Vor 40 Jahren: Als ein Student namens Ernst Schläpfer in St.Gallen Schwingerkönig wurde

Auf der Kreuzbleiche in St.Gallen fand 1980 das Eidgenössische Schwingfest statt. Der Wolfhäldler Ernst Schläpfer triumphierte.

Ives Bruggmann
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Ernst Schläpfer war auch in der Berichterstattung des «St.Galler Tagblatts» die grosse Figur. Er dominierte das Eidgenössische in St.Gallen mit acht Siegen.

Ernst Schläpfer war auch in der Berichterstattung des «St.Galler Tagblatts» die grosse Figur. Er dominierte das Eidgenössische in St.Gallen mit acht Siegen.

Bilder: Archiv Tagblatt, Keystone/Montage: Stefan Bogner

«Gegen Ernst Schläpfer war kein Kraut gewachsen» – so titelte das «St.Galler Tagblatt» am Montag nach dem Eidgenössischen Schwingfest am 23. und 24. August 1980 in St.Gallen. Auf der Kreuzbleiche stampften die Veranstalter ein temporäres Stadion für rund 35000 Zuschauer aus dem Boden. Die Festansprache hielt der einheimische Bundesrat Kurt Furgler, der in unmittelbarer Nähe des Festplatzes aufgewachsen war.

Die Hauptprotagonisten waren in St.Gallen aber die Schwinger – allen voran Ernst Schläpfer aus Wolfhalden. Der 24-jährige ETH-Student der Agronomie startete als haushoher Favorit. Der 1,83 m grosse und 110 kg schwere Sennenschwinger hatte im Vorfeld während der gesamten Saison keinen einzigen Gang verloren. Auf der Kreuzbleiche setzte er seinen Siegeszug fort. Bis am Sonntagnachmittag gewann er alle sieben Kämpfe, darunter gegen einige Mitfavoriten. So kam es um Punkt 16 Uhr zum Nordostschweizer Schlussgang um den Titel des Schwingerkönigs: Der Appenzeller Schläpfer traf auf Kurt Schneiter aus Schmerikon. Der heute 64-jährige Schläpfer erinnert sich genau an seine Gefühlslage vor dem Gang gegen den 1,92 m grossen und damit körperlich überlegenen Gammen-Spezialisten Schneiter. Schläpfer sagt:

«Ich wusste, dass ich nicht verliere, wenn ich konzentriert schwinge.»

Ein Problem war für den Studenten aber die ungeklärte Ausgangslage. Trotz Punktevorsprungs konnte er sich nicht sicher sein, dass ihm bei einem gestellten Schlussgang der Königstitel ebenfalls verliehen wird. Also musste er gewinnen, um auf Nummer sicher zu gehen. Wenige Wochen vorher hatte es am Nordostschweizer Teilverbandsfest denselben Schlussgang gegeben – er endete ohne Sieger. Doch in St.Gallen war Schläpfer besser vorbereitet. «Ich habe mit meinem Trainer Hans Rechsteiner stundenlang über diesen möglichen Kampf diskutiert.» Zuerst sprengte er Schneiter zu Boden. Mit dem Grittelen riss er den Gegner auf und drehte ihn zum Resultat auf den Rücken. An ebendiesem Schwung hatte Schläpfer in der Vorbereitung minutiös gearbeitet, die Technik verfeinert, um noch mehr Hebelwirkung zu erzielen. Nach dem Sieg brach es aus Schläpfer heraus. Er sagt heute: «Ich habe lange dafür gearbeitet. Wenn es dann klappt, ist es schon schön.»

Der Schlüsselmoment drei Jahre vor St.Gallen

Das «St.Galler Tagblatt» bilanzierte: «Der Mann, der eine Palette von Schwüngen kennt und sie fast in Perfektion ausführt, hatte sein grosses Ziel erreicht.» Drei Jahre habe er auf dieses Fest hingearbeitet, so Schläpfer. Ein Schlüsselerlebnis war für ihn, als 1977 am Eidgenössischen Schwingfest in Basel die Nordostschweizer Arnold Ehrensberger als Schwingerkönig und Max Wolfensberger als Zweitplatzierter ausgerufen wurden. Da beschloss der junge Appenzeller: «Jetzt arbeite ich darauf hin.» Denn nur drei Wochen vor dem Eidgenössischen 1977 in Basel war es Schläpfer, der sowohl den späteren Schwingerkönig Ehrensberger als auch Wolfensberger besiegt hatte. «Unter zehn Trainings pro Woche waren es nie», sagt der Schwingerkönig von St.Gallen, der drei Jahre später in Langenthal nachdoppelte. Perfektionist Schläpfer ging damals neue Wege, eignete sich das Wissen über Trainings und Ernährung selber an. Diszipliniert hielt er sich an seine Vorsätze, ging während der Saison zwischen März und Oktober nicht einmal aus und dafür jeweils um 22.30 Uhr ins Bett.

Der Lohn war Muni Gregor, dessen Wert damals auf 6000 Franken geschätzt wurde. Auch wenn das «St.Galler Tagblatt» damals schrieb: «Gregor wird nicht verkauft», so gab der angehende Agronom Schläpfer den Lebendpreis den Organisatoren zurück und nahm das Preisgeld. «Der Erlös war auf diese Weise grösser für mich.»

Der Vater setze sich zum Sohn aufs Schwingerbänkli

Das damalige Festgelände des Eidgenössischen Schwingfests auf der Kreuzbleiche sieht Schläpfer heute noch vor sich. Die sechs Tribünen mit einem Fassungsvermögen von rund 35000 Zuschauern seien damals schon stattlich gewesen. «Nur das ganze Drumherum war viel kleiner», sagt der zweimalige Schwingerkönig. Der Kontakt zwischen Publikum und Schwingern war zu diesen Zeiten noch einfacher möglich. Die Teilnehmer hätten damals auf den Schwingerbänkli das Geschehen auf den Plätzen mitverfolgt. «Einmal hat sich mein Vater zu mir gesetzt. Das ginge heute wohl nicht mehr so einfach.»

Nach dem Eidgenössischen in St.Gallen sollte Schläpfer das Schwingen noch viele weitere Jahre entscheidend prägen. Erst 1986 in Sitten endete seine Regentschaft als Schwingerkönig im Schlussgang gegen den Innerschweizer Harry Knüsel.

Jubiläumsfest in Appenzell soll stattfinden

Das Organisationskomitee ist zuversichtlich, dass der Schwinget zum 125-jährigen Bestehen des Eidgenössischen Schwingerverbandes wie geplant am 30. August 2020 durchgeführt werden kann.
Ives Bruggmann