen eines umstrittenen Penaltyentscheids in der Nachspielzeit ein bisschen wie eine Niederlage an.
Stephanie Martina

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Er spielt im rechten Mittelfeld des FC St.Gallen, ist Vorkämpfer, Antreiber, ein Fels in der Brandung, deutsche Eiche halt. Doch Lukas Görtler ist noch viel mehr: Ansprechperson für Trainer Peter Zeidler und trotz der erst 25 Jahre eine Vaterfigur für die jungen Mitspieler. Keiner könnte seine Teamgefährten vor dem Hit gegen YB besser beschreiben als Görtler.
Christian Brägger