Die ehemalige Vaduz-Präsidentin Ruth Ospelt über Frauen im Spitzensport: «Als Frau bist du immer eine Aussenseiterin»

Florence Schelling ist die erste Sportchefin im Schweizer Eishockey. Warum ist dies so aussergewöhnlich? Vorkämpferinnen erzählen.

Raphael Gutzwiller
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Die Gleichberechtigung schreitet in vielen Bereichen voran. Homosexuelle können Politiker werden, Frauen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel zählen zu den mächtigsten Personen der Welt. Im Sport aber, da ist es mit der Gleichberechtigung noch nicht weit her. Dort spielt das Geschlecht eben doch noch eine Rolle, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Als Florence Schelling als neue Sportchefin des SC Bern vorgestellt wurde, schlug die Meldung hohe Wellen. Denn sie ist ein Novum. Endlich ist eine Frau in einer der zwei grossen Mannschaftssportarten für das Sportliche verantwortlich.

Ruth Ospelt war sechs Jahre lang Präsidentin des FC Vaduz, ehe sie im September 2019 zurücktrat.

Ruth Ospelt war sechs Jahre lang Präsidentin des FC Vaduz, ehe sie im September 2019 zurücktrat.

Bild: Peter Klaunzer/Keystone Bild: Freshfocus Bild: Freshfocus

«Es wurde auch endlich Zeit», sagt dazu Ruth Ospelt. Die 61-Jährige kennt die Männerdomäne des Mannschaftssports schon lange. Sechs Jahre war sie Präsidentin des FC Vaduz, ehe sie im September 2019 zurücktrat. «Man muss sich schon durchzusetzen wissen», sagt sie. Ruth Ospelt verstand nicht viel vom Fussballgeschäft, als sie sich 2003 als Sekretärin beim FC Vaduz bewarb. Später wurde sie Präsidentin der Gönnervereinigung, Vizepräsidentin des Vereins, ehe sie 2013 zur Präsidentin aufstieg. Unter ihr kehrte der FCV 2014 in die Super League zurück, schaffte den Ligaerhalt und spielte so lange wie nie zuvor in der obersten Schweizer Spielklasse, 2017 stieg er ab. «Es war eine wunderbare Zeit.»

Nach Gigi Oeri war Ospelt erst die zweite Präsidentin eines Profivereins im Schweizer Fussball. Dass sie den Mut hatte, in die Männerdomäne vorzudringen, schätzten nicht alle im Ländle. Die Folge waren zwei anonyme Zuschriften und Leserbriefe, in denen sie angegriffen wurde. Selbst im Alltag war es nicht immer einfach, so Ospelt. «Eine Sitzung mit nur Männern am Tisch, ist als einzige Frau eine Herausforderung. Man ist der automatische Aussenseiter und muss sich Gehör verschaffen.» Sie habe dann jeweils versucht, aktiv auf das Problem aufmerksam zu machen. «Wenn schon nur eine weitere Frau am Tisch sitzt, ist das Gespräch ganz anders», sagt Ospelt.

Als Frau führte sie anders als ihre männliche Kollegen. Zum Beispiel mit einer speziellen Idee:

«Wenn immer möglich, habe ich jedem Spieler jeweils persönlich zum Geburtstag gratuliert und ihm einen «Einräppler» in einer kleinen roten Box geschenkt. Ein Glücksbringer, als Zeichen meiner Wertschätzung. Solche Dinge machen männliche Präsidenten von Fussballvereinen nicht.»
Der FC Vaduz erlebte unter Ruth Ospelt als Präsidentin die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte.

Der FC Vaduz erlebte unter Ruth Ospelt als Präsidentin die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte. 

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Frauen in Führungsposition im Mannschaftssport gibt es selten. Schneller als im Sport schritt die Gleichberechtigung in der Politik voran. Bundesrätinnen sind längst keine Ausnahme mehr, Deutschland hat mit Angela Merkel seit Jahren eine Bundeskanzlerin und Theresa May und Margaret Thatcher sind ehemalige Premierministerinnen Grossbritanniens. Auffällig in der jetzigen Corona-Krise ist, dass sich Staaten mit einer Frau an der Spitze profilieren können. Die neuseeländische Ministerin Jacinda Ardern gilt als Positivbeispiel schlechthin, aber auch die finnische Premierministerin Sanna Martin, die norwegische Premierministerin Erna Solberg, die isländische Premierministerin Katrin Jakobsdottir und Tsai Ingwen, Präsidentin von Taiwan, bekommen jetzt in der Krise bessere Kritiken als ihre männlichen Pendants.

Ehemalige Athletinnen mit Vorteilen der Akzeptanz

Corinne Schmidhauser ist Präsidentin von Antidoping Schweiz und der Appellationskammer des Weltschiedsgericht des Sports.

Corinne Schmidhauser ist Präsidentin von Antidoping Schweiz und der Appellationskammer des Weltschiedsgericht des Sports. 

Bild: Peter Klaunzer/Keystone Bild: Freshfocus Bild: Freshfocus

Corinne Schmidhauser, die einst beste Slalomfahrerin der Welt, hat nach dem Spitzensport als Sportanwältin Karriere gemacht. Mit anderen Erfahrungen als Ospelt. «Probleme als Frau habe ich nie gehabt. Vielleicht auch, weil man mir als ehemalige Athletin nie Fachwissen bezüglich dem Sport absprach.»

Anders erleben dies etwa Sportjournalistinnen, die nicht nur in einer krassen Unterzahl sind, sondern immer beweisen müssen, dass sie Sport-Fachwissen haben. Eine Qualität, die offenbar vielen Frauen weniger zugeschrieben wird, als dies bei Männern der Fall ist. Ähnlich war es auch bei Ruth Ospelt als Präsidentin des FC Vaduz. «Am Anfang in dieser Funktion habe ich mich bewusst zurückgehalten. Aber nach 16 Jahren beim FCV, davon neuneinhalb Jahre in der Führung, habe ich natürlich durchaus auch einiges verstanden. Dennoch musste ich jeweils auf mich aufmerksam machen.»

Schmidhauser weist darauf hin, dass es automatisch noch nicht so viele Expertinnen in Mannschaftssportarten geben kann. «Erst seit einigen Jahren stehen dort die Frauen mehr im Fokus und betreiben es professionell. Darum glaube ich, dass es in einigen Jahren nicht mehr so ungewöhnlich ist, wenn eine Frau nach einer erfolgreichen Karriere im Fussball oder Eishockey in eine solche Position kommt – wenn sie denn auch will.» Schmidhauser ist gegen eine Frauenquote, im Sport sowieso. «Das Geschlecht darf keine Rolle spielen. Es soll nur darum gehen, welche Fähigkeiten eine Person hat. Und das Beispiel von Schelling zeigt eindrücklich, dass dies keine Rolle spielt. Entscheidend ist, dass sie ihren Job gut macht.»

Die spezielle Reise nach Georgien

Dass es hierzulande schon fortschrittlicher mit der Akzeptanz einer Frau in einer solchen Führungsposition ist, stellte Ruth Ospelt auf Europacup-Reisen mit dem FC Vaduz fest. Bei einem offiziellen Essen vor einer Europa-League-Qualifikationspartie gegen das georgische Chikhura Sachkhere erlebte sie 2013 eine absurde Situation. Die Männer des georgischen Vereins sprachen kein Wort mit ihr, kommunizierten nur mit den männlichen Kollegen Ospelts. Zudem sollte sie bei einem gemeinsamen Schnapstrinken teilnehmen. Als Geschenk erhielt sie zwei Säbel. «Das war eine besonders spezielle Situation», sagt Ospelt. «Die Akzeptanz ist bei uns zum Glück viel grösser.»

Die Frauen mit Führungserfahrung sind sich einig, dass Frauen andere Chefs seien. «Frauen sind emphatischer und einfühlsamer», findet Ospelt. «Frauen sind tendenziell weniger hierarchisch», findet Schmidhauser. Darum sei es schön, dass auch im Sport der weibliche Blick immer mehr einfliesst.

Frauen mit Führungsfunktionen im Sport

Ist neue Sportchefin des SC Bern: Die ehemalige Nationaltorhüterin Florence Schelling.
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Amaia Gorostiza ist seit 2016 Präsidentin des spanischen Fussballklubs SD Eibar. Sie ist die erste Präsidentin eines Vereins einer Topliga.
Gisela «Gigi» Oeri war von 2006 bis 2012 Präsidentin des FC Basel und damit die erste Frau an der Spitze eines Schweizer Fussballklubs.
Vicky Mantegazza ist seit 2011 Präsidentin des HC Lugano. Sie ist die Tochter von Geo Mantegazza, der den Verein in den 1980er-Jahren präsidierte.
Ruth Ospelt war sechs Jahre lang Präsidentin des FC Vaduz, ehe sie im September 2019 zurücktrat.
Corinne Schmidhauser ist Präsidentin von Antidoping Schweiz und der Appellationskammer des Weltschiedsgericht des Sports.

Ist neue Sportchefin des SC Bern: Die ehemalige Nationaltorhüterin Florence Schelling. 

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE