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Als Fussball im Krieg vereinte: der Weihnachtsfrieden 1914

Nach vier Monaten blutigen Konflikts kommt es im 1. Weltkrieg zwischen deutschen und britischen Soldaten zu einer unerwarteten Feuerpause und einem Fussballspiel. Einfache Soldaten verbrüderten sich durch den Sport.
Philipp Wolf
An Weihnachten 1914 spielen britische und deutsche Soldaten miteinander Fussball und schaffen Momente der Menschlichkeit mitten auf dem Schlachtfeld. (Bild: Getty)

An Weihnachten 1914 spielen britische und deutsche Soldaten miteinander Fussball und schaffen Momente der Menschlichkeit mitten auf dem Schlachtfeld. (Bild: Getty)

Im Sommer 1914 hatten viele Soldaten geglaubt oder gehofft, an Weihnachten bereits wieder zu Hause bei ihren Liebsten zu sein. Doch vier Monate nach Kriegsausbruch standen sich die deutschen sowie die britischen und französischen Truppen noch immer in den Schützengräben gegenüber – und der Stellungskrieg sollte noch vier weitere Jahre dauern.

An der Westfront zwischen dem flandrischen Ypern und dem französischen Richebourg starben in den ersten Kriegsmonaten mehr als eine halbe Million Menschen. Der Frontabschnitt war in der Vorweihnachtszeit die Hölle auf Erden; bis zum Anbruch von Heiligabend. Am 24. Dezember machte der Krieg für einen Moment Pause. An Stelle von Kanonenfeuer und Schmerzensschreien hallten plötzlich Weihnachtslieder über das Schlachtfeld. Irgendwo stimmte ein deutscher Soldat «Stille Nacht» an, worauf von französischer und britischer Seite Applaus zu hören war, bevor diese den Klassiker in ihren jeweiligen Muttersprachen ebenfalls zu singen begannen.

Eine Episode der Menschlichkeit inmitten des Grauens

Wenig später stellten deutsche Soldaten Kerzen auf ihre Schützengräben und bald zog sich eine kilometerlange Lichterkette der Frontlinie entlang. Die Allierten fürchteten ob den Lichtern zunächst einen Angriff der Deutschen und eröffneten vorsichtshalber das Feuer auf deren Positionen, das jedoch nicht erwidert wurde. Die Stellungen der Kriegsgegner lagen an einigen Frontabschnitten so nahe beieinander, dass sich die Soldaten Weihnachtsgrüsse zurufen konnten.

Am nächsten Morgen, als sich der Gefechtsnebel verzogen hatte, sprachen die verfeindeten Soldaten nicht bloss mit einander, sie versammelten sich gar auf dem Schlachtfeld zwischen den Schützengräben. In Abwesenheit der Generalität missachteten die einfachen Soldaten alle Regeln, beschenkten sich gegenseitig mit Zigaretten oder Schnaps, tauschten Feldabzeichen und spielten Fussball. Auf dem gefroren Boden, wo Stunden zuvor noch gestorben wurde, richteten Briten und Deutsche ein provisorisches Spielfeld ein. Die Deutsche Fussballzeitschrift «11Freunde» schreibt über dieses Spiel:

«Obwohl es keinen Schiedsrichter gab, hielten sich die Spieler streng an die Regeln.»

Deutsche warnen Briten vor Angriffen

Menschen, die sich tags davor noch nach dem Leben trachteten, spielten fair, und halfen sich gegenseitig wieder auf die Beine. Das Spiel dauerte rund 60 Minuten; bis das deutsche Oberkommando davon Wind bekam und es unterband. Die Deutschen gewannen 3:2. Zu solchen Fussballspielen kam es an der Front zwischen Ypern und Richebourg über die Weihnachtstage mehrmals und an verschiedenen Frontabschnitten. Die Verbrüderung der einfachen Soldaten ging an Weihnachten 1914 gar so weit, dass sich die Lager darauf einigten, Angriffsbefehle der Generäle nur zum Schein auszuführen. So schrieb ein britischer Soldat über diese Absprachen:

«Die Deutschen geben uns Bescheid, dass am Nachmittag ihr General kommt. Wir sollen aufpassen, dann würden sie ein bisschen schiessen müssen, aber nur um den Schein zu wahren.»

Wenig später war der Weihnachtsfrieden endgültig zu Ende. Die Soldaten auf beiden Seiten mussten wieder ihren Oberen gehorchen, ihr Gegenüber töten, und fürs eigene Land Ruhm und Ehre erlangen.

Das Fussballspiel von damals ist bis heute das einzig überlieferte sportliche Aufeinandertreffen zweier sich bekriegender Parteien inmitten der Kampfhandlungen. Bereits an den Weihnachten darauf achteten die Oberkommandos der Deutschen und der Alliierten strengstens darauf, das es nicht mehr zu Szenen von Menschlichkeit in der Hölle auf Erden kam.

Eine Quelle der Freude in Zeiten des Elends

Kinder und Jugendliche erleben in Flüchtlingslagern durch Sport seltene Augenblicke der Freude. (Bild:AP)

Kinder und Jugendliche erleben in Flüchtlingslagern durch Sport seltene Augenblicke der Freude. (Bild:AP)

Sport lässt auch heute noch Menschen ihr Leid für kurze Zeit vergessen. Für Flüchtlinge ist er ein Zufluchtsort und für Kinder und Jugendliche aus sozialen Brennpunkten eine Lebensschule. Altbundesrat Adolf Ogi erlebte als UNO-Sonderbotschafter, wie Sport Menschen Freude schenkt und Werte vermittelt. Für Schweizer bedeutet Sport Zeitvertreib, Spass und Bewegung. Fernseh-Anstalten und Zeitungen zeigen derweil immer wieder Bilder von Kindern, die unter widrigsten Umständen, beispielsweise in improvisierten Flüchtlingslagern, mit einem Lachen im Gesicht Fussball oder ähnliches spielen.

Für einen Moment scheint all das Traumatische in den Hintergrund zu rücken, das die Kinder erlebt haben. All die Freunde und Verwandten, die sie verloren haben. Im Krieg ist Sport ein Zufluchtsort von den unsäglichen Lebensumständen, der zeigt, dass doch noch Freude empfunden werden kann. Für Menschen, vor allem Kinder, die vor Krieg oder Konflikt geflohen sind und in einem Flüchtlingslager Unterschlupf gefunden haben, ist Sport essenziell.

Altbundesrat Adolf Ogi, von 2001 bis 2007 Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden im Auftrag der UNO, erlebte dies aus erster Hand, unter anderem bei einem Besuch eines Flüchtlingslagers in Uganda. «Sport lässt die Kinder alles um sie herum kurz vergessen», sagt Ogi. Eltern und Helfer in den Lagern sind froh um einen positiven Fixpunkt in Zeiten des Leids und der Ungewissheit. Sport gibt dem Lageralltag Struktur, hält die Kinder auf Trapp und bringt miteinander in Kontakt. Sport bringt Farbe in ihren grauen Alltag, und nimmt dabei kaum Ressourcen in Anspruch.

Ogi sagt: «Den Anblick von Kindern, die trotz traumatischer Erfahrungen durch Sport Freude erleben, vergisst man nie, nie, nie!», sagt Ogi. Sport vermittelt auf spielerische Weise fundamentale Werte Der ehemalige Sonderbotschafter verweist denn auch darauf, dass Sport nicht nur in Krisengebieten eine wichtige Rolle zukommt. Sport sei generell eine Lebensschule, sagt Ogi. An Orten, wo der Rechtsstaat nur spärlich zugegen und Selbstjustiz an der Tagesordnung ist, vermittelt Sport Werte, die für eine Gesellschaft von grundlegender Wichtigkeit sind: Respekt, Fairness, Gewaltlosigkeit.

Ogi nennt als Beispiel die kolumbische Grossstadt Medellín, die Anfang des 21. Jahrhunderts noch einer der gefährlichsten Orte der Welt war. Ohne Schiedsrichter liess man die Kinder und Jugendlichen gegeneinander Fussballspielen. So sollten diese lernen, auf friedliche Weise mit Niederlagen umzugehen und Meinungsverschiedenheiten ohne Gewalt zu lösen, sagt Ogi. An kriesengeschüttelten Orten fernab der geheizten Turnhallen, der top-ausgestatteten Fitnesscentern, und der gefüllten Stadien, kann Sport so viel mehr sein als blosser Zeitvertreib. (pw)

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